Tauben, Möwen und der Bauer – Jan Decker über Wilhelm Lehmann

In seinen «Eckernförder Notizen» meditiert der Autor Jan Decker über Kunst und Leben und Wilhelm Lehmann. Es sind Postkarten aus dem Guckaussenposten.

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«Ich werde den Hühnergott zurück ins Strandbett legen, die ganze Séance auf meinem Ateliertisch, und nur die beschriebenen weissen Blätter mitnehmen. Neue Wendungen, ein neues Bild des Dichters. Er gleicht der Anemone, wie Wilhelm Lehmann sie beschreibt.» (ZvG)

von Jan Decker

Ein Regen stürzt. Nicht selten für diese Woche, die kalendarisch den Sommeranfang markiert. Doch ein heidnischer Naturgeist hat uns Dichterwetter beschert. In Ermangelung eines Paars Gummistiefel sitze ich am Schreibtisch in der Ottestrasse in Eckernförde. Ich bin seit einigen Wochen Stipendiat im Schleswig-Holsteinischen Künstlerhaus. Und entschieden zu sensibel für Streifzüge durch die norddeutsche Natur.

Am Anfang meiner Eckernförder Tage waren die kahlen Räume des Ateliers in der Ottestrasse ein unbeschriebenes Blatt. Einige verblichene Schokoladenkäfer auf der Küchenfensterbank waren die einzigen Spuren früheren Lebens. Welke Blüten hatten sich auf dem Balkon gesammelt. Es roch nach einer Übergangszeit. Doch was konnte sie sichtbar machen?

Ich unternahm meine ersten Erkundungen entlang der Eckernförder Bucht. Später begleitete mich auf diesem Leib- und Magenspaziergang mein dreijähriger Sohn, der für eine Woche nach Eckernförde gekommen war. Und noch später fand ich heraus, dass der Spaziergang an der Eckernförder Bucht entlang und den abknickenden Feldweg hinauf zum Gut Hemmelmark auch Wilhelm Lehmanns Leib- und Magenspaziergang gewesen war.

Schon hatte sich ein schichtendes Blatt zwischen Ankunft und Gegenwart in Eckernförde gelegt. Das rumorende Frühjahr war den ersten entschiedenen Sommertagen gewichen. Die welken Blüten auf dem Balkon waren getrocknet. Mein Sohn fragte nach dem Alter der Schokoladenkäfer auf der Fensterbank. Ich konnte es nicht bestimmen. Dafür sammelten wir Strandgut. Gesprengte Muschelkörper, einen Hühnergott, bernsteinschimmernde Würfel, die sich allesamt auf dem weissen Tisch im Arbeitsraum des Ateliers ablegten. Eckernförder Sedimente.

Noch unentschieden übrigens, ob sie eine wissenschaftliche Exponatschau bildeten oder ob sie an sich Natur sein wollten, die in den leeren Raum versetzt den schönen Schein unserer Spaziergänge reflektierten. Ich war es aus Leipziger Tagen nicht gewohnt, Strandgut auf Tischen anzuordnen. Die Sammlung konnte unendlich sein. Man hatte in Eckernförde also mit der Natur zu tun, wenn man es mit Kunst zu tun hatte.

Während mein Sohn nun die grossen Wackersteine im kleinen Hof der Ottestrasse bevorzugte, weil sich mit ihnen vortrefflich spielen liess, bestaunte ich immer aufs Neue die Fundstücke meines Leib- und Magenspaziergangs. Ich begann, an sich eher ein Mittellandbewohner und unesoterischer Geist, Séancen mit ihnen zu legen. Und da merkte ich doch, was mich von den mitwohnenden Stipendiaten, drei bildenden Künstlerinnen, unterschied. Sobald ich das Material raffiniert auf dem Tisch arrangieren wollte, legte ich es doch immer wieder zu plumpen Kreisen zusammen.

Ich versuchte es zuerst mit dem Hühnergott. Er sollte als eine Art Mondsichel die kleinen Schnecken und Muschelgehäuse einrahmen. Aber wie drollig war diese Naturanalogie! Und niemals mochte eine Menschenhand, so tröstete ich mich, die Fundstücke so schön legen, wie sie die Natur selbst an den Stränden von Hemmelmark platziert hatte. Mir fehlte nur noch der richtige Lehrmeister, um diese Erkenntnis zu untermauern. Ich war mit keinem Buch nach Eckernförde angereist. Stattdessen mit einem Schub weisser Blätter, die nun beschrieben sein wollten.

Aber vielleicht war es gut so. Bevor ich in der Eckernförder Stadtbibliothek auf Wilhelm Lehmanns Gedichte stiess, lehrte mich die Natur demnach Geduld in der Beobachtung. Und diese Haltung wiederum war die schönste Voraussetzung, um Wilhelm Lehmanns Welt zu entdecken. Der heidnische Naturgeist hatte mir Regen geschickt, der Sommer liess in diesem Jahr nur selten sein glanzvolles Gewand scheinen. Dass der Regen in Eckernförde aber stürzte und nicht einfach fiel, es war das passende Wort übrigens für das Prasseln im kleinen Hof der Ottestrasse, wurde ein Phänomen. Zuerst ein sinnliches, beobachtetes. Dann ein erlesenes, indem ich diese Wendung bei Wilhelm Lehmann fand.

Ein Regen stürzt. Im unbestimmten Artikel, im Zurücktreten von der Natur, in der Aufgabe einer vorschnellen Eingemeindung (der Regen, die Sonne, das Wetter), in der gleichwertigen Beschreibung der Phänomene, ihrer feingliedrigen Beobachtung, liegt die Literarizität von Eckernförde. War ich in der Ottestrasse zum Naturschwärmer geworden?

Wohl eher nicht. Primel, Steinbrech, Sumpfdotterblume, Feigwurz, Löwenzahn und Huflattich warteten auf mich, wie ich in Wilhelm Lehmanns «Bukolischem Tagebuch» lesen konnte. Doch mich hielt an diesem Tag ein läppischer Regenguss von meinem Leib- und Magenspaziergang ab. Ich kam mir wie Brian Wilson vor, der eigenwillige Bandleader der Beach Boys, der sein Haus nur an babyblauen Tagen verließ. Mir fehlte mehr als der richtige Lehrmeister, um mir einen Reim auf die eigene Naturschwärmerei zu machen. Ich suchte, zumal ich bisher nur mit vier Gedichten hervorgetreten war, und hauptsächlich als Dramatiker operierte, nach der geeigneten Naturgestalt.

Der grüne Gott, das klang verlockend. Aber auch in Leipzig gab es Natur, wenngleich eine eingefriedete, um nicht zu sagen, plattgemachte. Ich dachte an die hässlichen Halden des Braunkohletagebaus, die durchschaubaren Blumenarrangements der Stadtgärtner, das exzessive Abmähen der Wiesen, um dem studentischen Publikum ständig Balzplätze anzubieten. Der grüne Gott hatte in Leipzig verloren. In den Wahlumfragen feierte er dagegen berauschende Erfolge. Auch so eine rätselhafte Sache. Doch was ich in Eckernförde erstaunte, war ein Drittes.

Es hatte etwas mit Stille zu tun, mit Naturbelassenheit, die im Grunde Naturverlassenheit ist. Und natürlich konnte man da lang nach einer Personifikation suchen. Mein Sohn brachte mich schliesslich darauf. Es war sein Verdienst, das hier nicht geschmälert sein darf. Es handelte sich um einen alten Mann, der schräg gegenüber unseres kleinen Hofs einen Taubenschlag unterhielt. Vom Balkon meines Ateliers aus konnten wir diese typische Spezies des städtischen Taubenzüchters (denn wir waren in Eckernförde) gut beobachten.

Mehrmals am Tag kam der alte Mann aus dem Dachfenster seines angrenzenden Hauses gestiegen und warf sich mit durchaus athletischem Schwung auf ein Nebendach aus Teerpappe. Dort stand der Taubenschlag. Und sobald der alte Mann auftauchte, erhoben sich die Tauben zum gemeinsamen Rundflug über Eckernförder Dächer. War es Flucht- oder Balzverhalten? Der alte Mann verharrte ehrfürchtig vor seinem Dachfenster, den Blick gen Himmel gerichtet. Ich wusste gar nicht, wen ich da vor mir hatte. Ein Mischwesen aus Stadtbewohner und Naturfreund? Ein Grünenwähler? Ein Frührentner? Mein Sohn hatte die richtige Wendung. Schau mal, sagte er. Der Bauer.

Natürlich, der Bauer. Ich begriff nun, dass der grüne Gott immer unter uns war. Und dass die Lehmannsche Perspektive nur eines erforderte. Zeit und Geduld. So konnte man der Natur folgen. Mit der Zeit ihre Gesetzmässigkeiten als ihre Schönheiten erkennen. Das alles schon mittels einiger Tauben. Also brauchte es nur Zeit und Geduld. Und die hatte der Bauer. Und die hatte auch ich als Stipendiat in Eckernförde. Man hatte mir schliesslich kein Shanghai-Stipendium verliehen, und ich war froh darüber. Ich hätte sonst gleich in Leipzig bleiben können, trotz leicht unterschiedlicher Größenverhältnisse zwischen Sachsen und Shanghai.

Wir fanden die menschlich-triviale Seite des Bauern (so wie Wilhelm Lehmann Lehrer in Eckernförde war, was freilich kein trivialer Beruf ist), als mein Sohn und ich vor einem Sturzregen in der Eckernförder Innenstadt Schutz suchten. Unser innerer Kompass ist, mit dem der Tauben verglichen, nur rudimentär ausgebildet. Wir ahnten deshalb nicht, dass wir uns plötzlich in dem Haus befanden, auf das wir täglich schauten, um den Bauer und seine Tauben zu studieren, die mit Vorliebe Regenduschen nahmen. Da stand der alte Mann hinter der Theke der Pizzeria und spülte missmutig Biergläser.

Ich dachte an Wilhelm Lehmann. Er war gern Lehrer in Eckernförde. So weit es mir die Zeugnisse verrieten, die ich in der Eckernförder Stadtbibliothek einsehen konnte. Er musste in keiner Pizzeria schwiemelige Biergläser abspülen. Trotzdem war ich froh, den Bauern in seinem natürlichen Lebensraum entdeckt zu haben, ihn bei seinem missmutigen Broterwerb aufgespürt zu haben, nachdem er mir auf dem Teerpappendach als grüner Gott erschienen war. Er war ein Gleichnis auf Eckernförde, eine Personifikation dieser Küstenwelt. Ihre Wahrheiten aufzuspüren, braucht Zeit und Geduld. Aber dann bekommt man unerwartet Geschenke.

Ich muss zugeben, dass ich in den Eckernförder Tagen nur selten den Blick von der Natur abwenden konnte. Lesen konnte ich denn auch in Leipzig, aber Strandgut sammeln nur hier. Ich vernachlässigte das Lesen grob, bis ich auf einem Flohmarkt in Eckernförde, ganz in der Nähe von Wilhelm Lehmanns Haus am Lützowweg, Georg Kaisers Drama «Gas» erstand. Interessant, nach den Wochen der Naturschwärmerei das Drama der Städtebewohner zu entdecken. Als würde ein gewaltiges Kriegsschiff an den Stränden von Hemmelmark vorbeiziehen, und seinen Schatten auf alle Dinge werfen. O Mensch.

O Mann. Ich ging wieder spazieren. An der Eckernförder Bucht spielte sich ein anderes Drama ab, und es hatte nicht weniger mit Kunst zu tun. Wilhelm Lehmann – Georg Kaiser 1:0. Es gibt wohl neben der Gabe der Beobachtung, die jeder Autor mitbringen sollte, ein besonderes Glück der Beobachtung. Das eine funktioniert, indem es aus sich selbst heraus schenkt. Hier haben wir in Wilhelm Lehmann einen grossen Lehrmeister.

Das andere fragt nach der Relevanz eines Gegenstands, es jagt Massenphänomene. Georg Kaiser hatte zweifellos den richtigen Riecher. «Gas». Ein guter Titel. Sein Drama war relevant, gut beobachtet, aber viel zu weit von Eckernförde entfernt. Ich wollte wissen, was der Bauer machte. Biergläser spülen oder seine Tauben betrachten. Ich konnte diese kleine Welt nun schärfer lesen. Was die Städter machten, war mir an diesen Tagen gleichgültig.

Nein, ich war in Eckernförde kein Naturschwärmer geworden. Auch wenn ich in Leipzig niemals von einem heidnischen Naturgott sprach. Ich hatte eine Welt betreten, die sanft vom Puls der Zeit entkoppelt war. Und diese utopische Beigabe fand ich in allen Gedichten Wilhelm Lehmanns. Sie macht das stille Glück seiner Beobachtung aus. Und sie ist in der poetischen Beschreibung der Natur wiederum politischer, als sie zu sein gedenkt. Ohne Gas kein Licht, denkt der Städter. Thoreau und seine Nachfolger wissen, dass es auch anders geht.

Ich werde mit meinem Sohn neues Strandgut suchen, ihn zu der Steilküste bei Hemmelmark führen, wo am Strand ein alter Stein in den Sand gerammt steht, wo der Schwanenkadaver mit seinen fettigen Federkielen liegt, den ich vor seinen Blicken verbergen will. Ich werde den Hühnergott zurück ins Strandbett legen, die ganze Séance auf meinem Ateliertisch, und nur die beschriebenen weissen Blätter mitnehmen. Neue Wendungen, ein neues Bild des Dichters. Er gleicht der Anemone, wie Wilhelm Lehmann sie beschreibt. Niemandem zugehörig, jedem ausgeliefert. Nicht mit hastigem Einfall, nicht mit kurzschlüssiger Mystik operierend. Das wäre der Auftrag der Anemone.

Der Regen hat seinen Sturz beendet. Lichte Fetzen zeigen sich am Himmel. Es ist Zeit für einen Spaziergang. Beim nächsten Besuch in Eckernförde werden Gummistiefel im Gepäck sein, und Wilhelm Lehmanns «Bukolisches Tagebuch». Mit ihm lässt sich der Leib- und Magenspaziergang immer wieder neu entdecken. Das Strandgut lässt sich in den Hosentaschen sammeln. Und den rauen Wind gibt es umsonst. Auch so eine Sache, die ich in der Leipziger Mittellandbucht vermissen werde. Es macht Spass, einen Guckaussenposten zu beziehen. Es ist gut, ihn nicht als erster zu beziehen. Thoreau und die anderen waren schon da. Und wer weiss, vielleicht schreibe ich eines Tages mein fünftes Gedicht.

Tauben, Möwen und der Bauer bilden das Motiv meiner poetischen Postkarte aus Eckernförde. Auch die Mauersegler mit ihrem kühnen Flug entlang der Steilküste bei Hemmelmark. Und die Pflanzen, deren Namen der Bauer noch kennt: Primel, Steinbrech, Sumpfdotterblume, Feigwurz, Löwenzahn und Huflattich. Als Pferde über die Eckernförder Strassen klapperten, sagte mein Sohn: Schau mal, die Pferde machen Musik. Das Erstaunlichste aber: Wir hatten keine Mühe, sie zu hören.

Jan Decker, geboren 1977 in Kassel. Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL). Autor, Dramatiker, Essayist, Literaturwissenschaftler. Theaterstücke mit Uraufführungen am Staatstheater Nürnberg und dem Theater Vorpommern. Zahlreiche Hörspiele und Features, zuletzt „Jockey Deutschland“ (SWR 2014) und „Mein digitales Ich“ (MDR 2014). Hörspielstipendium des Deutschen Literaturfonds (2010), Stipendium im Schleswig-Holsteinischen Künstlerhaus Eckernförde (2011), Spreewald-Literatur-Stipendium (2012), Literaturpreis Prenzlauer Berg (2012), Auswahlliste zum Seume-Literaturpreis (2013). Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Daneben Dozententätigkeit, unter anderem seit 2013 an der Universität Osnabrück. Jüngste Veröffentlichung: „Praxisleitfaden Hörspielwerkstatt“ (Ernst Klett Verlag 2014).

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