European History X – Aida Begics «Les Ponts de Sarajevo»

«Les Ponts de Sarajevo» ist ein starker Episodenfilm über Sarajevo und die europäische Geschichte, oft berührend, immer aber zum Denken anregend. Mit dabei sind bei der deutsch-bosnisch-bulgarisch-französisch-italienisch-portugiesisch-schweizerischen Koproduktion aus der Schweiz Ursula Meier und Jean-Luc Godard und vor der Kamera Gilles Tschudi.

Wer war Gavrilo Princip? In «Les Ponts de Sarajevo» hat er, der Kaiser Franz Ferdinand samt Gattin erschoss, Gelegenheit, die Sache aus seiner Perspektive zu erklären. Wir sehen historische Figuren, wir sehen Menschen aus dem heutigen Sarajevo, ihr Leben, ihre Hoffnungen, und Menschen in der Diaspora , die an die Heimat denken und andere, die in der Diaspora aufgewachsen sind und ihre alte Heimat – oder vielleicht die der Eltern – besuchen.

Unverkennbar wie immer: Jean-Luc Godard betreibt wieder mal filmische Collage. (Bild: zVg)

Unverkennbar wie immer: Jean-Luc Godard betreibt wieder mal filmische Collage. (Bild: zVg)

«Les Ponts de Sarajevo» ist ein wirklich starker Episodenfilm; jeder Beitrag wieder anders, aber doch auf ihre Art gelungen. Biographischem wird dabei viel Platz eingeräumt, aber auch durch andere Strategien fiktionalisierte Miniaturen kommen zum Zug. Jean-Luc Godard bleibt seiner experimentellen Art, die sich von früheren Filmen wie «A bout de souffle» sehr stark wegentwickelt hat, treu; sein Beitrag («Le pont des soupirs») ist dementsprechend eine Melange aus Schrift, Bild und Ton, in der der found footage viel Platz eingeräumt wird. Meilenweit entfernt ist da der andere Schweizer Beitrag. Ursula Meier, die wie der grosse JLG aus der Romandie stammt, überzeugt mit einer Episode («Silence, Mujo») aus dem Leben eines jungen Bosniers, der auf der Suche nach einem verschossenen Fussball auf einem Friedhof landet und dort die Geschichte seiner Heimatstadt selbst kennenlernt. Neben dem Bosnischen (bzw. BCMS) kommen deutsch, französisch, italienisch und katalanisch zum Zug – nicht zu vergessen das Rumänische: Cristi Puius Beitrag – «Réveillon» – spielt ganz im weihnächtlichen Schlafzimmer eines nicht mehr ganz jungen Ehepaars. Was der Mann dort zum Besten gibt, ist ein erschreckendes Dokument des Nationalismus und der Paranoia. Während die Frau von Hermann Keyserling – ihrer Lektüre – erzählt, hat der Mann nur ein Ziel: seinen Nationalismus, seinen Antiamerikanismus, Antisemitismus und Antiziganismus unter die Leute zu bringen – nur sind die Leute in diesem Fall aber nur er und seine Frau. Und doch stehen sie wohl für uns alle – ein Aufruf, wachsam zu bleiben und nicht alles zu glauben, was an Ideologie verbreitet wird. Die Ehefrau in Puius Episode schafft das wohl nicht (oder wagt nicht, ihren Mann zu widersprechen), aber wir, die wir den Film gesehen haben, wir haben bessere Chancen, uns nicht von den Ideologen einseifen zu lassen.

«Les Ponts de Sarajevo». Frankreich, Bosnien und Herzegovina, Schweiz, Italien, Portugal, Bulgarien, Deutschland 2014. Regie: Aida Begic, Leonardo Di Costanzo, Jean-Luc Godard, Kamen Kalev, Isild Lo Besco, Sergei Loznitsa, Vincenzo Marra, Ursula Meier, Vladimir Perisic, Cristi Puiu, Marc Recha, Angela Schanelec, Teresa Villaverde. Mit Gilles Tschudi, Ulysse, Hais Grizovic, Andrej Ivancic, Bogdan Ninkovic u.a. Deutschschweizer Kinostart: 16.4.2015.

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