Keine Frage der Konfession – «Wie viel Judentum brauche ich?» im Kulturmarkt Zürich

In Zürich feierte das erste Stück der neuen Theatergruppe SinnSpiel Premiere. Zeitnah war an der zweiten Aufführung von «Wie viel Judentum brauche ich?»

Eine Frage, die bei all ihrer Tiefe zum Glück unbeantwortet bleibt: Das erste Stück von SinnSpiel ist angenehm offen. zVg

Eine Frage, die bei all ihrer Tiefe zum Glück unbeantwortet bleibt: Das erste Stück von SinnSpiel ist angenehm offen. zVg

Von Daniel Lüthi

Von Anfang an ist die Atmosphäre gemütlich, beinahe familiär. Teppiche liegen auf dem Boden ausgebreitet, etwa fünfzig Stühle, einige davon mit Kissen und Decken ausgestattet stehen in der grossen Halle des Kulturmarkts in Zürich-Wiedikon. Sanfte Klezmer-Musik wird gespielt, Tee und Guetzli (koscher und nicht-koscher) machen die Runde. Unsere Bedenken, sowohl Basler in Zürich als auch nicht-praktizierende Christen in einem Dokumentarstück über jüdische Religion zu sein, sind schnell verflogen.

SinnSpiel wurde 2014 von Eva Mann und Robert Salzer gegründet. «Wie viel Judentum brauche ich?» ist das erste Stück der Theatergruppe. Die Aufführung ist sehr offen gehalten und entspricht dem dokumentarischen Charakter: Vier Personen, jede mit ihrer persönlichen Einstellung zum Judentum, interagieren miteinander, widersprechen sich oder stimmen zu, ohne zu einer Antwort zu gelangen, was jüdisch sein nun effektiv bedeutet. Am Ende entscheidet jeder selbst, was er oder sie davon hält, wie nahe oder fern man sich der Religion verbunden fühlt. Dabei wird das Thema von allen Seiten betrachtet: Mal humorvoll, mal genervt, voller Ernst oder von Liedern unterbrochen. Die biografische Dimension verleiht «Wie viel Judentum brauche ich?» Lebendigkeit und Menschlichkeit.

Esther Goldberger und János Morvay im Dialog. zVg

Esther Goldberger und János Morvay im Dialog über Religion und Alltag. zVg

Vielleicht das grösste Kompliment für den Abend ist, dass man sich als Teil einer Gruppe fühlt – egal, welcher Konfession oder Weltanschauung man angehört. Anstatt nebeneinandergereiht auf eine Bühne zu starren, ist das Stück kreisförmig angelegt, die Schauspieler bewegen sich zwischen den locker aufgestellten Stühlen hindurch und adressieren das Publikum oft direkt. Höhepunkt ist die Zeremonie, an der man in der siebten Szene teilnimmt. Mit Traubensaft zum Kiddusch und Zopf als Ersatz für das Sabbatbrot Challot feiern wir am Ende des Stücks gemeinsam den Schabbat, bevor die vier Darsteller – und auch wir – wieder unserer Wege gehen.

«Wie viel Judentum brauche ich?» nimmt sein Thema ernst, aber nicht zu ernst. Wer nach Antworten sucht, wird dort kaum fündig werden – stattdessen stösst man auf zugängliche Darsteller, welche auch nach der Aufführung gerne weiterdiskutieren. Das Stück lief erfolgreich in Zürich und wird bald auch in Deutschland auf Tournee gehen.

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