gesichtet #107: Auf verschlungenen Pfaden beim Gstäderwegli

Von Michel Schultheiss

Eine liebevolle Geste der Gemeinde Riehen besteht darin, auch jedem noch so kurzen und unbedeutenden Trampelpfad, Stapfelberg und Schleichweg einen Namen zu verleihen. Wenn gerade kein alter Flurname zur Verfügung steht, tun’s auch neuere Kreationen. So weist etwa das erst vor wenigen Jahren so getaufte Salamanderweglein auf die vielen Lurche in der Au hin. Das Hufeisengässlein erinnert noch daran, dass dort bis vor nicht allzu langer Zeit in der dortigen Schmiede – wie sonst nirgendwo im Stadtkanton – noch Pferde beschlagen wurden. Zudem gibt’s noch tierische Namen wie den Eulen- oder Spechtweg, zu dem sich auch mal der inoffizielle «Uhuweg» – vermutlich das Werk eines Anwohners – gesellte.

Gstäderwegli

Seit 1965 nur noch ein Relikt, aber trotzdem mit einem eigenen Strassenschild versehen: Das Gstäderwegli hört bereits bei diesem Gitter auf (Foto: smi).

Daneben bestehen auch Wege, die – obschon amtlich benannt – wenig geläufig sind. Bekanntlich gibt es mitten in der Basler Innenstadt historisch gewachsene Wege ohne Strassenschilder – man denke etwa an das Gansgässlein. In Riehen scheint es wiederum Strässlein zu geben, die stolz eine Beschilderung vorweisen können und trotzdem kaum bekannt sind. Nicht selten sind es solche Schleichwege, über die der ortsinteressierte Spaziergänger per Zufall stolpert und aus Neugier abschreitet, um dann letzten Endes an einer Stelle «hinausgespuckt» zu werden, an der er es gar nicht vermutet hat.

Mooswegli mit Gärten

Das Mooswegli schlängelt sich zwischen den üppigen Gärten hindurch. Hier ist kaum jemand anzutreffen (Foto: smi)

Solche Fälle sind das Gstäder- und Mooswegli. Ersteres fällt nicht nur durch seinen seltsamen Namen auf. Eigentlich ist es gar kein richtiger Weg mehr, sondern bloss ein Relikt: Einst war es ein Durchgang von der Albert-Oeri-Strasse zum Langoldshaldenweg. Schon lange aber ist die Verbindung gekappt – ein Gitter und Wildwuchs steht dazwischen. Trotzdem hat die Gemeinde Riehen vor wenigen Jahren dem Weg eigens ein Strassenschild gewährt.

Mooswegli

Wo das Mooswegli seinen Anfang nimmt (Foto: smi).

Woher der Name stammen mag? Dass Fluren bisweilen ein bizarr klingendes Vermächtnis haben, zeigen auch Strassennamen wie Hellring oder «Im finsteren Boden». Beim Gstäderwegli sieht es folgendermassen aus: Wie im Verzeichnis «Die Ortsnamen von Riehen und Bettingen» nachzulesen ist, lehnt es sich wohl an den Begriff «Gstad» an. Dieser verweist auf Ufer, aber auch auf Böschungen und kleinere Abhänge. Davon zeugt der Flurname «Zwischen Gstäder»: Der Hügelausläufer, welcher vom Chrischona- und Moosweg abgegrenzt wird, liegt auch zwischen dem Immenbächlein und dem (etwas weiter entfernten) Aubach. Das Gstäderweglein – oder besser gesagt seit 1965 nur noch das Teilstück – lehnt sich noch an diese Flur an.

Mooswegli Gstäderwegli Gabelung

Hier trifft das Gstäder- auf das Mooswegli (Foto: smi).

Das kurze Gstäderweglein führt direkt ins Moosweglein. Auch dessen Name hat viel mit den Gewässern der Gegend zu tun: Im Gebiet «Im Moos» wurde einst das Quellwasser des Nollenbrunnens gesammelt, wie im selben Nachschlagwerk zu lesen ist. Das Tal bot daher fruchtbares Ackerland und ziemlich viele Strassennamen deuten noch darauf hin, so eben auch das Mooswegli. Obschon es nicht danach aussieht, ist dieser Pfad, der sich zwischen den Gärten hindurch bahnt, erstaunlich lang. Dort ist aber kaum jemand anzutreffen.

Gstäderwegli mit Treppe

Der Name Gstäderwegli weist auf das Gebiet zwischen zwei Bächen hin (Foto: smi).

Das Weglein endet unauffällig bei der Mohrhaldenstrasse. Dort gibt’s im Stumpgässlein quasi eine Fortsetzung, die am alten Friedhof mit seiner beliebten «Schreihalle» vorbeiführt. Bevor die Überbauung kam, konnte man noch weiter die Gehrhalde hinauf spazieren – ein weiterer Schleichweg, auf dem sich stets Enten und andere Tiere der benachbarten Heim «Zur Hoffnung» tummelten. Zudem gibt’s nochmals einen Weg, der ziemlich schmal ist und irgendwo bei der Psychiatrischen Klinik Sonnhalde endet – bisher ist er namenlos geblieben.

Unbenannter Weg oben am Gstäderwegli

Ein vermutlich noch unbenannter Weg, der ins ohnehin schon wenig bekannte Gstäderwegli mündet (Foto: smi).

Vielleicht mag sich noch jemand an den kanadischen Kinderfilm Simon, der Träumer («Simon les nuages» im Original) erinnern. Um in ein Fantasieland zu gelangen, wo noch Dinosaurier hausen sollen, muss die Hauptperson zusammen mit seinen Begleitern auf der Hut sein: Die Schar muss verborgene Wege beschreiten, die es ermöglichen, von keinem einzigen Erwachsenen gesehen zu werden. Nur so kommen die Kinder ans Ziel. Ein solcher Pfad könnten eben das Moos- und Gstäderwegli sein: Gut versteckt und kaum benutzt schlängeln sie sich durch Riehen. Von daher ist es Zeit für eine Hommage an all die Schleichwege, die viele während der Kindheit so schätzten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.