gesichtet #96: Das versteckte Gansgässlein – ein Phantom unter Basels Strassennamen?

Von Michel Schultheiss

Gansgässlein – schon mal gehört? Wer diesen Strassennamen nicht kennt, muss nicht etwa seine Ortskenntnisse hinterfragen: Kaum jemandem ist die Gasse geläufig – nicht einmal allen Anwohnern sagt es etwas. Dabei liegt sie nicht etwa in einem abgelegenen Gewerbe- oder Schrebergartenareal, sondern im Herzen der Basler Altstadt.

Gansgässlein_vergitterter Eingang

Wie so vieles in der Schweiz ist es auch hier abgeschlossen und privat: Der Zugang zum Gansgässlein vom Pfeffergässlein aus (Foto: smi).

Bei Google Maps ist es eingezeichnet, als ob’s eine ganz normale Strasse wäre: Sie sollte vom Pfeffergässlein zur Schneidergasse führen. Wer aber diesen ominöse Gänsestieg vor Ort sucht, beisst auf Granit: Von unten her ist gar kein Zugang sichtbar. Oben, beim Pfeffergässlein, gibt’s zwar einen, doch der ist mit einem Gitter versperrt. Man könnte meinen, es handelt sich um einen Ort, der für Normalsterbliche nicht betretbar ist – etwa vergleichbar mit der Winkelgasse bei Harry Potter, wo sich alle die urchigen Zauberläden befinden.

Gansgässlein_Blick in den Innenhof

Blick von der Galerie Stampa (an der Ecke Spalenberg-Schneidergasse) auf das Gansgässlein (Foto: smi).

Was soll also dieses Gansgässlein? Wie André Salvisberg in «Die Basler Strassennamen» schreibt, handelt es sich um eine geplante Gasse – das Haus «zur Gens» am Spalenberg hätte dabei als Eingang dienen sollen. Dabei erfolgte die amtliche Benennung bereits 1978. Dass aber eine solche «Phantomgasse» weiterhin auf den Karten sichtbar ist, hat seine Gründe, wie André Frauchiger, Mediensprecher des Tiefbauamtes, erklärt: «Das Gansgässlein befindet sich auf einem Privatareal und die Klammer um den Namen auf der Karte des Basler Geoportals verrät, dass es scheinbar noch nicht fertig ist oder erst in Planung steht». Damit handle es sich nicht um einen Einzelfall – es gebe auch andere solche geklammerte Strassennamen. «Es werden durch die zuständige kantonale Nomenklaturkommission, die zum Justiz- und Sicherheitsdepartement gehört, auch Namen für Strassen auf Privatareal vergeben, wenn diese, gesichert durch ein öffentliches Wegrecht, der Allgemeinheit zugänglich sind», sagt Frauchiger.

Pfeffergässlein mit Eingang zum Gansgässlein

Das «Pfefferplätzli», welches besonders während der Fasnacht aufblüht, mit dem Zugang zum Gansgässlein, links (Foto: smi).

Nun ist aber das Gansgässlein – obschon es das demzufolge sollte – nicht für die Allgemeinheit zugänglich. Eine Erklärung ist vielleicht, dass es zwischen Stuhl und Bank gefallen ist: Womöglich einst als Fussweg geplant, ist es privat geblieben, hat aber (zumindest auf dem Papier, nicht aber auf dem Strassenschild) seinen Namen behalten. Ein ähnliches Kuriosum gibt’s auch im Pfeffergässlein: Die Gasse besteht eigentlich aus zwei verschiedenen Wegabschnitten – ganz zur Verwirrung der Kuriere und neuen Postboten, wie ein Anwohner erklärt. Das Pfeffergässlein bis zur Nummer 21 kommt vom Imbergässlein her – ein verwinkeltes Kleinod, das während der Fasnacht ganz gross rauskommt, wenn sich die Kostümierten in die zahlreichen Cliquenkeller drängen. Die höheren Nummern des Pfeffergässleins sind jedoch woanders: Zugang gibt’s nur via Nadelberg und jener «Blinddarm» ist nicht mit der anderen Gasse verbunden.

Gansgässlein Google Maps

Als ob’s eine normale Strasse wäre: Auf der Karte lässt sich die Gasse problemlos finden (Bild: Google Maps).

Wie auch der Seite «Basler Bauten» nachzulesen ist, gibt es mehrere solche verschwundenen und vergessenen Gässlein in der Altstadt, so etwa das Rappengässlein in der Aeschenvorstadt, welches der Erschliessung der Hinterhäuser diente. Das verdichtete Bauen machte  solche verwinkelten Durchgänge erforderlich. Ein weiteres Beispiel wäre auch das versteckte Andreasgässlein, welches sich durch die Bauten zwischen der Schneidergasse und dem Andreasplatz schlängeln soll und von aussen nicht sichtbar ist. Hinzu kommen auch andere schwer auffindbare Durchgänge – etwa das ebenfalls offiziell benannte Ueli-Gässli im Kleinbasel, das man aber deshalb nicht findet, weil sein Strassenschild geklaut wurde.

Wappen Haus zer Gens

Noch heute an der Ecke Schneidergasse-Spalenberg zu bewundern: Das Wappen der Familie Gens aus dem 14. Jahrhundert (Foto: smi).

Nun aber zurück zum Gansgässlein: Das dortige Haus «zer Gens» fällt noch heute durch das Wappenrelief aus dem 14. Jahrhundert auf. Dabei gibt es eigentlich zwei Häuser mit dem Namen, den vorderen Teil beim Spalenberg, den hinteren beim Pfeffergässlein – es handelt sich um das Vorder- und Hinterhaus der gleichen Parzelle, die sich daher den Namen teilen. Beim oberen Teil gibt’s auch ein Haus «zur Ente».

Das vorderere Haus am Spalenberg 2 zur ganz wurde von illustren Persönlichkeiten der Basler Geschichte bewohnt: Karl Bischoff schreibt im Basler Jahrbuchs von «markanten Besitzer». Das Wappen stammt von den ersten Besitzern des Hauses «zer Gense», die ihm auch den Namen verlieh. Dieser ist schon um 1300 durch Jacob und Agnes Gens belegt, deren Nachkomme Heinrich ist Besitzer des Hauses um die Mitte 14. Jahrhundert urkundlich bezeugt.

Um 1636 besass und bewohnte es eine historische Persönlichkeit: Kein Geringerer als Johann Rudolf Wettstein, der später als Bürgermeister von Basel und als Diplomat Karriere machte. Er war auch Besitzer der «Ente» gleich nebenan. Es folgte eine bedeutenden Basler Familie: Ab 1730 war Leonhard Vischer-Wettstein dort wohnhaft. Dessen Frau war nämlich eine Urenkelin Wettsteins. Später, um 1808, weilte auch der Anatomie- und Botanikprofessor Karl Friedrich Hagenbach, der auch Stadtrat und Zunfmeister war, in diesem Haus.

Gansgässlein Basler Strassennamen

Eingezeichnet, doch nicht voll mit blauer Farbe ausgefüllt: Das unvollständige Gansgässlein (Bild: Geoportal Basel-Stadt).

Heute ist die Galerie Stampa in der «Gens» daheim. Von dort aus ist auch das Gansgässlein überhaupt sichtbar – eigentlich ist es eher eine Art Innenhof. Während des Festivals «Em Bebbi sy Jazz» soll es bisweilen zugänglich sein. Eigentlich gibt es – wie auch bei den gleichnamigen Häusern – zwei Gansgässlein: Wie bei Salvisberg nachzulesen ist, soll um 1716 auch schon von einem anderen «Gansgesslein» die Rede gewesen sein – allerdings als Bezeichnung für das einiges bekanntere Imbergässlein. Mittlerweile ist der Strassenname ein wenig in Vergessenheit geraten. Daher kann das Gansgässlein die Ehre für sich in Anspruch nehmen, diejenige Basler «Strasse» zu sein, welche am schwierigsten zu finden ist.

Haus zur Gans 1345

Kein Strassenschild, dafür aber ein Haus, das auf das Geflügel hinweist: Der Eingang zum «Haus zur Gans» beim Pfeffergässlein (Foto: smi).

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