«P.G. Wodehouse. Gentleman der Literatur» – eine Biografie von Martin Breit

Martin Breit ruft mit seiner Biografie einen Autoren in Erinnerung, der im deutschen Sprachbereich erst noch richtig entdeckt werden muss: «P.G. Wodehouse. Gentleman der Literatur» ist ein umfassendes und kritisches Porträt und ein neuer Standard in der deutschen Wodehouse-Forschung.

Eine lesenswerte Lebensgeschichte: Martin Breits Biografie über P.G. Wodehouse ist fundiert und unterhaltsam. zVg

Eine lesenswerte Lebensgeschichte: Martin Breits Biografie über P.G. Wodehouse ist ebenso fundiert wie unterhaltsam. zVg

Von Daniel Lüthi

Manche AutorInnen sind verträumte Nostalgiker, die ihren Fantasien nachhängen und sich der aktuellen Welt so weit als möglich entziehen. Einige schreiben Bücher, welche sich als alternatives Ideal zur Realität anbieten. Nur ganz wenige vollbringen das Kunststück, ein literarisches Universum zu erschaffen, das auf den ersten Blick weder besser noch schlechter als der Alltag ist – nur anders. Es verwundert nicht, dass man diese Schriftsteller häufig im Fantasy-Bereich antrifft: Terry Pratchett ist solch ein Autor, Michael Ende ebenfalls. Doch auch ausserhalb von Scheibenwelten und unendlichen Geschichten finden sich Schreiberlinge, die ein ganzes Kontinuum an Erzählungen und Figuren aufbauen, ohne gleich moralisieren zu müssen. P.G. Wodehouse ist eines der besten, im deutschen Sprachbereich aber noch weitgehend unbekanntesten Beispiele hierfür. Die erste deutschsprachige Biografie «P.G. Wodehouse. Gentleman der Literatur» von Martin Breit setzt einen Anfang dafür, dass sich dies bald ändern wird.

Das Echo des Edwardianischen Zeitalters

Das Leben von Sir Pelham Grenville Wodehouse liest sich ein wenig wie eine Blaupause für zahlreiche seiner Romanfiguren: Geboren Ende des 19. Jahrhunderts in eine Familie des gehobenen Bürgertums, Internatsschüler, kurzzeitig Bankangestellter, als Schriftsteller Pendler zwischen Grossbritannien und den USA, 1975 von Königin Elisabeth II. zum Ritter geschlagen. Martin Breits fundierte Kenntnisse breiten sowohl dessen privates wie auch schriftstellerisches Leben anschaulich aus – bei zeitlebens fast hundert veröffentlichten Büchern aus Wodehouses Feder ist die Kompaktheit der Biografie bemerkenswert, und für die alphabetische Auflistung des Gesamtwerks inklusive Personenverzeichnis am Ende ist man umso dankbarer.

Das verschmitzte Lächeln findet sich in jedem Buch wieder: Wodehouses Humor und Wortwitz sind legendär. zVg

Das verschmitzte Lächeln findet sich in jedem Buch wieder: Wodehouses Humor und Wortwitz sind legendär. zVg

Denn das Sammelsurium an Charakteren und Schauplätzen in Wodehouses Büchern ist immens. Allesamt sind es Figuren aus der Edwardianischen Epoche in England, jener Zeit zwischen 1901 und 1914, als sich die Moderne bereits ankündete, das Viktorianische Zeitalter jedoch noch nicht ganz verflogen war. Daher sind es meist Aristokraten oder zumindest gutbürgerliche Protagonisten, denen wir im Laufe einer Erzählung folgen, und wie Charles Dickens ist Wodehouse ein Meister darin, ihnen markante Charakterzüge und Namen zu geben: Gussie Fink-Nottle, Roderick Spode, Stilton Cheesewright…

Naivität und Menschenkenntnis

Die Handlung in einem typischen Wodehouse-Roman ist häufig ebenso absurd wie die Namensgebung: Gestandene Junggesellen müssen sich vor Verlobungen und rachsüchtigen Tanten in Acht nehmen, altehrwürdige Lords möchten am Liebsten nur Schweine züchten und sich nicht um ihre geldgierigen Erben kümmern, doch bei allem Chaos und Geplänkel wird am Schluss alles wieder gut. Dies ist das Eigentümliche an Wodehouses Werk – im Prinzip geschieht nur Belangloses, das am Ende garantiert in ein glückliches Ende mündet. Keine der Hauptfiguren kommt jemals wirklich zu Schaden, und man könnte meinen, die Bücher seien daher unsagbar langweilig.

Weit gefehlt. Wodehouse war ein feiner Beobachter und Menschenkenner, wie aus seiner Biografie deutlich wird. Schon früh erscheinen erste Geschichten in Schülerzeitungen, als junger Erwachsener veröffentlicht er bald Erzählungen in Zeitschriften und in Buchform. Von Anfang an zu erkennen ist sein Humor, der vor allem von stilsicherem Umgang mit der englischen Sprache lebt. Wortspiele, schnelle Dialoge, teils unmögliche Zufälle und Verwicklungen, die oft auf Missverständnissen basieren – Wodehouse weiss, wie man Spannung aufbaut und gleichzeitig die Leser zum Schmunzeln bringt.

Wodehouse war dank dieses Talents grosser Erfolg auf beiden Seiten des Atlantiks beschert, doch Martin Breit befasst sich glücklicherweise auch eingehend mit einer wichtigen Episode im Leben des Autors, die ein anderes Licht auf ihn wirft: Während des Zweiten Weltkriegs geriet Wodehouse als prominenter Autor in deutsche Kriegsgefangenschaft, und eine gewohnt humoristische Radioserie dazu nach seiner Freilassung im Juni 1941 wurde von der alliierten Öffentlichkeit als Kollaboration bzw. als Verrat betrachtet. Breit vernachlässigt nicht, dass Wodehouse unter der Gefangenschaft litt und dies auch teils in Briefen anmerkte. Andererseits wird klar, dass der Autor seine Erlebnisse später zu naiv umsetzte: Als er im Radio über seine negativen Erfahrungen als Gefangener witzelte, war dies bei seinem Bekanntheitsgrad in Anbetracht anderer Gefangener taktlos und nahezu fatal. Gerüchte kamen auf, wonach er mit den Deutschen für eine frühe Entlassung verhandelt haben sollte, und obwohl diese Gerüchte später widerlegt wurden, war sein Ruf nachhaltig geschädigt.

Zeitloses Vergnügen

Dies ist vielleicht der einzige Kritikpunkt an Martin Breits Biografie: Das Kapitel Zweiter Weltkrieg macht beinahe ein Drittel des gesamten Buches aus. So entscheidend dieser Lebensabschnitt für Wodehouse gewesen sein mag, auf die Romane scheint er zumindest inhaltlich wenig Einfluss gehabt zu haben. Dennoch unterstreicht Wodehouses Naivität während der Kriegszeit die Idylle, welche in all seinen Büchern herrscht. Diese Literatur ist fast so etwas wie eine Fantasy-Welt in einem realistischen Rahmen: Über siebzig Jahre lang schrieb Wodehouse Geschichten mit Figuren, die kaum altern, eingekapselt in eine heile Vorkriegszeit knapp nach der Jahrhundertwende.

Vielleicht die berühmtesten Figuren aus Wodehouses Feder: Bertie Wooster (links) und sein stets hilfreicher Butler Jeeves. zVg

Vielleicht die berühmtesten Figuren aus Wodehouses Feder: Bertie Wooster (links) und sein stets hilfreicher Butler Jeeves. zVg

Genau daraus speist sich auch noch Jahrzehnte später die Faszination von Wodehouse. Beim Lesen tauchen wir in eine Welt ein, wo ein verfehlter Heiratsantrag das Schlimmste ist, was einem passieren kann, wo der schlaue Butler Jeeves immer eine Lösung parat und uns die passenden Kleider für morgen schon bereitgelegt hat, wo Crocket und Cocktails an der Tagesordnung stehen, kurz: In eine Welt, in der wir uns wohlfühlen und amüsieren können. Es bleibt zu hoffen, dass Wodehouses geniales Sprachgefühl und ausgeklügelte Handlungen dank der Biografie Martin Breits bald auch einem grösseren deutschsprachigen Publikum bekannt werden. Denn die Lektüre lohnt sich – sowohl der Biografie als auch von Wodehouses Romanen.

«P.G. Wodehouse. Gentleman der Literatur» von Martin Breit
Hardcover, ca. 180 Seiten
CHF 38.-
ISBN: 978-3-905894-20-2
Erschienen bei Römerhof Verlag, Oktober 2014

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