Zitat der Woche: Umberto Eco, Der Name der Rose

Das heutige Zitat der Woche führt durch Irrgärten und in Sackgassen: In Umberto Ecos Klassiker «Der Name der Rose» finden sich zahllose Wege durch das Mittelalter wie auch andere Epochen.

Das Labyrinth als Zeichen für die Welt: Ein wiederkehrendes Motiv des Mittelalters. zVg

Das Labyrinth als Zeichen für die Welt: Ein wiederkehrendes Motiv des Mittelalters. zVg

Von Daniel Lüthi

Es wäre im Zeitalter von Wikipedia und Smartphones einfach, frühere Epochen und ihr damaliges Weltwissen mit einem milden Lächeln zu betrachten. Eine Sonde schickt nach über neunjähriger Reise Bilder vom Pluto zur Erde und eine halbe Stunde später ist das Porträtbild des (Zwerg)Planeten auf allen Newsfeeds, sozialen Medien und Bildschirmen zu sehen. Schon der Vergleich mit der Übertragung der Mondlandung von Apollo 11 lässt die Sensation von 1969 nicht weniger sensationell, sicher aber grobkörniger und weniger unmittelbar aussehen. Vom Mittelalter muss man da gar nicht sprechen. Information wurde in den vergangenen Jahrhunderten wörtlich revolutioniert und rotiert immer schneller, immer zeitnaher an uns vorbei.

Dennoch hat sich mit der Multiplizierung und Beschleunigung der Information eines nicht geändert: Auf jede Antwort folgt eine neue Frage. Kaum waren die Bilder vom Pluto angekommen, tauchten neue Unklarheiten auf, die in den nächsten Jahren gewiss nicht alle beantwortet werden können. Der Weg gabelt sich, wohin wir auch gehen, und ab und zu endet eine der Abzweigungen in einer Sackgasse. Wissen ist nicht fixiert, sondern dynamisch – und dies bedeutet, auch Niederlagen und Fehlschlüsse einzugestehen und zu einem früheren Ausgangspunkt zurückzugehen.

Umberto Eco wollte 1980 mit «Der Name der Rose» den idealen postmodernen Roman schreiben und verknüpfte hierzu mittelalterliche Mystik mit moderner Philosophie, Alltagsleben in einem Kloster mit säkularisiertem Denken. Zentrales Motiv des Buchs ist das Labyrinth. Nicht nur die Bibliothek im Roman, sondern auch das Buch selbst ist ein konstantes Verzweigen und Überkreuzen, Zurückkommen und Verirren. Wie eine kleine Wikipedia ist «Der Name der Rose» mit zahllosen Anspielungen und Wissensfetzen aus allen Epochen gespickt, die Protagonisten und LeserInnen auf falsche Fährten führen können.

Vielleicht die grösste Leistung des Buchs ist jedoch, dass die Labyrinthmetapher noch weiter gezogen wird: Die Bibliothek und die darin stehenden Bücher repräsentieren schlussendlich die Welt – das ultimative, unlösbare Labyrinth. Wo Wissen im Mittelalter in Klöstern verschlossen war, ist es heute für (fast) alle überall und jederzeit zugänglich, aber die Welt in all ihren Facetten bleibt ein Rätsel, von dem immer nur Bruchteile verstanden werden können. In «Der Name der Rose» bietet William von Baskerville eine Strategie, um ein Labyrinth zu meistern – doch die Tatsache, dass er dabei aus einem Buch zitiert, unterstreicht die Realisierung, dass auch diese Lösung nicht für alle Zeiten gültig sein wird und der Wissensprozess und damit verbundene Trugschlüsse weitergehen werden:

«Um den Ausgang aus einem Labyrinth zu finden», dozierte William, «gibt es nur ein Mittel. An jedem neuen, das heisst noch niemals zuvor erreichten Kreuzungspunkt wird der Durchgang, durch den man gekommen ist, mit drei Zeichen markiert. Erkennt man an den bereits vorhandenen Zeichen auf einem der Durchgänge, dass man an der betreffenden Kreuzung schon einmal gewesen ist, bringt man an dem Durchgang, durch den man gekommen ist, nur ein Zeichen an. Sind alle Durchgänge schon mit Zeichen versehen, so muss man umkehren und zurückgehen. Sind aber nur einer oder zwei Durchgänge der Kreuzung noch nicht mit Zeichen versehen, so wählt man einen davon und bringt zwei Zeichen an. Durchschreitet man einen Durchgang, der nur ein Zeichen trägt, so markiert man ihn mit zwei weiteren, so dass er nun drei Zeichen trägt. Alle Teile des Labyrinths müssten durchlaufen worden sein, wenn man, sobald man an eine Kreuzung gelangt, niemals den Durchgang mit drei Zeichen nimmt, sofern noch einer der anderen Durchgänge frei von Zeichen ist.»

«Woher wisst Ihr das? Seid Ihr Experte in Labyrinthen?»

«Nein, ich rezitierte nur einen alten Text, den ich einmal gelesen habe.»

«Und nach dieser Regel gelangt man hinaus?»

«Nicht dass ich wüsste. Aber versuchen wir es trotzdem.»

 

Quelle: Umberto Eco, «Der Name der Rose», S. 223f. 1986, Deutscher Taschenbuch Verlag.

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