gesichtet #113: Erscheinungen am Rhein: Bizarre Kreidebotschaften und waghalsige Brückenkunst

Von Michel Schultheiss

Auf eine ähnlich mysteriöse Art wie die berühmten Kornkreise in Südengland sind sie auf einmal da: Inschriften am Rheinbord, die auf bisher ungeklärte Weise plötzlich am Rheinufer auftauchen. Das geschieht nicht einfach irgendwo, sondern entlang der ganzen, aber auch wirklich ganzen Schwimmstrecke zwischen der Solitude und der Dreirosenbrücke. Wer diese Werbefläche ausgesucht hat, muss wahrlich gut überlegt haben: Zurzeit ist wohl keine Gegend in Basel populärer als diejenige, die man schwimmend sieht und dann auch wieder auf der Rückkehr ins Wasser abschreiten muss.

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Auch Jean-Paul Sartre musste daran glauben: Ein seltsames Potpourri aus Zitaten belegt zurzeit das Kleinbasler Rheinbord (Foto: smi).

Ihr Inhalt ist hochpseudotheologisch: Stets beginnen sie mit religiösen Botschaften, denen jedoch sogleich mit Friedrich Nietzsche und Jean-Paul Sartre widersprochen wird. Das Gekritzel erinnert ein wenig an den Fassadendialog im St. Johann und der Verdacht liegt nahe, dass auch hier jemand ein Streitgespräch inszeniert hat. Ob sich hier wohl ein eifriger Missionar und ein erbitterter Atheist Dispute liefern? Kandidaten dafür gäbe es, wobei diese eher auf Etiketten und T-Shirts setzen. Diese beiden stadtbekannten Herren, ein überzeugter atheistischer Schachspieler und ein evangelikaler Traktakteverteiler, welche trotz sehr unterschiedlichen Ansichten sehr gut miteinander auskommen und sich bisweilen auch am Rheinbord treffen, haben jedoch nichts mit der Sache zu tun: Mittlerweile ist bekannt, wer der Urheber der religionskritischen Kritzeleien ist.

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Einiges anspruchsvoller als der unbekannte Kreidemissionar und sein nun bekannter Widersacher ist wohl ein anderes Objekt, das kaum eine Schwimmerin oder Rheinbordbesucher übersehen haben kann: An der Johanniterbrücke prangt nun ein Konterfei. Kürzlich haben zwei Typen im Wasser unter dem Brückenpfeiler einen schwimmenden Grill aufgestellt, was zusammen mit dem unübersehbaren Plakat ein gutes Bild abgegeben hätte.

seifrei johanniterbrücke und rheinschwimmer

StreetArt über dem Brückenpfeiler – eine nicht alltägliche Angelegenheit. Hier war wohl «Seifrei» am Werk (Foto: smi).

Immerhin wissen wir dank der Bildunterschrift, wohin die Spur führt: Seifrei, ein StreetArt-Vertreter, von dem in dieser Rubrik schon mehrere Male die Rede war. Seine Werke geistern immer wieder durch Basel, sei es am Rheinsprung, bei der Cargo-Bar oder im Steinenbachgässlein. Mit der Hinterlassenschaft beim Brückenpfeiler hat er wohl den Wurf zur Saison gelandet. Nach den Marco-Camenisch-Slogans, welche noch vor etwa zwei Jahren die Dreirosenbrücke zierten, ist in letzter Zeit wohl kaum etwas derart Sichtbares aufgetaucht.

seifrei johanniterbrücke

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