gesichtet #66: Mit Etiketten gegen Dämonen und Basilisken

Von Michel Schultheiss

Wer aufmerksam durch die Stadt spaziert, hat sie sicherlich schon bemerkt. Sie zieren manche Ecken Basels. Egal, ob an einer Ampel beim Brausebad oder an einer Wandzeitung am Andreasplatz: Die von Hand beschriftete Etikette mit der Botschaft «Jesus Christus lebt» scheint sich wie von (heiliger?) Geisterhand an allen möglichen Orten zu materialisieren. Ein Schelm hat sich einen Spass daraus gemacht, beim Rheinsprung die Aufschrift etwas abzuändern: Dort wird nun mehr geklebt als gelebt. Ansonsten halten sich die christlichen Aufkleber und tauchen immer wieder an allen möglichen Plakatwänden und Verkehrsschildern auf.

Jesus-Christus-klebt

Was ein Buchstabe ausmachen kann: Fundort am Rheinsprung (Foto: smi).

Hinter diesen Klebeaktionen steht ein Mann, dessen Name hier nicht genannt sein will. So viel sei aber verraten: Er verbreitet die christliche Botschaft auf eigene Faust, normalerweise aber mit Traktaten. Der hinzugefügte Buchstabe, welcher den Inhalt der Botschaft vom Himmel auf die Erde holt, hat sogar dem Urheber der Etikette ein Schmunzeln entlockt. Obschon sein Aufkleber profaniert wurde, beliess er ihn so am Rheinsprung.

Bei seinen Rundgängen würde er niemals auf die Idee kommen, freie Wände und Säulen zu bekleben, wie er betont. Stets sucht er sich bereits zugekleisterte Stellen aus, die er dann wiederverwertet. Ob Demo-Aufrufe, Aufkleber von Fans des FC Basel oder Party-Werbung: Jesus Christus (k)lebt an überall. Die Idee kam dem Missionierenden aus folgenden Gründen: Wie er sagt, sehe er ständig «obszöne Sachen» in den Strassen kleben und hängen. Besonders die Aufkleber der Muttenzerkurve, etwa diejenigen mit der Aufschrift «12» oder «Ultra Boys», haben seine Aufmerksamkeit erregt. Um ihn nicht misszuverstehen: Auch ist er ist ein Freund des FCB und hat früher gerne Fussball gespielt, wie er sagt. Doch in der Fankurve herrsche oft ein «dämonischer Geist», wie er warnt. Sorgen bereite ihm besonders der Basilisk, der auch der Kurve als Aushängeschild dient. «Das ist das Sinnbild des Bösen», erklärt er. Mit Basels Wappentier, das an ziemlich vielen Orten in der Stadt anzutreffen ist, steht er also nicht auf gutem Fuss. Früher musste man den «König der Schlangen» noch mit dessen eigenem Spiegelbild erledigen, heute reicht eine Etikette.

Jesus lebt und Demo-Plakat

Auch auf einem alten Demo-Aufruf beim Andreasplatz kann man den Aufkleber sehen (Foto: smi).

Nebst Dämonen und Basilisken hat der Mann aber noch einiges grössere Kaliber im Visier: Den Antichristen höchstpersönlich. Man kennt diesen Gegner unter anderem aus der Johannesoffenbarung. Der besagte Etikettenkleber will das Unwesen gefunden haben. In Philip Potter, dem ehemaligen Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen sieht er die Verkörperung des Antichristen. Der aus Dominica stammende Pastor, der 1921 geboren wurde, sei wahrscheinlich der Gegenspieler Christi, wie er erklärt. Bisweilen versucht also die Realität, den Film einzuholen: In «El día de la bestia» von Álex de la Iglesia geht es ähnlich zu und her. Während es im Streifen ein Priester ist, der zusammen mit einem Death-Metal-Fan und einem TV-Wahrsager in Madrid nach dem dämonischen Wesen sucht, hält auch in Basel jemand Ausschau nach dem Biest. Unter anderem mit Etiketten.

Nicht selten begegnet der Mann mit Flair für apokalyptische Themen einer anderen Persönlichkeit, die auch nicht mehr vom Strassenbild wegzudenken ist. Jener hat ebenfalls eine Botschaft zu verkünden, wenn auch in eine andere Richtung und nicht auf Etiketten, sondern auf T-Shirts. Gegensätze ziehen sich an: Die beiden laufen sich immer wieder über den Weg, wie der Etikettenkleber erklärt. Sie sollen sich in einem christlichen Buchverlag kennengelernt haben.

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