gesichtet #67: Eine Augenweide im Niemandsland

Von Michel Schultheiss

Es ist bisweilen durchaus möglich, gleich vor der Haustüre auf unbekannte Welten zu treffen. Walter Benjamin hat dieses Erlebnis schön beschrieben: «Sich in einer Stadt zurechtfinden heisst nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung», heisst es in seiner «Berliner Kindheit um 1900». Dabei er erzählt er, wie er sich einmal im Tiergarten verlief, was diesen zu einer wahrhaften Märchenwelt machte. «Diese Kunst habe ich spät erlernt; sie hat den Traum erfüllt, von dem die ersten Spuren Labyrinthe auf den Löschblättern meiner Hefte waren», hält Benjamin fest. Er gelangte dorthin, wo «der sonderbarste Teil des Parkes schläft». Eine geheimnisvolle Ariadne soll ihn in jene verwunschenen Gefilde eines «Irrgartens» geführt haben.

Trauerweide-und-Mulden

Ein von wenigen Leuten aufgesuchter Landstrich: Die Gewerbezone Lysbüchel (Foto: smi).

Wohl ähnlich mag es wohl demjenigen gehen, den es zufälligerweise ins Lysbüchel verschlägt. Natürlich geht nun nicht darum, diese Gewerbezone gleich bei der französischen Grenze mit dem Berliner Tiergarten zu vergleichen. Im Grunde genommen gibt es in diesem Areal im St. Johann nichts zu sehen. Doch womöglich ist es genau deswegen einer derjenigen Orte Basels, die sich dafür eignen könnten, eine solche benjaminsche Odyssee zu erleben: Versteckt, zwischen dem Schlachthof, den Volta-Neubauten und etlichen Güterzügen liegt der etwas verborgene und wenig besuchte Stadtteil. Schliesslich gibt es nur für wenige Leute einen Grund, überhaupt dort zu flanieren: Das Areal, welches die schicken Volta-Neubauten von der Grenze zu Frankreich trennt ist grösstenteils für die Arbeit bestimmt. Für das Kulturelle und Kulinarische gibt es zwei Adressen: Das Konzertlokal «Hauptquartier» und die «Säulikantine». Ein Grossteil des Gebiets gehört der SBB, weitere Teile dem Kanton Basel-Stadt und der Stiftung Habitat. Diese haben im vergangenen Jahr dem Verteiler Coop ein paar Parzellen abgekauft. Neuer Wohn- und Gewerberaum soll auf dem Lysbüchel entstehen, was bei Gewerbevertretern nicht gerade auf Begeisterung stiess.

Trauerweide-Lysbüchel

Manchmal Trauer-, manchmal Feierweide (Foto: smi).

Vorderhand ist das Gebiet aber noch weit davon entfernt, «aufgewertet» zu werden. Erst bei genauerem Erkunden kommen in der etwas trostlosen Zone die Schönheiten zum Vorschein. Hätte ihn jene mysteriöse Ariadne ins Lysbüchel-Areal geführt, so wäre Walter Benjamin womöglich nach zeitweiligem Umherirren in den Werkstatt-Korridoren ein prächtiger Baum aufgefallen: Zwischen Mulden und Schrott prangt dort eine einsame Trauerweide. Vor ein paar Jahren stand der imposante Baum auf einer Art grünen Insel inmitten von Eisenbahngeleisen. Auch ein paar Sofas standen unter der Trauerweide: Manchen Leuten ist und war sie auch als «Feierweide» bekannt. Mittlerweile wurde aber der Weg zur Weide asphaltiert, was ihr etwas vom einstigen Glanz genommen hat. Eine Augenweide mitten in diesem gesichtslosen Landstrich ist sie aber weiterhin. Benjamins Kunst, sich in der eigenen Stadt zu verirren, trägt somit auch hier ihre Früchte.

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