Zitat der Woche: Bonaventura, Nachtwachen

Das heutige Zitat der Woche ruft uns ein weiteres Buch in Erinnerung, das beinahe vergessen gegangen ist: Die «Nachtwachen» von Bonaventura, oder Ernst August Friedrich Klingemann.

Die «Nachtwachen» von Bonaventura sind ein vergessenes Juwel der Romantik. zVg

Die «Nachtwachen» von Bonaventura sind ein vergessenes Juwel der Romantik. zVg

Im frühen 19. Jahrhundert erreicht die deutsche Romantik ihren Höhepunkt: Achim von Arnim und Clemens Brentano stellen ihre Volksliedersammlung «Des Knaben Wunderhorn» fertig, Autoren wie Adelbert von Chamisso und Joseph von Eichendorff veröffentlichen erste Gedichte. Die Sehnsucht der Epoche nach Gefühl und die Suche nach einem Gegenpol zum rein geistigen Rationalismus findet Ausdruck in allen Facetten der Kunst, von Theater über Malerei bis hin zur Musik. Doch 1804 kündet sich ein erster Schatten an, der die dunkle Seite der Romantik und die späteren Werke u.a. von E.T.A. Hoffmann, Edgar Allan Poe und Charles Baudelaire vorwegnimmt: Die «Nachtwachen» des Bonaventura.

Die «Nachtwachen» stellten die Literaturgeschichte lange vor ein Rätsel: Bis 1987 blieb unklar, dass sich hinter dem Pseudonym Bonaventura der deutsche Schriftsteller Ernst August Friedrich Klingemann verbarg. Auch das Buch selbst ist ein mehrschichtiges Rätsel, welches sich bei einer ersten Lektüre kaum erschliesst. Über sechzehn Nächte hinweg folgen wir einem Nachtwächter namens Kreuzgang, der durch die Strassen einer finsteren Stadt zieht und die Stunden ausruft. Doch während seiner Patrouillen begegnen ihm seltsame Gestalten und Ereignisse, welche zunehmend fantastisch werden und uns immer tiefer in psychische und urbane Abgründe führen.

Das Buch ist auch heute noch lesenswert, da es neben den Ansätzen von Schauerromantik einen Protagonisten bietet, der ganz modern ein Aussenseiter ist. Kreuzgang ist kein strahlender Held oder auf der Suche nach einem Ziel im Leben, sondern dreht Nacht für Nacht seine Runden. Dennoch erfährt er eine völlig neue Welt, da er zu jener Zeit unterwegs ist, wo die Kehrseite der menschlichen Natur offenbar wird – als Ausgestossener ist ihm die schlafende Stadt sogar lieber:

Wir Nachtwächter und Poeten kümmern uns um das Treiben der Menschen am Tage in der Tat wenig; denn es gehört zur Zeit zu den ausgemachten Wahrheiten: Die Menschen sind wenn sie handeln höchst alltäglich und man mag ihnen höchstens wenn sie träumen einiges Interesse abgewinnen.

Es bleibt unbeantwortet, ob die «Nachtwachen» ein Traum oder das blosse Gespinst eines Wahnsinnigen auf der Strasse sind, und gerade hierin liegt der Reiz des Romans. Noch vor den tiefenpsychologischen Auslotungen von E.T.A. Hoffmann und anderen Autoren der Schwarzen Romantik beleuchtet Bonaventura oder eben Ernst August Friedrich Klingemann die Nachtseite des Strebens nach Gefühl und Sehnsüchten, wo Traum und Wirklichkeit manchmal nur eine Strassenecke voneinander entfernt sind.

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