Den Meistern über die Schulter geschaut: Lucian Hunzikers «Basel in Portraits»

Von Michel Schultheiss

Müssen wir uns auf eine weitere Nabelschau der «Läckerli-Prominenz» gefasst machen? Nicht ganz: Bei diesem Bildband geht es um weit mehr als um die Köpfe, welche regelmässig die Klatschspalten füllen und auch als «Tout Bâle» bezeichnet werden.

Mit «Basel in Portraits» geht es dem Fotografen Lucian Hunziker nicht nur um die Promis an sich: Es handelt sich um eine spektakuläre Hommage an 59 Koryphäen aus der Geschichte der Lichtbilder. Wie Hunziker im Vorwort schreibt, haben ihn stets die individuellen Handschriften dieser Fotografen fasziniert. Er widmet die Arbeit also denjenigen, die ihn in seinem Schaffen inspiriert haben. Wie er festhält, ist ein fotografisches Porträt immer eine «Mischung aus Image und Imagination». Der Mensch am Auslöser tritt demnach stets als Schöpfer einer Realität in Erscheinung. Dementsprechend spielt auch Lucian Hunziker mit der Vielfalt innerhalb der Porträtfotografie.

Buchprojekt: Basel in Portraits 2014 / All rights reserved!

Vom Fauteuil nach Hollywood: Caroline Rasser im Stile eines George Hurrell (Foto: Lucian Hunziker).

Dabei beschränkt sich der junge Basler Fotograf nicht nur auf die formalen Charakteristiken seiner Vorbild-Werke. Stets überlegt er auch, wie sich die Porträtierten in Szene setzen sollen und welcher Vertreter seines Künstler-Kanons dem Charakter und Beruf der abgelichteten Person am nächsten kommen könnte. So fällt beim flippigen Kolumnisten –minu die Wahl auf die verspielten Inszenierungen eines David LaChapelle, während der Schauspielerin Caroline Rasser der Hollywood-Glamour von George Hurrell verpasst wird. Der exzentrische TV-Hellseher Mike Shiva wird hingegen als Kitsch-Ikone im Stile des des Künstler-Duos Pierre et Gilles mit übersättigter Farbigkeit verewigt. Nüchterner wird es bei Alain Claude Sulzer: Passend zu seinem Beruf geistert der Schriftsteller und gelernte Bibliothekar zwischen den Bücherregalen umher. Damit wird der «entscheidende Augenblick» im Sinne von Henri Cartier-Bresson festgehalten. Der amerikanischen Fotografin Diane Arbus, welche ihr Augenmerk besonders auf die Existenzen am Rande der Gesellschaft richtete, kommt beim Porträt von Matthyas Jenny die Ehre zu: In einem düsteren Zimmer blickt der Autor und Verleger rauchend hinter einem Stapel Bücher hervor.

Buchprojekt: Basel in Portraits 2014 / All rights reserved!

Ausgeflippt: -minu taucht in die Welt des David LaChapelle ein (Foto: Lucian Hunziker).

Lucian Hunziker tastet somit die Fotografie-Geschichte auf eine lebendige Art ab: Mal kommt Roger Federer aus der Perspektive eines Man Ray vor die Linse, mal kommt in Anlehnung an Terry Richardson eine freche und punkige Schnappsschuss-Ästhetik mit Slam-Poet Laurin Buser zum Zug. Lucian Hunziker wagt sich aber auch an die Pioniere der Porträtfotografie aus dem 19. Jahrhundert. So posiert Regierungspräsident Guy Morin auf einem Visitenkartenporträt, wie sie sich André Adolphe-Eugène Disdéri einst auf die Fahne schrieb. Auch Nadar, dem Konkurrenten des französischen Fotografen, wird Tribut gezollt: Der Historiker Georg Kreis wird selbst zum Inhalt einer «falschen Bildquelle» aus dem vorletzten Jahrhundert.

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Ein Hang zum Grotesken: Der Schauspieler und Regisseur Dani Levy im Ambiente von Guy Bourdin (Foto: Lucian Hunziker).

Wie der Kunsthistoriker Boris von Brauchitsch in der Einleitung festhält, wird die Zeitgebundenheit der Bilder der Vergangenheit besonders deutlich, wenn man sie «in der Gegenwart neu erfindet». In seinen Augen provoziere Lucian Hunzikers Bildband auch viele Fragen rund um das Thema Urheberschaft. Da seine Bilder irgendwo zwischen Appropriation Art, Fake und Pastiche zu verorten seien, fordere er den Betrachter heraus, sich dazu Gedanken zu machen. Er werfe die Frage auf, ob denn Täuschung eine Grundkonstante in der Kunst sei und ob sich die Handschrift eines Künstlers überhaupt urheberrechtlich schützen liesse. Lucian Hunziker gehe in seinen Bildern spielerisch damit um. «Wir leben noch in der Ära des Originals, doch die neigt sich dem Ende entgegen», erklärt Boris von Brauchitsch. Damit meint er, dass jeder den Künstler kopieren könne. Ob dies immer auf eine glaubwürdige Art geschieht, ist eine andere Frage. Bei Lucian Hunziker ist das sicher der Fall: Geschickt weiss er die Charakteristiken der grossen Meister einzufangen, so dass beim Betrachter ein Déjà-vu-Erlebnis aufkommen mag. Ob ausdrucksstark, nachdenklich, sparsam oder grotesk: Eine breite Palette von künstlerischen Möglichkeiten wird vom Fotografen ausgeschöpft und neu modelliert.

Buchprojekt: Basel in Portraits 2014 / All rights reserved!

Eine Reise in die Vergangenheit: Der Historiker Georg Kreis auf einem Nadar-Porträt (Foto: Lucian Hunziker).

 

Basel in Portraits. Prominente Basler fotografiert in Stilen von Nadar bis Leibovitz.

Von Lucian Hunziker

Basel, Friedrich Reinhardt Verlag 2014

Deutsch/Englisch

276 Seiten

CHF 82

Weitere Infos zum Fotografen: www.lucianhunziker.com

Die Porträts können noch bis am 20. April 2014 in der Querfeldhalle Gundeldingerfeld an der Dornacherstrasse 192 in Basel besichtigt werden.

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