Die letzte Versuchung der Joe – Lars von Triers «Nymphomaniac Vol. 2»

Joe (Charlotte Gainsbourg) erzählt – wie schon in «Nymphomaniac Vol. 1» – ihrem neuen Freund Seligman (Stellan Skarsgaard) die Geschichte ihres Lebens. Sie verliert die Lust auf Sex (dies behauptet sie zumindest) –und versucht, dies mit noch mehr Sex und Gewalt zu kompensieren. Die Selbsthilfegruppe für Sexsüchtige (ebenso wie die Ehe und Mutterschaft) ist nicht so ihr Ding, also gibt sie ihren Bürojob auf – und bewährt sich als Kriminelle. Zusammen mit zwei Schlägertypen versucht sie, so vielen Leuten wie nur möglich ihr Geld abzuknöpfen. Schliesslich legt ihr der Boss (Willem Dafoe) nahe, eine Nachfolgerin zu suchen.

Von Vorteil ist es, «Nymphomaniac Vol. 1» zuerst zu schauen und erst dann «Nymphomaniac Vol. 2». Die Filme gehören zusammen, was sich auch daran zeigt, dass im Abspann des ersten Teils bereits Szenen aus dem zweiten Film zu sehen sind – was eher an eine Fernsehserie erinnert denn an einen Spielfilm. Wie ist aber «Nymphomaniac» in von Triers Depressions-Trilogie («Antichrist», «Melancholia», «Nymphomaniac») zu verorten? Und in seinem Gesamtwerk? Frei nach seinem Vorbild, dem dänischen Regisseur Carl Theodor Dreyer, lässt Trier (so sein bürgerlicher Name) seine weiblichen Hauptfiguren immer wieder leiden, leiden und nochmal leiden;  vor der aktuellen Trilogie z.B. in «Breaking the Waves» oder «Dancer in the Dark». Gut möglich, dass eigentlich Trier selbst an Depressionen leidet – sein Auftritt in Cannes, an dem er behauptet hat, er sei eigentlich ein Nazi – er hat erst vor kurzem erfahren, dass sein Vater kein Däne mit jüdischen Wurzeln, sondern ein Deutscher (ohne jüdischen Wurzeln) war – deutet jedenfalls wohl schon darauf hin, dass der dänische Regisseur nicht einfach gerne provoziert, sondern wirklich psychische Probleme hat.

Joes afrikanisches Experiment. (Bild: zVg)

Joes afrikanisches Experiment. (Bild: zVg)

In seiner TV-Serie «Riget» («The Kingdom», deutsch: «Geister») gibt es eine Szene, in der der dänenhassende schwedische Arzt Dr. Helmer einen Afrikaner beauftragt, mit Voodoo anderen Menschen zu schaden. In «Nymphomaniac Vol. 2» beauftragt Joe einen Spezialisten für afrikanische Sprachen, ihr einen afrikanischen Sexualpartner zu besorgen. Dieser taucht auf – mit seinem Bruder. Was wir dann sehen, ist eine ziemlich lange Szene, in  der die nackten Brüder versuchen, Joe gleichzeitig zu begatten; was allerdings trotz langen Diskussionen (eigentlich sieht man fast keinen Sex, sondern nur die Diskussionen in einer dem Schreibenden unverständlichen Sprache) nicht klappt, da so ein «menschliches Sandwich» eben eine heikle Sache sein soll, wie Joe ihrem – wie sie kurz vor Schluss des Films sagt – einzigen Freund Seligman erzählt. Soviel zur «afrikanischen» Provokation (Joe redet explizit von «negro brothers»). Eine andere Provokation ist auch die Figur Seligman: im ersten Teil behauptet er, er sei zwar jüdisch, aber schon immer Antizionist gewesen; doch dann redet er eigentlich immer nur über katholische Themen und vergleicht Joes Halluzinationen mit katholischen Bildern oder zumindest römischen (und sicherlich nicht jüdischen) Bildern.

Film ist Behauptung. Und auch wenn vieles in Triers neuem Film völlig abstrus wirkt, man muss den grossen dänischen Regisseur eben doch loben für so viel Mut zum Abwegigen, zum Tief- und Abgründigen. Eine besonders desillusionierende Provokation hat sich der Meister für den Schluss ausgedacht. Mit seinen zwei Nymphomaniac-Filmen ist ihm einerseits der witzigste Teil der Trilogie gelungen. Es ist aber auch ein Zweiteiler, der sehr viel «food for thought» zu bieten hat. Es ist aber sicherlich kein Film über die weibliche Psyche, sondern eher über die des Lars von Trier. In Joes Schuldgefühlen kommt wohl nicht zuletzt eine typisch protestantische Befindlichkeit zum Ausdruck – auch wenn dies von Trier (selber natürlich nicht Protestant, aber eben doch geprägt vom zutiefst protestantischen Dänemark) sicher nie zugeben würde. Interessant ist auch, dass Joe ja nicht gerade ein sonderlich femininer Name ist.

«Nymphomaniac Vol. 2». Dänemark/Belgien/Frankreich/Deutschland/UK 2013. Regie: Lars von Trier. Mit Charlotte Gainsbourg, Stacy Martin, Stellan Skarsgaard, Willem Dafoe, Shia La Boeuf, Michael Pas, Mia Goth, Jean-Marc Barr u.a. Deutschschweizer Kinostart: 16.1.2014.


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