Ein schöner Horizont – Dominik Riedo über Charles Baudelaires exotische ‹Landschaften›

Dem Künder der Moderne und des Augenblicks, Charles Baudelaire, schaut Dominik Riedo in seinem Essay auf die Finger: Es geht um Exotik und Erotik von Bergen, Schluchten, Körperteilen.

Von Dominik Riedo

220px-Charles_Baudelaire_1855_Nadar

«Denn mit zunehmendem Alter, sein vom leiblichen Vater geerbtes Geld als Dandy verbraucht, angesteckt mit der Syphilis, durfte und wollte er nicht mehr in alle ‹Tiefen› tauchen. So schuf er sich eben künstliche ‹Eilande›, künstliche Paradiese: Les Paradis artificiels.» (by Nadar; wikicommons).

Also, Baudelaire (1821–1867): seine Liebesgedichte, in denen immer diese ‹Berge›, ‹Schluchten› und ‹Eilande› auftauchen: Titten, Fotzen, weibliche Körper.

Zweifel? – Man lese: Im Schatten ihrer Brüste wohlig ausgeruht, / Dem Weiler gleich, der friedlich im Gebirg versteckt. ‹Im Gebirg›! Also Berge.

Und: Wenn ich geschlossenen Augs in lauer Nacht / Den Duft einatme deiner warmen Brüste, / Entrollt sich vor mir eine heitere Küste. Eben; beziehungsweise: ‹uneben›. Genau. Oder anders gesagt: «Oh, Inseln vor Afrika!» Denn dorthin, mitten in den Indischen Ozean, auf Mauritius und La Réunion (Insel der ‹Zusammenkunft›), reiste Baudelaire mit gerade mal zwanzig Jahren.

Diese tropische Welt hat ihn geprägt. So müssen die ‹Inseln› in der Folge mehrmals metaphorisch herhalten: Ein träges Eiland, von Natur bedacht / Mit seltenen Bäumen, Früchten, prall von Saft. – Nunja, der Mann weiss, wovon er spricht; er mochte halt sowieso volle Titten: Die hohen Brüste, die des Kleides Seide straffen, / Sind vorgewölbt und wie ein schöner Schrein beschaffen.

Aber was bei einer ‹Küste› folgerichtig mit dabeisein muss, ist das ‹feuchte Element›. Baudelaire führt es deutlich sexuell konnotiert ein: Du ähnelst einem schönen Horizonte, / Entflammt von Sonnen nebelgrauer Zeiten … / Wie leuchtest du: ein feuchtes [sic!] Land. Braucht man mehr dazu zu sagen?

Was auch endlich die Frage nach den ‹Schluchten› und ‹Untiefen› beantwortet, wenn die Frau vor uns gar ‹kontinentenhaft› erscheint, voilà: Das Schmachten Asiens und Afrikas Erglühen, / Verschollene Welten, fern, fast wie in Grüften, / Durch Tiefen dieses würzigen Waldes ziehen! Ausrufezeichen. Exakt: Diese perfekt abgeschmeckten Speisen kostete er nur zu gern. Und man sieht ihn förmlich durch die ‹verschollenen Welten› kraxeln. Denn diese Tiefe lotet mann doch gerne aus …

Trotz alledem muss man sagen, dass Baudelaire sich wirklich ein ‹neues Ideal von Weiblichkeit› erschreibt. Denn immerhin: Es ist nicht mehr der Mann, der die Frau verführt; er gibt sich nur noch ihren Reizen hin wie ein Wanderer oder Bergsteiger der Landschaft.

Dieses Gefühl hat ihm schliesslich unmittelbar im täglichen ‹Umgang› mit ‹seinen› Frauen geholfen. Wenn die grosse Liebe Jeanne Duval ihm davonlief …, wenn er ihr einmal mehr davonlief … – dann konnte er etwas später wieder versöhnlich sein. Denn sogar wenn man dazwischen andere ‹Landschaften› besucht hat, so kann man in eine einst geliebte ‹Landschaft› ohne tiefe psychische Probleme wieder zurückkehren.

Aber wenn wir grad bei ‹psychischen Problemen› sind: Sobald Baudelaire die Frauen einmal derart in sein Werk ‹eingestrickt› hatte und sich selbst in dieses Phantasieland hinein, vermag er auch seine Liebes-Stimmungen und -Gefühle wie auf einem Messgerät innerhalb dieser Skala anzugeben: Wenn er sich gut fühlte, schaut er von aussen auf das geliebte ‹Eiland›, nähert sich ihm an: Meine Liebe, tief und sanft wie das Meer, die anschwoll wie zur Klippe hin die Flut. Fühlte er sich schlecht, sitzt er wie gefangen im ‹Schrund›: Ich fleh dein Mitleid an, / Aus jenem tiefen Abgrund, wo mein Herz versinkt.

Wobei ‹Abgrund› nicht gleich ‹Tiefe› meint: Letztere blieb ihm eben manchmal verwehrt – weswegen er sich wie in einem ‹Kessel› fühlt; darin konnte er rührselig schmachten, weil er es sich irgendwie eingebrockt hatte, wehmütig an die andere ‹Schlucht› denkend: Die Schwüre, Düfte, Küsse, die nie zu Ende gehen, / Werden sie auferstehen aus uns verwehrten Tiefen?

Denn mit zunehmendem Alter, sein vom leiblichen Vater geerbtes Geld als Dandy verbraucht, angesteckt mit der Syphilis, durfte und wollte er nicht mehr in alle ‹Tiefen› tauchen (Apollonie Sabatier, die sogenannte ‹Präsidentin›, die in ihrem Pariser ‹Salon› zahlreiche Künstler versammelte, hätte sich ihm nach Jahren der anhimmelnden Fernliebe hingegeben; Baudelaire verzichtete). So schuf er sich eben künstliche ‹Eilande›, künstliche Paradiese: Les Paradis artificiels.

Freilich behält er seine Bildwelt, die gewählte Abbildungsfunktion der Sprache für Elemente der Realität bei: Da ihm sowieso alles zu Inseln ‹verschwimmt›, können die sechs wegen Obszönität und Unmoral inkriminierten Gedichte aus Les fleurs du Mal, die 1857 zum Verbot seines bekanntesten Werks führten, ein Jahr vor seinem Tod in Les Épaves, also als ‹Strandgut›, wieder auftauchen.

Und selbst der Tod kann so vorausahnend in passender Weise gesehen werden: Die Einladung zur Reise spricht es aus: Wie köstlich müsst es sein, / Dorthin zu gehen und vereint / Sich liebend verschwenden, / Lieben und enden / Im Land, das dir ähnlich scheint! 

Dominik Riedo (*1974 in Luzern) lebt und arbeitet als Schriftsteller und Mitherausgeber von «Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie» in Bern. Dreizehn Buchveröffentlichungen. Von den Kulturschaffenden der Schweiz und der interessierten Bevölkerung direktdemokratisch zum Kulturminister der Schweiz ernannt (2007-2009). Präsident des DeutschSchweizer PEN-Zentrums von 2010-2012. – «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» schätzt sich sehr glücklich, Dominik Riedo unter seinen regelmässigen Mitarbeitern zu wissen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.