gesichtet #100: Wenn Streetart Fasnacht macht

Von Michel Schultheiss

Es war keine einfache Aufgabe, ein würdiges Thema für die hundertste Ausgabe der Rubrik «gesichtet» ausfindig zu machen. Die Fasnacht hat hier aber etwas nachgeholfen: Die Bilder vom letzten Dienstag sind vielleicht noch ganz passend, fassen sie doch so einiges aus der ganzen Serie gut zusammen: Bestimmte Winkel der Stadt, die so bespielt werden, wie man es eben nicht erwartet hätte, bilden vielleicht einen roten Faden, der sich durch alle «Sichtungen» in zieht. Ob sogenannte Stadtoriginale, Kunstobjekte, Graffiti, verlassene und versteckte Gassen, Plätze und skurrile Läden und Lokale oder eigenartige Situationen: All das macht immer wieder das städtische Leben schlechthin aus.

Bustart und Fasnacht

Lustig und nachdenklich zugleich: Die Basler Fasnacht und die Werke von Bustart haben einiges gemeinsam (Foto: smi).

Diesen Eindruck hatte vielleicht auch so mancher Fasnachtsflâneur, der unerwartet einen Ueli an der Fassade traf. Derjenige, welcher der Stadt dieses kleine Schablonenkunstwerk beschert hat, ist kein Unbekannter: Auch in dieser Rubrik fand der Streetart-Künstler Bustart schon mehrmals Erwähnung, sei es nun im Zusammenhang mit der düsteren Gegend beim Schlachthof oder dem wenig besuchten Cedernweg. Er schickte den sympathischen Ueli, einen Klassiker unter den traditionellen Basler Fasnachtsfiguren, mit einer Steckenlaterne zum «Gässle» durch die Stadt. Die Einzelmaske verschlug es vom jeweils proppenvollen Rümelinsplatz, zum stillen Totengässlein und auch zum Rheinsprung. Dabei gesellte sich der Streetart-Fasnächtler zum Mosaikbild von Space Invader und beim Aufstieg zum Elftausendjungfern-Gässlein leisten Stencils von Seifrei und Robi The Dog, die dort schon seit ein paar Wochen zu bewundern sind, dem Ueli Gesellschaft.

Blauer Ueli und Streetart

Als würde er mit der Steckenlaterne Vortrag machen: Bustarts Ueli zusammen mit zwei Stencils von Robi The Dog und Seifrei am Rheinsprung (Foto: smi).

Während den «drey scheenschte» Dääg war somit ein Aufeinandertreffen von Original-Uelis mit ihrer Kopie zu beobachten. Auf den Fotos scheint der Stencil-Narr ebenso Teil des fasnächtlichen Geschehens zu sein. Als ob er als Vortrab bei den Cliquen mitmarschieren würde fügt er sich in das bunte Treiben der Kinderfasnacht ein.

Ueli und Kostümierte

Auch am Rümelinsplatz, dem pulsierenden Zentrum der Fasnächtler, die am «Gässle» sind, ist der Ueli zu sichten (Foto: smi).

Dass hier die international ausgerichtete Streetart-Szene (welche oft aus Basels striktem Korsett ausbrechen möchte) auf lokal Verankertes trifft, macht die Sache interessant: Die Hommage an den Brauch lässt somit gewisse Parallelen zwischen Streetart und Fasnacht zum Ausdruck kommen. Es ist nicht nur der Mix aus Spielerischem und Repetitivem, der beiden Ausdrucksformen innewohnt. Beides ist auch von einer gewissen Vergänglichkeit geprägt: Fasnacht ist auf drei Tage beschränkt, Streetart überlebt bis zum Zeitpunkt der Tilgung durch die Stadtreinigung. Beides lässt sich schwer konservieren: Während es in der Streetart-Szene nicht gern gesehen wird, wenn Werke in Galerien gesperrt und kommerziell verwertet werden, ist es auch unter Fasnächtlern verpönt, ausserhalb der drei Tage loszulegen und die Tradition in ein blosses Spektakel zu verwandeln.

Bustart und roter Ueli

Original trifft auf Kopie: Ein roter Ueli trifft auf einen blauen Artgenossen (Foto: smi).

Gleichzeitig gibt es schon auch gewisse Differenzen: Das eine ist etabliert und darf mit seiner Narrenfreiheit während drei Tagen gewisse Regeln brechen, beim anderen herrscht jedoch in Sachen Akzeptanz noch Nachholbedarf.

Bustart, Robin The Dog und Fasnacht

Streetart und «Zischdigs-Zigli» beim Elftausendjungfern-Gässlein (Foto: smi).

Trotzdem verbindet sie auch einiges: Sowohl Fasnächtler wie auch Streetart-Künstler verstecken sich gewissermassen unter einer Larve. Sie zeigen aus der Anonymität heraus ihren Beitrag für die Stadt, obschon nur die engen Bekannten ihre wahre Identität kennen. Was an der Fasnacht immer wieder fasziniert, ist das Kollektivdenken, das eigentlich völlig quer zu einer Gesellschaft steht, die sehr stark auf den Individualismus pocht. Auch wenn gewisse Konventionen vorgegeben sind, wird während drei Tagen in der Stadt ein gigantisches Kunstwerk geschaffen.

Ueli im Totengässlein

Die melancholische Seite der Fasnacht kommt im ruhigen Totengässlein mit dem Ueli als Einzelmaske zum Zug (Foto: smi).

Von ein paar Ausnahmen abgesehen – man denke etwa an gewisse Lokalpolitiker oder sonstige Promis, die sich damit profilieren und anbiedern möchten – gibt es dabei eigentlich kaum Möglichkeiten zur Selbstdarstellung: Alle Leistungen verschwinden schliesslich in der Anonymität. Die Larven und Kostüme verbergen alles und bilden ein buntes Mosaik, das in seiner Gesamtheit stimmig ist. Dabei kann höchstens der Cliquenname zur Schau gestellt werden. So ähnlich verhält es sich vielleicht auch mit dem Kodex unter manchen Streetart-Künstlern: Auch sie sind gewissermassen maskiert und was zählt, ist letztendlich das, was auf der Strasse sichtbar ist.

Robin the Dog und Waggis

(Foto: smi)

2 Gedanken zu “gesichtet #100: Wenn Streetart Fasnacht macht

  1. Ju Nou

    Das Bild mit der Dame auf rundem Hintergrund ist (zwar nicht angeschrieben) nicht von Robi the Dog, sondern von seifrei….
    Danke für die immer wieder lesenswerte Rubrik. Vor allem der Bericht über Dimitrios war äusserst spannend.

  2. smi Artikel Autor

    Hallo Ju Nou, besten Dank für die Richtigstellung. Wir werden diese Info gleich einfügen. Bei dieser Gelegenheit: Hier nochmals der Text aus dem Archiv über die Streetart-Werke von «seifrei»: http://zeitnah.ch/4759/gesichtet-32-farbige-oasen-in-der-betonwueste/
    Freut mich, dass dir die Rubrik gefällt. In der Tat ist der Text über Dimitrios auf ein breites Interesse gestossen und hat auch dem Porträtierten selbst sehr gefallen.

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