Zitat der Woche: Franz Kafka, Das Schloss

Das heutige Zitat der Woche beleuchtet eine noch eher unbekannte Seite eines Literaten von Weltrang: Franz Kafka spricht bei genauem Hinlesen nicht nur das Auge, sondern auch einen ganz anderen Sinn an.

Vorlesen tut der Rätselhaftigkeit von Kafkas Werk keinen Abbruch. zVg

Vorlesen tut der Rätselhaftigkeit von Kafkas Werk keinen Abbruch. zVg

Von Daniel Lüthi

Manch ein Schriftsteller oder eine Autorin verbringt Nächte damit, Wörter in die richtige Reihenfolge zu bringen. Stellenweise dauert es Wochen, bis ein einziger Satz oder Abschnitt exakt richtig klingt, wenn man ihn liest. Ein Gespür für Rhythmus, Alliteration oder schlicht Harmonie ist unentbehrlich, wenn man etwa an die Werke von Thomas Mann, Stéphane Mallarmé, John Milton oder auch Franz Kafka denkt.

Kafka ist wohl das Paradebeispiel für einen Autoren, dessen Schriften doppel- und mehrbödig sind und bei wiederholtem Lesen stets neue Deutungen, Varianten oder Interpretationen ermöglichen – wovon keine einzige eine endgültige Entschlüsselung ermöglicht. Albert Camus’ berühmte Feststellung, dass Kafkas Werk zugleich offen und verschlossen vor uns steht, findet in nahezu all seinen Geschichten und Fragmenten Ausdruck. Die Literaturwissenschaft ist seit bald hundert Jahren mit unzähligen Ansätzen gescheitert, Kafka zu entschlüsseln, sei es mithilfe von Religion, Philosophie, Biografie, Medientheorie oder anderem.

Doch trotz dieser offenen Verschlossenheit gibt es zumindest einen Ansatz, der zwar nur an der Oberfläche kratzt, aber dennoch einen interessanten Neuzugang bietet. Es ist bekannt, dass der Autor seine Texte teils vorlas und dabei lauthals in Lachen ausbrach. Hinter dieser Anekdote steckt ein kleines, aber entscheidendes Detail für das Lesen von Kafka: Er schrieb fürs Ohr. Wie kaum ein anderer Schriftsteller ist Kafka zum Vorlesen gerade deshalb so gut geeignet, weil seine Sätze immer im richtigen Moment aufhören – wenn der Atem zu Ende ist, findet sich entweder ein Komma oder ein Punkt im Text. Als Beispiel bietet sich eine kurze Passage aus «Das Schloss» an:

Das Schloß, dessen Umrisse sich schon aufzulösen begannen, lag still wie immer, niemals noch hatte K. dort das geringste Zeichen von Leben gesehen, vielleicht war es gar nicht möglich, aus dieser Ferne etwas zu erkennen und doch verlangten es die Augen und wollten die Stille nicht dulden.

In einem einzigen Satz setzt Kafka Pausen dort ein, wo es nötig ist, wo er selbst beim Vorlesen Luft holen würde. Bis auf die atemlose Ratlosigkeit des Erzählers am Schluss, der das Schloss nicht erklären oder erfassen kann, liest sich dieser Satz in einem sehr regelmässigen Ruherhythmus. Das gesamte Werk Kafkas ist nach diesem hörbaren Lesen gestaltet, von den kleinsten Fragmenten über die berühmten Kurzgeschichten bis hin zu den unvollendeten Romanen. Literaturwissenschaftlich lässt sich daraus zwar wiederum keine finale Interpretation gewinnen, doch für den privaten (Vor)Lesegenuss ist es allemal geeignet und entlockt uns vielleicht keinen Lacher, aber vielleicht zumindest ein Schmunzeln.

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5 Gedanken zu “Zitat der Woche: Franz Kafka, Das Schloss

  1. Neustäbler

    Kafka, nicht oberflächlich gelesen, lässt beim nochmaligen überdenken seiner Worte, vielfältige Bilder in unserem Kopf entstehen. Zurzeit arbeite ich an „Kafka“ und schneide Druckstock um Druckstock. Es ist schön, dass sich auch nach dem Kafka-Jahr 2013 noch jemand mit ihm beschäftigt.

  2. gsz

    mir gefällt die Dohle „Kavka“ sehr gut. Eine tolle, tiefgründige Illustration ist das. Wird s denn eine ganze Kafka-Serie?

  3. dl Artikel Autor

    Solange ich allzu kühnen Interpretationsversuchen oder Erklärungsansätzen fernbleibe, kann ich mir durchaus mehr Artikel zu Kafka vorstellen! Eine Idee wäre beispielsweise der Versuch, Kafkas Welten geografisch oder zumindest räumlich genauer zu erfassen…

  4. gsz

    ja, das kann gut ins textkonzept passen. wenn die texte zugänglich sind und nicht nur vom experten für experten … würde mich freuen, was über die geografie von kafkas texten zu erfahren … oder von den grundrissen der innenräume …

  5. Neustäbler

    @ GSZ: Es werden einige Holzschnitte zu Kafka geben, von Stücken, welche mir sehr gut gefallen haben. Natürlich gibt es Leute die sagen: Erst mal eine Konzeptebene schaffen und dann umsetzen. Ich mache Holzschnitte aus den Texten „Betrachtung“ und die Verwandlung. Ich konnte es mir nicht verkneifen ;-)

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