gesichtet #93: Streetart als künstlerisches Statement zur Stadtentwicklung

Von Michel Schultheiss

Manche Quartiere gleichen bei genauerem Hinsehen einem grossen Schaukasten. Wer etwa aufmerksam durch das St. Johann spaziert, kann immer wieder neue Entdeckungen machen: Parolen, Wandzeitungen, Graffiti und Streetart-Werke schmücken so manche Wände. Seit Monaten ist aber auch ein Plakat zu sehen, das heraussticht. Düster und ironisch zugleich wird hier das heutige Leben zusammengefasst: «Birth School Work Death».

Streetart an der Wasserstrasse 2

«Birth School Work Death»: Streetart schmückt die triste Fassade an der Wasserstrasse im Basler St. Johann-Quartier (Foto: smi).

An der Wasserstrasse, gleich beim Fernheizkraftwerk Volta, hat sich eine grosse graue Fassade in den letzten Monaten zu einer kleinen Strassengalerie gewandelt: Zum besagten Plakat haben sich mittlerweile auch andere Werke gesellt, so etwa ein Nilpferd-Stencil. Genau das war die Absicht der Urheberin: An dieser Ecke sollen verschiedenen künstlerische Impulse zusammenkommen. Ihr Poster an der Wasserstrasse hat eine Kettenreaktion ausgelöst. «Es geht um ungefragte und unorganisierte Kommunikation zwischen den Akteuren, was ein ständig wechselndes Gesamtbild ergibt», meint die Künstlerin, die aber die Bezeichnung «Malerin» bevorzugt, da Ersteres ihrer Meinung nach etwas abgehoben klingt.

Angst vor der Angst

«Ich kam auf das Thema Angstmacherei aufgrund von SVP-Plakaten, die offensichtlich und unsachlich Angst gegenüber den Ausländern schüren»: Ein Plakat derselben Künstlerin an der Lothringerstrasse 87 (Foto: smi).

In einer Nacht- und Nebelaktion hat sie auch gleich in der Nähe, an der Lothringerstrasse 87, ihre Spuren hinterlassen. Ein Baugerüst verhalf ihr dazu, die Bilder an einer hohen schmalen Wand anzubringen. Ein Porträt mit der Aufschrift «Keine Angst vor der Angst» bezieht sich auf den Film «Angst essen Seele auf» von Rainer Werner Fassbinder. «Ich kam auf das Thema Angstmacherei aufgrund von SVP-Plakaten, die offensichtlich und unsachlich Angst gegenüber den Ausländern schüren», meint sie. Das andere Motiv «Mehr Mut zur Wut» ist im gleichen Zug entstanden – quasi als Antwort auf das erste Plakat. «Nicht zuschauen, sondern sich aktiv gegen eine solche ausgrenzende Politik wehren» – so ist ihr Anliegen dahinter zu verstehen.

Der düstere Stil ist das Markenzeichen der besagten Malerin. Die Schwarzweiss-Bilder veranschaulichen gesellschaftliche Probleme: «Ich habe oft das Gefühl, dass die westliche Gesellschaft gerne ihre Augen verschliesst. Meine Bilder zeigen bedrückende Gefühle, wie Vergänglichkeit, Angst, Geldgier, die Vereinsamung von Menschen, keine Zeit haben, sich nur auf die Arbeit fokussieren, die grosse Schattenseite des kapitalistischen Lebens halt», erklärt sie. Damit soll das Schein-Sein hinterfragt werden, wie sie betont.

Streetart an der Wasserstrasse

An der Wand an der Wasserstrasse soll eine kleine Strassengalerie entstehen – sofern nicht alles schon entfernt wurde (Foto: smi).

Es ist kein Zufall, dass alle drei gesichteten Streetart-Beispiele im St. Johann zu finden sind: Das Quartier ist wohl nebst dem Klybeck derjenige Stadtteil Basel, in dem Themen wie Gentrifizierung nicht nur diskutiert werden, sondern auch als Konflikte in verschiedenen Formen sichtbar sind. «Aufwertung heisst Verdrängung»: Parolen dieser Art sind oft an so manchen Fassaden des Santihans zu lesen. Wo ein Novartis-Campus in unmittelbarer Nähe zu alten Arbeiterhäusern steht, wo Expats und Autonome ungewollt zu Nachbarn geworden sind, wo Sozialwohnungen neben Neubauten stehen, wo einst die Villa Rosenau zwischen einem Schlachthof und einem Casino stand, wo einst die Voltamatte mit einem Wachturm besetzt wurde, wo aber auch in der Quartierkneipe Jazz gespielt wird und Rock- und Punkkonzerte in Kellern stattfinden, geht sowohl an der Oberfläche wie auch im Untergrund immer wieder etwas.

Auch wenn Basel kein Zentrum für Streetart ist, wie an dieser Stelle auch schon Seifrei, ein anderer Vertreter dieser Szene, erklärt hat: Hin und wieder trifft man auf das eine oder andere Exemplar. Ein einfaches Pflaster ist Basel nicht gerade. «Ich habe sehr Mühe mit der Stadt und ihrem Umgang mit Strassenkunst», erklärt auch die besagte Malerin. Besonders in der letzten Zeit seien nur noch wenige Paste-ups oder Schablonenbilder in der Innenstadt zu sehen. Sie führt dies auf verschiedene Gründe zurück: Zum einen fehlten freie Flächen wie beim nun allmählich überbauten nt-Areal, wo sich ihrer Meinung nach unterschiedliche Subkulturen ausleben konnten. Zum anderen sind die Fassaden beschichtet und die Stadtreinigung greife früher ein, was leider dazu führe, dass kaum gestalterisch anspruchsvolle Werke entstehen. Ausgerechnet in der Stadt der Kunstmesse Art werde so diese Ausdrucksform an öffentlichen Orten eher an den Rand gedrängt.

«Street Art und Graffiti sind ein alltägliches Gegenbild, sie integrieren den Aussenraum in die Werke und sind als Strassenkunst nicht käuflich», meint die Malerin. Gleichzeitig betont sie aber auch, dass die Grenze zwischen nichtkommerziellen Strassenarbeiten und gewinnbringenden Kunstobjekten nicht so klar zu ziehen sei. Die Werke von draussen werden bisweilen salonfähig: «Genau dadurch entsteht eine schizophrene Wirkung von urbaner Kunst – in der Galerie ist sie hui und auf der Strasse pfui», meint sie. Mit anderen Worten: Drinnen, im kontrollierten und marktorientierten Rahmen, ist es prestigeträchtig, draussen wird’s als Vandalismus betrachtet.

Wie die Malerin feststellt, gibt es in Zürich mehr Werke als in Basel. Generell ist die Streetart-Szene im Vergleich mit Berlin, Hamburg und Amsterdam (wo ein anderer hier schon mal genannter Basler Vertreter, Bustart, tätig ist oder war) eher überschaubar. Das liege aber auch daran, dass hier ein anderes Verständnis von Kunst und öffentlichem Raum hat. «In der Schweiz ist es mit dem Kulturboxen geregelt, wo was wann aufgehängt werden kann, im Schanzenviertel von Hamburg werden die Plakate immer noch wild und direkt auf die Wände gekleistert und es stört keinen», meint sie. Zudem seien zum Beispiel in Lateinamerika und Indonesien Wandmalereien fest in der Kultur verankert. Dort habe es nicht den subversiven Charakter wie es bei uns, sondern ist längst Teil des erwünschten Stadtbildes.

Dabei sei es nicht in erster Linie Streetart oder Graffitikunst, die den urbanen Raum als Bildträger nutzt: Mehr als alles dominiert die Werbung. «Wenn man schon Graffiti und Streetart wegen Vandalismus kritisiert, dann sollte man auch die offizielle Gestaltung und Kontrolle des öffentlichen Raumes an sich hinterfragen. Also auch hier das gleiche Schema, gewinnbringende Werbung wird toleriert und aktive Gestaltung aus Eigeninitiative wird geahndet», findet sie.

Streetart Lothringerstrasse

Streetart scheut auch die Höhe nicht: Düstere Plakate an der Lothringerstrasse (Foto: smi).

Somit sind Werke wie die drei genannten Plakate auch als Statement zur Bespielung des öffentlichen Raums zu sehen: Streetart als Gegensteuer zu einer Vorstellung, dass die Quartiere herausgeputzt und steril sein sollen und nur amtlich Abgesegnetes oder wirtschaftlich Verwertbares die Wände schmücken soll? Vielleicht kann diese Kunstform passende Fragen zur Stadtentwicklung aufwerfen. Dabei unterscheiden sich die Werke aber von den gesprayten politischen Parolen, die im St. Johann ebenfalls oft zu sehen sind. Letztere wollen mit einer «Abwertung» des Quartiers (was der Satz: «St. Johann bleibt dreckig» gut zusammenfasst), um der Gentrifizierung zu trotzen, ist beim Streetart auch die ästhetische Absicht entscheidend – schliesslich gefallen die Werke nicht nur aktiven Stadtaufwertungskritikern, sondern können durchaus auch ein breiteres Publikum ansprechen. Das kann – wie die besagte Künstlerin auch erklärt hat – auch kommerzielle Vereinnahmungen mit sich ziehen – doch in diesem Stadtkontext bleibt diese Kunstform eine interessantes Manifest. Ob mit lustigen, aber auch abgedroschenen Parolen oder mit bemerkenswerten Streetartart-Objekten: Mit beidem wollen letztlich Leute zum Ausdruck bringen, dass sie auch noch da sind und mit der gegenwärtigen Quartierentwicklung nicht einverstanden sind.

Ob in Zukunft auch noch weitere Plakate der Malerin oder ihrer Kollegen zu sehen sein werden, bleibt offen – schliesslich «schlagen» die Künstler oft unerwartet zu und finden so manche brachliegenden Flächen, oft auch an sogenannten Unorten wie Unterführungen, Fussgängerpassagen, Schlachthofarealen, Brücken, Bahndämmen, Gewerbearealen oder Autobahneinfahrten. Vielleicht hat im Moment des Schreibens dieses Artikels das Plakat an der Wasserstrasse schon Gesellschaft von weiteren Werken bekommen. Vielleicht hängt es auch schon nicht mehr – Vergänglichkeit ist schliesslich bei dieser Kunstform ein grosses Thema.

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