gesichtet #19: Haus des Zorns
Von Michel Schultheiss
Viel wurde schon geschrieben und polemisiert über dieses Gebäude, das kürzlich den Flammen zum Opfer fiel. Verkohlt und rabenschwarz steht sie da, die geliebte und gehasste Villa Rosenau. Im Niemandsland zwischen Schlachthof, Kehrichtverbrennungsanlage und Casino war sie jahrelang für das wenige Leben im Grenzgebiet zum Elsass verantwortlich. Dieses scheint nun erloschen zu sein. Und in Zukunft werden womöglich in dieser Gegend nicht mehr die Gitarrenverstärker, sondern nur noch die zahlreichen Lastwagen brummen.
Schon vor dem grossen Feuer sorgten die Hausbesetzer für Weissglut und flammende Reden. Oder eigentlich sorgten sie eben gar nicht dafür, da sie im Grunde genommen niemanden attackierten. Doch eben gerade die blosse Existenz eines solchen Raumes provozierte anscheinend den Zorn eines manchen Bürgers. Und diese Wut wurde von gewissen Politikern und Medienschaffenden immer stets am Kochen gehalten. Die Bewohner Villa Rosenau dienten oft als Projektionsfläche für Frustrationen jeglicher Art – ähnlich erging es auch schon den Wagenleuten. Nachdem ein Brand das besetzte Haus beschädigt hatte, war es demzufolge auch keine grosse Überraschung, dass sich Leserkommentarspalten und facebook-Profile mit Häme und Schadenfreude füllten.
Der Brand bedeutet einen Verlust in vielerlei Hinsicht: Einerseits für die trostlose Schlachthofgegend, die ihre Insel der Geselligkeit verliert. Zum anderen natürlich für die Bewohner und Besucher. Und nicht zuletzt auch für die von Missgunst befallenen schimpfenden Kleinbürger, auch wenn diese die Feuersbrunst als Sieg verbuchen. Nun müssen sie sich nämlich einen neuen Blitzableiter suchen und neu definieren, wer ihnen wohl die Haare vom Kopf fressen könnte. Wenn die Brandruinen geräumt werden, wird es keine Villa Rosenau mehr geben, die ihnen als Ventil für ihr Unbehagen dienen kann. Doch keine Angst, ein nächstes Ziel wird sicher bald gefunden sein. Eine imaginäre Villa Rosenau, sprich ein vermeintliches Schlaraffenland, welches ihnen vorenthalten wird, dürfte es in den Augen mancher Leute immer geben.


Die Villa Rosenau als Heterotopie der Aus- und Abgrenzung, vielleicht hätte ich da doch mal vorbeischauen sollen.
Es ist ein Jammer, wenn Häme und mediale Hetze so sehr den Diskurs bestimmen. Danke darum für diese unaufgeregte, ausgezeichnete Kolumne!
Heute morgen wurde sogar der gesamte Individualverkehr umgeleitet (zwar ohne signalisation…) und die Villa abgerissen.
Das ist wohl schweizer Rekord, denn normalerweise stehen Brandruinen noch Monate.
Ich werde Sie vermissen & Sie wird uns fehlen.
Warum geht denn das so schnell? Da kann ich mich nur wundern, mit Nicolas und vielen, vielen anderen!
Vermutlich ist noch die Ruine so voll von bösen (oder sogar pösen) linken Gespenstern, dass man sie so schnell wie möglich forthaben will. Wie ein Indianerfriedhof, nur dass man Parkplätze und nicht Hotels darauf baut.
@Nicolas, Nik, Workaholic und dl: Vielen Dank für die Feedbacks! Zum Zeitpunkt des Schreibens bestand bei einigen Leuten noch die Hoffnung auf einen Wiederaufbau des vom Brand versehrten Teils der Villa Rosenau. Doch wie ihr alle mitbekommen habt wurde die Fotokolumne gestern – wenige Stunden nach der Veröffentlichung des Beitrags – von der Aktualität eingeholt. Somit verwandelte sich der Kommentar am gleichen Tag auch in eine Art Abgesang auf die Villa Rosenau und ihre kulturellen Aktivitäten.
Ein wirklich zeitnaher Kommentar zu einem Thema, das bewegt. Wenn man dann so liest, was gewisse Faceböökeler an Häme (Stichwort: „Ich habe ein Alibi für gestern Nacht“) vom Stapel lassen, freut man sich umso mehr um solche Töne!