„Der Stift soll deine Waffe sein“: Widerstand in West-Papua

Von Steffi Lønskov und Alice Bayer

„Du musst an das glauben, was du tust“ sagt Benny Wenda aus West-Papua. Die westliche Hälfte der Insel Neuguinea im Südpazifik steht seit 1963 unter der Kontrolle Indonesiens. Wenda ist Gründer der Free West-Papua Bewegung und Anführer eines indigenen Volkes. Er sass im Gefängnis und überlebte einen Vergiftungsversuch, Folter und  ein Massaker an seinem Volk. Fünf Jahre versteckte er sich mit seiner Familie im Dschungel vor dem indonesischen Militär. 2003 gelang Wenda die Flucht nach England, wo ihm politisches Asyl gewährt wurde. Wendas Schicksal ist nicht ungewöhnlich für einen Unabhängigkeitsaktivisten in Papua. Im Gespräch mit Survival International spricht er über den Kampf der Papua gegen die indonesische Besetzung.

Eine Korowai Frau in West Papua, das seit 1963 von Indonesien besetzt wird

Eine Korowai Frau in West Papua, das seit 1963 von Indonesien besetzt wird (Foto © Survival International)

Von Interpol gesucht

Wenda erzählt, dass er über acht Monate in Haft in West-Papua verbrachte. Ihm wird Mord sowie ein Angriff auf eine Polizeistation vorgeworfen – Verbrechen, die er vehement abstreitet. Zu seinem Prozess in West-Papua erschienen keine Zeugen und es wurde ihm kein Verteidigungsanwalt zur Verfügung gestellt. In Haft wurde er gefoltert und entkam nur knapp einem Vergiftungsversuch. Daraufhin flüchtete er aus dem Gefängnis und erreichte Grossbritannien.  Interpol stellte einen Haftbefehl gegen Benny Wenda aus, um seine Auslieferung nach Indonesien zu erwirken. „Wenda sollte mutig genug sein, sich diesen Anklagen zu stellen“ lautete es von der indonesischen Botschaft in London. Doch Wenda sah den Haftbefehl vor allem als Strategie, seinen Einsatz für die Unabhängigkeit West-Papuas zum Schweigen zu bringen.

Fair Trials International unterstützten Wendas Verteidigung und stellten fest, dass Haftbefehle über Interpol oft missbraucht werden, um gegen politische Oppositionelle oder Friedensaktivisten vorzugehen. 2012 liess Interpol den Haftbefehl schliesslich fallen und kam zu dem Schluss, dass Indonesiens Anschuldigungen gegen Wenda „politisch motiviert und ein Missbrauch des Systems“ seien.

Benny Wenda

Benny Wenda (Foto © freewestpapua.org / Survival)

Tödlicher Einsatz für Unabhängigkeit

Jedes Jahr am 1. Dezember begeht die Unabhängigkeitsbewegung West-Papuas den symbolischen Unabhängigkeitstag mit dem Hieven der emblematischen „Morgenstern“-Flagge. 1961 endete die Kolonialherrschaft der Niederlande in West-Papua und öffnete die Türen für einen unabhängigen Staat und politische Kontrolle durch die indigene Bevölkerung West-Papuas. Doch bereits ein Jahr später hatte Indonesien das Land militärisch besetzt und, mit der Unterstützung der USA und mächtigen Rohstoffinteressen, 1969 die endgültige Kontrolle übernommen.

Seitdem kommt es in West-Papua regelmässig zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen der indigenen Bevölkerung und dem indonesischen Militär. Die Konflikte entstehen einerseits, weil Indonesien die Halbinsel besiedelt und sie ‚indonesieren’ will und anderseits geht es um Ressourcen- und Rohstoffinteressen.  Der grösste Steuerzahler Indonesiens, Freeport, betreibt die weltgrösste Gold- und Kupfermine in West Papua. Ferner wird ein Grossteil des Flüssigerdgases in West Papua extrahiert und der Holzeinschlag bringt Indonesien bis über eine Milliarde Dollar jährlich ein. Oftmals wird das Land der Indigenen ohne deren Zustimmung an die Grossunternehmen verkauft, die es dann ausbeuten. Oder die Grossunternehmen ‚kaufen’ es den Indigenen mit dem Versprechen zum Bau von Schulen, Strassen und Spitälern ab, die nie oder selten gebaut werden.

Weil Journalisten faktisch keinen Zugang zur Region haben und auch internationale  Menschenrechtsorganisationen aus Papua verbannt sind, gelangt nicht viel über diese Konflikte an die Öffentlichkeit. Dennoch dringen immer wieder Berichte von Verhaftungen, Folter, brennenden Dörfern und Toten an internationale Medien. Die gewaltsame Unterdrückung streitet die Regierung jedoch ab: „Indonesien hat sich für Dialog und friedliche Massnahmen entschieden, um die Angelegenheiten in Papua zu regeln“, so die indonesische Botschaft in London.

„Soldaten schiessen Trophäenbilder von ihren Opfern“, so Sophie Grig, Papua-Expertin von Survival International. „Diese Videos und Fotos der Grausamkeiten werden dann internationalen Organisationen wie Survival zugespielt, welche die Bilder den Medien weiterleiten. So erfährt die Weltöffentlichkeit, was in Papua hinter geschlossenen Türen wirklich passiert.“

West-Papua besitzt geografisch, historisch und ethnisch keine Verbindung zu Indonesien. Für die Indonesier sind die Papua Bürger zweiter Klasse. „Die Indonesier besetzen und besiedeln Papua, sie sprechen von Integration, von einem geeinigten Indonesien“, so Benny Wenda. „Doch sie behandeln uns wie Tiere, für sie ist Papua eine Kolonie – wir sind nicht wirklich Teil Indonesiens.“ Seit der Besetzung durch Indonesien sind manchen Schätzungen zufolge 100’000 Zivilisten ums Leben gekommen, Wendas Schätzungen nach sind es 400’000. Erst im Oktober lösten indonesische Sicherheitskräfte gewaltsam einen Unabhängigkeitskongress auf und töteten bis zu zehn Menschen.

Benny Wenda hat die Besetzung auch am eigenen Leib erfahren müssen: Als er fünf Jahre alt war erlebte er ein Massaker an seinem Volk. Im Zuge der militärischen „Operation Annihilation“ wurden Indigenen-Anführer aus Helikoptern in die Dörfer geworfen; um ein Beispiel zu setzen. Benny gelang die Flucht mit seiner Familie in den Regenwald wo sie sich über fünf Jahre versteckten.

Ein Korowai Mann mit Kind in West Papua.

Ein Korowai Mann mit Kind in West Papua (Foto © Survival International)

Der Stift soll deine Waffe sein

Viele Bekannte und Freunde von Benny Wenda in West-Papua sind inzwischen inhaftiert oder tot. Auf die Frage, wie er angesichts dieser Tatsachen friedlich weiterkämpfen kann, erzählt er: Nach fünf Jahren auf der Flucht im Dschungel ist sein Grossvater an Unterernährung gestorben. Bevor er starb, sagte er zu Wendas Eltern: „Ihr müsst kapitulieren, ihr müsst aufgeben und euch Indonesien unterwerfen, nur so kann euer Sohn überleben.“ Und zu Wenda sagte er: „Der Stift soll deine Waffe sein. Geh zurück zu deinem Volk und nimm deine Rolle als Anführer war, kämpfe friedlich.“ Wenda hat sich an sein Versprechen gehalten, obwohl er wusste, dass es ihn sein Leben kosten könnte. „Es ist der einzige Weg, wir müssen anders sein als die Indonesier. Wir sind die Eigentümer dieses Landes, wir brauchen unser Land zum Leben“, so Wenda.

 

Survival International ist eine weltweit aktive Menschenrechtsorganisation, die sich für die Rechte indigener Völker einsetzt, vor allem diejenigen, die in größter Isolation und fernab der Außenwelt leben. Sie sind am meisten bedroht und sind dabei alles zu verlieren – auch ihr Leben. Die Organisation legt den Schwerpunkt auf Kampagnen und Aufklärungsarbeit als effektive Methode, langfristig Verbesserungen für indigene Gruppen zu erreichen. Zudem ist sie darum bemüht, bestehende Vorurteile durch Bildungsarbeit abzubauen. Survival ist Träger des Alternativen Nobelpreises. www.survivalinternational.de

 

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