gesichtet #44: Krieg den Rabatten

Von Michel Schultheiss

Nebst Geranien ziert nun auch eine Stilblüte diesen Balkon. Die Aufschrift «Smash the Rabätli» ist an der Landskronstrasse in Basel zu sehen. Erst vor Kurzem muss diese Kriegserklärung an die Pflanzungen erstellt worden sein. Damit gehört sie zu jenen Bekundungen, die ähnliche Rätsel wie die berühmten Kornkreise aufwerfen: Wie von Geisterhand erscheinen sie und dann stellt sich die Frage, was die Urheber uns mit ihrem Werk eigentlich sagen wollen.

Smash the Rabätli 2

Frei nach Georg Büchner gilt der Krieg nicht den Palästen, sondern man gibt sich einiges bescheidener und nimmt sich die Pflanzungen vor (Foto: smi).

Das Statement gegen die Rabatten ist nur eines von etlichen Graffitis im St. Johann. Das Basler Quartier ist seit geraumer Zeit ein Terrain der Auseinandersetzungen rund um das Thema Stadtentwicklung. Der Novartis-Campus und die Neubauten am Voltaplatz, die Proteste dagegen bei der Voltamatte oder die vom Abbruch bedrohten Wohnhäuser an der Wasserstrasse – all diese Themen haben immer wieder für Konfliktstoff gesorgt. Dementsprechend zeugen einige, doch längst nicht alle Graffitis von diesen Themen. «Aufwertung heisst Verdrängung» und «Wir schaffen unsere Freiräume selbst» sind dabei nur wenige Beispiele, die auf diese Auseinandersetzungen verweisen. Andere Sprayereien sind genereller gehalten: Beim neuen Robi-Spielplatz wurden die Hütten jüngst mit dem Seufzer «Ojemine!» versehen. Auch Klassiker des Fassaden-Verbalradikalismus wie etwa die Aufrufe «Bildet Banden» und «Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Attentat» sind vereinzelt zu finden. Bei der Wasserstrasse waren sich die verschiedenen Sprayer selbst nicht ganz einig, wie pointiert sie ihre Botschaft vermitteln wollten: «Betrachtet dies als Warnung» hiess es dort zuerst, wobei das Substantiv staffelweise schon durch die Begriffe Kunst und Angriff ersetzt wurde. Einmal hat es die eine Wand schon in die Medien geschafft: Die von Kindern vom Tagi Elsässerstrasse gemalten Farbtupfer, die unter dem Titel «Willkommen in unserem Quartier» mit einem Kreis-A versehen wurden, bestehen noch immer in dieser anarchistisch ergänzten Form. Eine weitere, vielleicht selbstironisch gemeinte Botschaft «Revolutionsromantik» ist beim Atelier Blendwerk zu sehen.

Zu all diesen Präsenzmarkierungen des 4056-Territoriums gesellt sich nun auch die eingangs erwähnte: Frei nach Georg Büchner gilt der Krieg nicht den Palästen, sondern man gibt sich einiges bescheidener und nimmt sich die Pflanzungen vor. Ob die Sprayer dabei an einen Aufruf zum Guerilla Gardening gedacht haben? Jedenfalls steht die ziemlich kleine und unscheinbare Rabatte vor dem Balkon unverändert geblieben. Womöglich galt die Botschaft auch den Geranien, die auf dem einzigen üppig bewachsenen Balkon des Gebäudes aus dem grauen Beton hervorstechen. Da diese Blumen gemeinhin als Inbegriff des Spiessbürgertums gelten, könnten sie eine Zielscheibe abgegeben haben. Zudem versteckt sich hinter den Blumen erst noch ein Gartenzwerg. Wenn dem so ist, müssen sich die Sprayer geirrt haben: Erstens passen die Bewohner als Immigranten nicht ins Schema des typischen Schweizer Geranien-Liebhabers, wie er in vielen Köpfen steckt und den es zu ärgern gilt. Zweitens war auch ihre Reaktion nicht so, wie es ein Provokateur gewollt hätte: Während mehreren Tagen bemerkten sie die markante Sprayerei an ihrem Balkon gar nicht. Als sie darauf hingewiesen wurden, nahmen sie es gelassen und lachten herzhaft über diese überraschende Balkonaufwertung.


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