gesichtet #78: Der «Geheimgang» zur Grenze

Von Michel Schultheiss

Das düstere Loch ist mit Tags und Graffiti bedacht. In der hintersten Ecke des Hafenareals gähnt der finstere Schlund, welcher selten aufgesucht wird. Leere Becher zeugen von menschlicher Anwesenheit, doch normalerweise herrscht dort wenig Betrieb. Generell haben Unterführungen kein gutes Image: Die unwirtlichen Bunker, um Fussgänger zugunsten des Strassenverkehrs unter die Erde zu verbannen, sind selten einladend. Bei dieser hier handelt es sich aber um einen speziellen Fall: Sie befindet sich nicht etwa unter einer stark befahrenen Strasse, sondern unter den Eisenbahngeleisen an einem der hintersten Zipfel des Basler Stadtgebiets, beim Ostquai. Gäste des Restaurants «Rostiger Anker» oder der «Vollmondbar» dürften sie schon gesichtet haben. Ziemlich weg vom Schuss, in den Weiten des Hafenareals taucht die Fussgängerpassage unerwartet auf.

Eingang Unterführung Ostquai

Ein Tunnel ins Nichts? Wohin führt diese Passage beim hintersten Zipfel der Stadt eigentlich? (Foto: smi).

Kleinhüningen sorgt immer wieder für Überraschungen dieser Art – sei es mit seinem Dorfkern mitten im Hafengebiet oder mit Littering-Poesie. Es ist ohnehin immer wieder interessant, wie wenig selbst waschechte Basler das ehemalige Fischerdorf, das in einem alten Basler Kindervers als «Bettelsack» bezeichnet wird, kennen. So wissen manche gar nicht richtig, wo es eigentlich beginnt und verwechseln es gar mit dem Klybeck – so quasi alles, was «dort hinten» liegt, gilt als Kleinhüningen (wobei man aber sagen muss, dass die historische Grenze des ehemaligen Dorfes bis weit über die Wiese hinausreichte). Andere Leute sprechen sogar abschätzig von diesem Quartier als sei es ein wilder Urwald irgendwo an der Grenze.

Unterführung Ostquai

Die Unterführung ist doch beliebter als sie scheint (Foto: smi).

Auch wenn das natürlich Unsinn ist und dem alten Dorfzentrum und dem Rheinhafen unrecht tut: Selbst der Schreibende muss zugeben, dass er dort immer wieder auf unbekannte Sachen stösst. So scheint auch den ersten Blick scheint nicht klar, was die unwirtliche Unterführung unter den Eisenbahngeleisen eigentlich soll: Es scheint ein Tunnel ins Nichts zu sein. Wer den etwas unwirtlichen Gang durchquert, kommt aber auf der anderen Seite zu einem Trampelpfad – eine Alternativroute zum Hafenbecken 2 an der Grenze zu Weil am Rhein.

Weg nach Weil

Ein verwinkelter Trampelpfad nach Deutschland (Foto: smi).

Selbst man sich in Basel (manchmal auch etwas krampfhaft) als weltoffen gibt: Die psychologische Wirkung der Landesgrenzen – in diesem Fall diejenige zu Weil am Rhein – ist immer noch da. Wie auch das Lysbüchel auf der anderen Seite des Rheins ist auch die Gegend um das Ostquai eine dieser eher vernachlässigten Pufferzonen. Solche Gefilde in Grenznähe sorgen immer wieder für Neuentdeckungen, wie das auch Walter Benjamin beschreibt, wenn er von seinen urbanen Irrfahrten im Berliner Tiergarten erzählt. Dazu gehört etwa auch die etwas versiffte Unterführung zur Grenze. Mit Kinderaugen betrachtet wär’s vielleicht so etwas wie ein Geheimgang oder eine Drachenhöhle.

Ostquai-Unterführung-Graffiti

Da war mal was los: Die grauen Flächen an diesem vernachlässigten Ort laden dazu ein, Spuren zu hinterlassen (Foto: smi).


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