gesichtet #58: Littering-Poesie aus Kleinhüningen

Von Michel Schultheiss

Ausnahmsweise wird keine eine entlaufene Katze gesucht. Es wird auch nicht die Ausrufung der Monarchie angekündigt, kein Rheinhattan versenkt und schon gar kein Marabout bekannt gemacht. Bei den Zetteln, welche bisweilen an den Kleinhüninger Sitzbänken kleben, geht’s um etwas anderes: Mit Vierzeilern soll die Aufmerksamkeit der Passanten gewonnen werden.

Littering-Gedicht

Eine ungewöhnliche Vermittlung eines Anliegens: Die Sitzbank-Vierzeiler in Basel (Foto: smi).

Wer aber steckt hinter diesen Zetteln und was soll damit bezweckt werden? Die Antwort liegt nicht weit von den Sitzbänken entfernt: Eine 72-jährige Anwohnerin, die nicht namentlich genannt sein möchte, es jedoch schätzt, dass ihr Engagement thematisiert wird, ist die Urheberin dieser Vierzeiler. Oft ist sie auf eigene Faust mit grünen Handschuhen und einem Müllsack in der Stadt unterwegs, um die Strassen und Rabatten vom Unrat zu befreien. Der Anti-Littering-Aktivismus geht für sie aber noch weiter: «Ich möchte die Leute wachrütteln», meint sie. Sie gehört keineswegs zu diesen Leuten, die drakonische Strafen fordern – sie setzt sich eher für ein Umweltbewusstsein, freiwilliges Einsammeln und Flaschendepots ein, wie sie sagt.

Während zum Beispiel im St. Johann gefordert wird, dass Basel «dreckig» bleiben soll – auch wenn damit etwas anderes gemeint ist als das viel diskutierte Littering – hat die umweltbewusste Frau an der Grenze zu Weil am Rhein ebenfalls ehrgeizige Ziele: Die Kleinhüningeranlage soll dereinst zur schönsten Strasse Basels werden. Damit möchte sie die Initiative ergreifen: Ihre Idee ist, eine Art Wettbewerb zu lancieren, bei welchem das sauberste Quartier gekürt und mit einem Fest gefeiert werden sollte.

Nicht alle Leute haben sich über die angeklebten Zettel gefreut. «Manchmal wurden sie schon innerhalb eines Tages entfernt», erinnert sich die Frau. Ob sich die Leute mit dem Appell ertappt fühlten oder ob die Blätter selbst als Fälle von Littering betrachtet wurden, bleibt dabei offen. Die Anwohnerin meint aber, dass schliesslich «irgendetwas unternommen» werden müsse, um Gegensteuer zur Wegwerfgesellschaft zu geben. Zum Glück gebe es aber in letzter Zeit immer mehr Sammelaktionen in den Quartieren, um zu verhindern, dass die Stadt zugemüllt werde. Das diesjährige Fasnachtssujet «Gäll, blyb suuber» wäre daher im Sinne der Einzelkämpferin – auch wenn wohl diese «Bankverse» für einen Schnitzelbank nicht reichen werden.

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