gesichtet #42: Professor Karamokos Krokodilsblut

Von Michel Schultheiss

Es gibt Werbematerial, das ich trotz Stopp-Kleber nicht in meinem Briefkasten missen möchte. Dazu gehört ein Zettel, auf dem von «25 Jahre erfahrung mit gewalt gegen Frauen und 100% garantie Erfolg zum neuem Liebensglück» die Rede ist. Der Urheber, Professor Karamoko, geht noch weiter und verspricht Problemlösungen auf allen möglichen Gebieten: Egal ob Spielglück, Karriere, Tabakkonsum, Familienstreitigkeiten oder Befreiung von Flüchen und «Voodoo-Zauber»: Der «einzigartige Marabout», wie er sich nennt, packt die Sache «serios und zuverlassig» an.

Karamoko Werbung

Ein Fundstück für «Magopinaciophile»: Die Marabout-Zettel, welche zum städtischen Inventar von Paris gehören, haben es auch nach Basel geschafft (Foto: smi).

Zettel dieser Art erinnern auf den ersten an die Fähigkeiten des professionellen Unterwelt-Problemlöser Winston Wolf aus dem Streifen «Pulp Fiction» oder an die Flyer des verhinderten Königs von Portugal aus Basel. Dabei muss aber bemerkt werden, dass sich diese Schriften in ein ganz bestimmtes Genre einreihen, das hierzulande noch relativ unbekannt ist. Im deutschsprachigen Raum mögen solche Zettel, die hin und wieder im Briefkasten landen, für verwunderte Blicke oder ein Schmunzeln sorgen. In Frankreich gehören sie hingegen längst zum städtischen Inventar. Daher sind sie auch dem spanischen Schriftsteller Juan Goytisolo in dessen Wahlheimat Paris aufgefallen. In seinem Stadtmosaik «Paisajes después de la batalla» aus dem Jahr 1982 widmet er den eigentümlichen Werbestrategien der Marabouts ein Kapitel. Er beschreibt, wie mitten im hektischen Treiben am Markt bei der Métro-Station «Barbes-Rochechouart» die Kärtchen eines gewissen «Monsieur L’ Sa Monammu» verteilt werden.

Nicht nur Goytisolo ist der typische Schreibstil dieser Werbezettel aufgefallen: Längst haben sie sich in Frankreich sich zu einer Art urbaner Folklore entwickelt und dabei bei manchen Leuten eine Sammelwut ausgelöst. So bezeichnet die Wortkreation «Magopinaciophilie» das Hobby, Marabout-Zettel zu horten. Liebhaber dieser «marabouts de papier» haben gar die Webseite MegaBambou.com ins Leben gerufen. In einer Galerie werden dort die skurrilsten Trouvaillen gezeigt und mithilfe eines Tools kann dort jeder sein eigenes Marabout-Inserat erstellen. Dabei ist es wichtig, gewisse Punkte zu erfüllen, um den Duktus einer richtigen Marabout-Anzeige zu erfüllen: Endlose Aufzählungen, fehlende Satzzeichen, Plagiate aus anderen Flyern, feminisierte Anredeformen und Rechtschreibefehler sind nur wenige Beispiele aus dem Stilfiguren-Set, die ein solches Kärtchen ausmachen.

Wichtig ist dabei, dass der Werbende sich als Generalist verkauft: Eine Auflistung aller möglichen Probleme, die er zu lösen weiss, ist dabei unabdingbar. Dies hat auch seinen Grund, denn ein Marabout ist nicht irgendwer. Der Begriff hat zwei Bedeutungen: Zum einen bezeichnet er in Nord- und Westafrika eine Art islamischen Heiligen, der aus der mystischen Tradition des Sufismus entstammt. In einigen afrikanischen Ländern südlich der Sahara wird der Begriff jedoch viel weiter gefasst und bezeichnet Personen mit magischen Eigenschaften. Diese Weisen, Seher und Heiler sind mit der Aufgabe anvertraut, die Gesundheit oder den sozialen Zusammenhalt wiederherstellen. Somit hat er in gewissen westafrikanischen Gesellschaften eine Schlüsselrolle inne, wenn Probleme auftauchen.

Das Gesicht hinter dem Zettel: Professor Karamoko aus dem Elsass (Foto: smi).

Das Gesicht hinter dem Zettel: Professor Karamoko aus dem Elsass (Foto: smi).

Die Nähe zur französischen Grenze macht es möglich, dass diese mit magischen Fähigkeiten ausgestatten Menschen auch in Basel aktiv sind und ihre Offerten – so etwa auch bei mir – bisweilen in den Briefkästen landen. Anstatt den Zettel ins Altpapier zu werfen, entschliesse ich mich, Professor Karamoko persönlich zu treffen. Ohne Zögern geht er auf das Angebot ein und freut sich dass über ihn geschrieben wird.

Am Grenzübergang Basel-St. Louis treffe ich auf den Mann, der einiges unauffälliger ist als sein Werbezettel. Der 50-jährige Guineer sieht auf den ersten Blick nicht wie ein Magier aus. Doch dann beginnt er über seine Arbeit zu sprechen: Auf dem Terminplan steht ein Kunde aus Luzern. Dieser wurde von seiner Freundin verlassen und brauche dringend Hilfe. Andere seiner Kunden kämpfen mit Drogenproblemen. Auch bei Magenbeschwerden und Impotenz weiss Karamoko Abhilfe: Er verfügt über heilsame Wurzeln, Blüten und Baumrinden, die er den Klienten verabreicht. «Die Dosierung ist dabei entscheidend», meint Karamoko. Für seine Behandlungen verwendet er bisweilen auch Krokodilblut und Schlangengift aus Ampullen, wie er sagt. Da er schon seit 27 Jahren in Frankreich lebt, muss er das kostbare Gut aus Guinea und anderen westafrikanischen Ländern importieren lassen.

Wie aber wird man Marabout? Diese Arbeit kann man laut Karamoko nicht einfach so erlernen. Der Titel und das Wissen über die heilende Wirkung der genannten Stoffe werden jeweils innerhalb der Familie weitergegeben, hält Karamoko fest. Schon sein Grossvater habe diese Tätigkeit ausgeübt; er gehöre nun der vierten Generation an und in der Heimatgegend sei den Leuten daher der Name Karamoko ein Begriff. Der Professorentitel komme nicht etwa von der Uni, sondern «de la forêt», wie er sagt – also vom Studium der Pflanzen vor Ort.

«Ich bin nicht auf der Suche nach Geld», betont der Marabout. Konsultationen führe er kostenlos durch, denn das Honorar hänge vom Erfolg der Behandlung ab. Seine Kunden seien sowohl «Schwarze wie auch Weisse», wie er sagt. Bei seinen Aufträgen in Basel handle es sich aber vor allem um afrikanischstämmige Leute. Dabei warnt Karamoko vor falschen Marabouts, die ebenfalls ihre Dienste anböten. Ich frage ihn, anhand von welchem Kriterium ich einen echten Marabout erkennen könne. «Anhand der Pflanzenkenntnisse, über welche die Falschen nicht verfügen», antwortet Karamoko. Auch trieben Schwarzmagier ihr Unwesen. Er hingegen würde Voodoo-Praktiken nur zu guten Zwecken anwenden. Für mehr Infos hat Professor Karamoko keine Zeit, da er noch eine Sprechstunde auf dem Programm hat. Gerne möchte er aber einmal dem «Kulturmagazin Zeitnah» seinen Arbeitsort zeigen. Dort lagert er nämlich all die seltenen Pflanzen sowie die Ampullen mit dem Krokodilsblut.


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