gesichtet #22: Basels verkannter König

Von Michel Schultheiss

«Ich suche Paparazzi, Frauenrechte, Rechtsanwälte, Journalisten, Publizisten, Patenschaft»: Ein Inserat der besonderen Art begleitet ihn jeweils. Auch nach Bürohilfen, Support Groups, Musikern und Sängern hält er Ausschau  – und dies in mehreren Sprachen. Was die Paparazzi anbelangt, hat er offensichtlich seine Meinung geändert, denn früher lehnte er diese auf seinen Anzeigen vehement ab. Mit Fotografen ist er aber ohnehin höchst selten konfrontiert, denn im hektischen samstäglichen Einkaufsrummel geht der bärtige Herr mit Hut und Krücken oft unter. In der Freien Strasse und am Barfüsserplatz – oft in Nachbarschaft zur stadtbekannten Akkordeonistin – macht er mit seinem Kartonschild auf sein Anliegen aufmerksam. Entschieden, doch keineswegs aufdringlich hält er den Passantinnen und Passanten seine Flugblätter hin.

Prinz Dom Manuel III de Portugal Hohenzollern Borbone Bourbon Bragança weibelt für die Manifestation der Monarchie

Prinz Dom Manuel III de Portugal Hohenzollern Borbone Bourbon Bragança weibelt für die Manifestation der Monarchie

Wie auch andere Basler Persönlichkeiten, so etwa der Jesusfeind und die Grinsefrau, hat auch er eine Botschaft zu verkünden. Die Vorbeiziehenden wissen nämlich nicht, welch illustre Persönlichkeit sie vor sich haben: Ihre Majestät Prinz Dom Manuel III de Portugal Hohenzollern Borbone Bourbon Bragança. So lautet die Unterschrift auf dem Flugblatt, mit welchem die erlauchte Persönlichkeit zur «Manifestation der Monarchie» einlädt. Wer nun an einen verspäteten Fasnachtszeedel oder an einen verfrühten Aprilscherz denkt, befindet sich auf dem Holzweg: Der in Basel wohnhafte Portugiese weibelt regelmässig in den Strassen, um als König anerkannt zu werden. Der 55-Jährige bezeichnet sich als Nachkomme des letzten Königs von Portugal: «Manuel II war mein Grossvater», meint er, wenn man sich bei ihm nach seinem Anliegen erkundigt.

Die Fakten sprechen jedoch gegen den Thronprätendenten: Der gestürzte Monarch Manuel II starb 1932 kinderlos im englischen Exil. Aus seiner Ehe mit Auguste Viktoria, Prinzessin von Hohenzollern, gingen keine Nachkommen hervor. Der Basler Prinz wehrt sich aber vehement gegen die offizielle Version zum Untergang der portugiesischen Königshauses: Die Republik habe die Informationen zu den legitimen Thronfolgern vertuscht – deshalb seien die Kinder und Enkel des portugiesisch-preussischen Königspaars auch in keinem Nachschlagewerk zu finden. Weil man ihm nicht glauben wolle, sei er vor 35 Jahren aus Portugal geflohen und versuche nun, im Basler Exil die königliche Anerkennung zu erhalten.

Basels König ist nicht der einzige portugiesische Thronprätendent: Es gibt noch einen zweiten, Duarte III Pio de Bragança, ein Urenkel des im 19. Jahrhundert ins Exil gezwungenen Königs Miguel I. Dieser hat den umgekehrten Weg bestritten: Aufgrund der Verbannung seiner Familie ist er in der Schweiz geboren und hat 1952 die Erlaubnis erhalten, nach Portugal zurückzukehren. Mit ihm hat der bärtige Kronprinz aus Basel aber nichts zu tun. Manuel III geht mit seinen Forderungen noch viel weiter als Duarte: Als ältestes von vier Geschwistern, die in Portugal geblieben sind, habe er Anspruch auf die Krone – nicht nur auf diejenige seines Heimatlandes, sondern auch auf diejenige von Preussen, erklärt er.

Mit Flyern und Plakaten macht der angebliche Nachkomme des Königs Manuel II auf die Manifestation der Monarchie aufmerksam. Vor dem Basler Rathaus sowie in Strassburg hat er sich schon an mehreren Samstagen positioniert – in der Hoffnung, dass die Regierung und Medien auf sein Anliegen eingehen. Die Chancen dafür stehen nicht allzu gut, denn die allmonatlichen Manifestationen der Monarchie vor dem Basler Rathaus haben bis jetzt nur wenige Schaulustige angezogen. Einmal gesellte sich ein älterer Herr zu ihm, der behauptete, er habe sich als Jugendlicher freiwillig bereit erklärt, für die Wehrmacht zu kämpfen. Anschliessend legte er mit kruden antisemitischen Verschwörungstheorien los. Anscheinend sah der ehemalige Nazi-Sympathisant und Mitglied einer Rechtsaussenpartei im König von Portugal einen Verbündeten. Dom Manuel III liess sich jedoch nicht von diesem Basler Rechtsextremen vereinnahmen – was auch mit sprachlichen Hürden zu tun hatte.

Auf seinen Flugblättern, die in diverse Sprachen übersetzt sind, bezeichnet er sich als Analphabeten. Dies tut aber seiner Internetpräsenz keinen Abbruch: Er ist auf einem Blog sowie auf sozialen Netzwerken wie Facebook, Myspace, Linkedin und hi5 vertreten – bisher sind die Kommentare jedoch ausgeblieben. Bei der portugiesischen Botschaft in Bern ist der Basler König bestens bekannt – doch auch dort weiss niemand, woher er kommt und was sein Hintergrund ist. Das fehlende Echo hält Manuel III nicht davon ab, für sein Anliegen einzustehen. Er fordere zwar keine materiellen Güter, bloss die Anerkennung seines Titels. Dennoch hätte er nichts dagegen, wenn man ihm ein Schloss zugestehen würde, wie es sich für eine Prinzen gehört. 600 Franken Belohnung winken derjenigen Person, welche bei der Regierung ein Schloss erbitten kann. Vielleicht finden die Baselbieter Schlösser Bottmingen und Wildenstein, über deren Verbleib in wenigen Tagen abgestimmt wird, in ihm einen neuen Besitzer.

Dies ist eine leicht abgeänderte und aktualisierte Version eines Artikels auf baz.ch vom 22.3.2012. Er stammt vom gleichen Autor: http://bazonline.ch/basel/stadt/Ich-bin-ein-Prinz/story/23915103 

7 Gedanken zu “gesichtet #22: Basels verkannter König

  1. Workaholic

    Muss man eigentlich, um wöchentlich eine so lesenswerte Foto-Text-Kolumne zu haben, einen riesigen Fundus haben, oder hast du immer deine Kamera dabei, Michel Schultheiss? Es fällt ja auf, dass es manchmal *sehr* zeitnah ist (siehe die Villa Rosenau), dann wieder zeitloser …

  2. smi

    @Workaholic: Im Gegensatz zur Villa Rosenau gibt’s den portugiesischen Thronprätendenten noch. Mittlerweile ist er auch schon seit mindestens zwei Jahren mit seinem Anliegen unterwegs. Somit handelt es sich in der Tat um ein eher zeitloses Thema.

  3. Workaholic

    Wo kann man den verhinderten Prinzen denn antreffen? Habe den glaubs noch nie gesehen.

  4. smi Artikel Autor

    @Workaholic: Vor dem Rathaus, in der Freien Strasse oder am Barfi. Auch am Messe- und Claraplatz wurde er schon „gesichtet“. Gruss smi


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