Goethe fällt durch Goethe-Examen

(gopf.) · Wie „Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012“ aus verlässlicher Quelle weiss, ist Johann Wolfgang von Goethe vor einiger Zeit durch ein Goethe-Examen gerasselt. Die zwei sehr freien „Zeitnah“-Korrespondenten Egon Friedell und Alfred Polgar zeichnen die Ereignisse in einem Glanzstück des indiskreten Journalismus nach.

Werkskonstituierende Interna

Der Meldung zufolge habe Goethe nicht einmal Datum, Uhrzeit und Witterungsverhältnisse zur Zeit des Aufbruchs zu seiner dritten Italienreise rekapitulieren können, geschweige denn, die Fellfarbe der Zugpferde seiner Kutsche. Des Weiteren habe der Geheimrat, Epiker, Lyriker, Dramatiker, Naturwissenschaftler und Lebemann sich geweigert, werkskonstituierende Interna wie etwa die Querelen mit der Dame von Stein und mit anderen Frauenbekanntschaften zu benennen. Stattdessen habe der Prüfling auf seine Gesammelten Werke verwiesen. Überhaupt habe Goethe bei allen Fragen zu Amor und Trieben eine so hartnäckige Diskretion an den Tag gelegt, dass ihm noch die simpelsten Daten vom wohlgesonnenen Beisitzer eingeflüstert werden mussten.

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Bei der Frage nach Goethes Schreibmaterial blieb Goethe beim Goethe-Examen Antworten schuldig. Mit obiger Lichtbildaufnahme konfrontiert, schwatzte er sich ebenso wort- wie fintenreich damit heraus, er habe zu viele Federn in zu viele Fässchen gehalten, um mit letzter Bestimmtheit zu sagen, ob dies tatsächlich sein damaliges Werkzeug sei. Zum Missfallen der gestrengen Examinatoren verwehrte sich Goethe auch gegen die Illustration an sich – unter Hinweis auf deren monochromatischen Charakter sowie, abermals, unter donnerndem Lob seiner „Farwelehr“.

Weitere Minuspunkte

Auf die Frage des examinierenden Professors nach dem wichtigsten von Goethes Werken habe Goethe „Farwelehr“ gesagt, was ihm nebst Gelächter Minuspunkte brachte. Des Weitern habe der Dichterfürst zwar geglänzt in der tadellosen Wiedergabe seiner Familiengeschichte und der Inneneinrichtung seines Geburtshauses; dafür sei Goethe kläglich gescheitert, die kolossale Wichtigkeit von Goethes Studienjahren in ihren gebührenden geistesgeschichtlichen Konnex zu bringen. Viel mehr als schwelgerische Erinnerungen an Kneipenbesuche und an empfindelnde Fahrten aufs Land war dem Prüfling laut der Nachrichtenagentur gopf. nicht zu entlocken.

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Man beachte die Kanne Milchkaffee zur Seite Goethes. Wie lange Goethe dem Maler Fritz Fleischer zwecks Verfertigung dieses Gemäldes Modell sitzen musste, ist nicht überliefert. Von Sitzproblemen ist nicht auszugehen. Warum Goethe zwecks Abwicklung der letzten Formalitäten sich nicht auf das heute zu Unrecht in Vergessenheit geratene Tagbett bettete, konnte der Prüfling Goethe den Examinierenden nicht plausibel erklären. Auf den Hinweis des Examinators, dies sei unzweifelhaft zwecks eigenhändiger Verschriftlichung seiner bevorstehenden letzten Worte geschehen, brach Goethe beim Goethe-Examen in Gegacker aus.

Letzte Worte: „Milchkaffee“

Die Fortsetzung des Wilhelm Meister unterstand sich Goethe, mit einem bereits von Goethes Verleger erhaltenen Vorschuss zu begründen („No, da hat er doch schon vom Verleger die 200 Taler Vorschuß uff’n zweite Band gehabt, da hat er’n doch aach schreibe müsse!“), und den Tasso nannte er „e kindische, hysterischer Mensch, der sich net recht auskennt hat im Lewe“. Wie Polgar und Friedell weiter berichten, soll Goethe Beklemmung und bedenkliche Gedächtnislücken angesichts der Aussprache so geläufiger Namen wie „Paläophron“ und „Neoterpe“ gezeigt haben. Ausserdem habe Goethe sich zu der Behauptung verstiegen, Goethes letztes Wort habe dem Missverhältnis von Hell und Dunkel in seinem letzten Kaffee gegolten. Die Passage sei hier in einiger Länge wortgetreu zitiert.

Professor, scharf. „Was waren Goethes letzte Worte?“ – Goethe. „No, Milch hat er gewollt.“ – Professor. „W-a-as? Ich verstehe immer Milch.“ – Goethe. „No ja, Milch in sein Kaffee, weil er ihm zu dunkel war. Und da hat er gesacht: mehr licht!“ Professor, entsetzt aufstehend. „Es zeigt die äußerste Niedrigkeit der Gesinnung, annehmen zu wollen, daß ein Genius wie Goethe sich ein so triviales Thema für seine letzten Worte hätte wählen können!“

Zu diesem Zeitpunkt dürfte die Entscheidung gefallen sein, dass man Goethe, einerlei, wie wohlwollend man an die Sache heranging, unmöglich das Goethe-Examen bestehen lassen könne. Die Kluft zwischen dem von Goethe Geäusserten und dem, was man mit Fug und Recht von einem Prüfling in Sachen Goethe erwarten durfte, war einfach zu gross. Sein übertriebener Hang zur Subjektivität in den Antworten löste wohl einiges der Verkrampfung, wie sie anhand der Situation zwischen dem Prüfling und den Prüfenden zu entstehen drohte, darf aber keineswegs über den gänzlichen Mangel an objektiver Grundierung seiner Aussagen hinwegtäuschen. Darüber hinaus dürften es ihm die Examinierenden nicht verziehen haben, dass er  in Bettbelangen gleichzeitig eine so rigorose informationelle Verknappung betrieb, sein Mehrwissen nicht ins Examen einfliessen liess.

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Selbst mit dieser Briefmarke bekundete Goethe Mühe beim Goethe-Examen. Anstatt, wie in den Vorderlader gestopft und herausgeschossen, sowohl auf Sinn und Zweck des Wertzeichens einzugehen als auch seinen darauf der philatelistischen Ewigkeit überantworteten, gelösten Gesichtsausdruck in all seinen Wechselwirkungen zwischen Literaturgeschichte und Autobiografie zu durchgründen, meinte der Prüfling bloss, schwäbisch grüssend: „Leckt’s mich doch an der dafür vorgesehenen Gummierung!“

Eckermann: „No comment!“

Goethe droht die Aberkennung seines Adelstitels; er muss das ‚von‘ aus seinem Namen streichen. Ausserdem wird er dazu verurteilt, bis in alle Ewigkeit immer als Erstes mit Schillersfritz assoziiert zu werden. Weiterer Ungemach braut sich zusammen: Unter anderem meldete sich der Verfasser des Faustbuchs mit Plagiatsvorwürfen. Ein anonymer Berufskollege Goethes meldete sich ferner mit dem Vorwurf, Goethe habe ihn wegen seiner eigenen Bearbeitung des nachweislich gemeinfreien Schwarzmagier-Stoffes übel geschnitten. Ebenso zu reden geben dürfte die ohne jegliches peer review publizierte Forschungsarbeit zum neu entdeckten Zwischenkieferknochen. Schliesslich tragen sich die Macher des Machwerks „Goethe!“ mit dem Gedanken an Klagen wegen Zurverfügungstellung irreführender Drehbuchvorlagen in „Dichtung und Wahrheit“. Herr Goethe stand „Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012“ nicht für Auskünfte zu Verfügung. Sein Sekretär Eckermann entschuldigte ihn unter Hinweis auf eine lange hinausgeschobene Bildungsreise.

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Nicht einmal sein eigenes Monument erkannte der Olympionike Goethe beim Goethe-Examen. Stattdessen soll er sich, so hört man sagen, vehement gegen seine Abbildung in zehenfreien Pantoffeln verwehrt haben. Ausserdem fand er seine Geheimratsecken überspitzt und fragte polemisch nach, warum man ihn nicht gleich in der Hängematte liegend modelliert habe.


„Goethe im Examen“, auch „Goethe. Eine Groteske in zwei Bildern“ genannt, ist ein 1908 uraufgeführtes Kurz-Theaterstück für die Kabarettbühne von Alfred Polgar und Egon Friedell. Das Stück wurde in der Silvesternacht 1907/1908 im Kabarett Fledermaus in Wien uraufgeführt. Die Rolle Goethes, die in Frankfurter Dialekt geschrieben ist, spielte Friedell selbst. Obgleich die Reaktion des Publikums laut Polgar gespalten war, folgten noch im selben Jahr 202 weitere Aufführungen in der Fledermaus. „Goethe im Examen“ war auch die letzte Rolle, in welcher Friedell – im Theater an der Wien – auftrat, zwei Monate bevor er im März 1938 von den Nationalsozialisten in den Selbstmord getrieben wurde. (Quelle: Wikipedia).

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6 Gedanken zu “Goethe fällt durch Goethe-Examen

  1. gsz

    Es ist ein herrliches Stück Kabarett. Auf hintergründige Weise ironisch und voll von herrlichstem Esprit. Man findet die Quelle beim zweiten Link.

  2. heideggerli

    Haha, find ich gut, dass du die Quelle erst am Schluss nennst. Hab mich köstlich amüsiert, als ich nichtsahnend mit der Lektüre begann – hab zuerst an etwas im Stile des „Postillons“ gedacht :) Cooler Titel!

  3. gsz

    Hoi Heideggerli!

    Ja und nein: Nein, weil, also die Quelle steht prominent am Anfang, wenn auch als knallroter Link getarnt. Und ja, ei, freilich: Der Postillon stand Pate. Ich kriege mich regelmässig kaum wieder ein, wenn ich Beiträge lese vom Postillon. Sollte man dringend als Startseite bookmarken: Der Postillon – und Zeitnah;)

  4. ana schoensteiner

    „Goethe im Examen“, wir liegen auf einer Sommerwiese in Berlin, ich lese laut vor, schallendes Lachen und ganz nah das Metropol, ich glaub da wurde das mit Polgar immer aufgeführt, wunderbarer Friedell

  5. gsz

    Bitte nicht zu lange liegen bleiben Ana Schoensteiner. Bei den Temperaturen ist man ganz rasch durchgefrorn. Aber mit Polgar und Friedell lässt es sich prima gegen die Kälte anlachen!

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