Die Märkte: Ein kurzer Vortrag zum Stand ihrer zoologischen Erforschung
Von Michael E. Graber
Zum heutigen Texttag präsentiert Ihnen „Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012“ eine ironisch-sati(e)rische Marktexpertise von Michael E. Graber. Während Bären beim geringsten Regelverstoss erschossen werden, kann der Markt sich auch weiter frei in der Natur bewegen und seine eigenen Regeln setzen.

„Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012“ schätzt sich sehr glücklich, Ihnen am heutigen Texttag Michael E. Grabers Text „Die Märkte“ präsentieren zu dürfen.
Die Geschichte der Märkte, meine Damen und Herren, ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Der Markt an sich ist durchaus ein possierliches kleines Tierchen, dessen Population sich in den letzten hundert Jahren in der ganzen Welt verbreiten konnte. Früher ein Nutztier vieler westlicher Kulturen wurden die meisten Exemplare in den letzten dreissig Jahren ausgewildert und können sich heute in der freien Wildbahn gut behaupten.
Zwar an den Menschen gewöhnt, sind Märkte dennoch schwierig zu beobachten, da die heute freilebenden Märkte im Allgemeinen doch sehr schreckhaft sind. Besonders leicht zu verschrecken sind sie durch laute Geräusche, wie kritisches Rauschen im Blätterwald oder die erhobene Stimme des Volkes. Die Märkte zeigten in der kurzen Zeit seit ihrer Auswilderung jedoch eine unglaubliche Anpassungsfähigkeit. Sie können unter fast allen klimatischen Bedingungen überleben, meiden aber extreme Kälte und demokratische Grundprinzipien. Besonders verbreitet sind Märkte heute in gut technisierten Gegenden auf der ganzen Welt.
Ein Markt an sich ist ein geselliges Wesen und durchaus verspielt im Umgang mit seinem Essen. Märkte sind für gewöhnlich in Rudeln organisiert, wobei sich die einzelnen Leithammel gerne gegenseitig den Rücken kratzen.
Als Karnivore ist der Markt im Erwachsenenalter ein träger Jäger, der seine Opfer mit geradezu banalen Lockstoffen anzieht, sie mit einem schellen Endorphinschock ruhiggestellt und dann genüsslich aussaugt. Der Markt kann sich bei dieser Methode glücklicherweise blind auf die Dummheit und den Leichtsinn seiner Nahrung verlassen.
Die einzigen natürlichen Feinde des Marktes sind nach neuesten Erkenntnissen zum einen der gesunde Menschenverstand, der jedoch in weiten Teilen der Welt als ausgestorben gilt, und zum anderen, wenn auch in geringerem Masse, der Anstand, der sich jedoch meist vornehm zurückhält.
Man kann heute, und da ist sich die Fachwelt weitestgehend einig, mit Fug und Recht behaupten, dass der Markt in den letzten Jahren den Menschen erfolgreich an der Spitze der Nahrungskette abgelöst hat. Vielen Dank.
Michael E. Graber, Jahrgang 1982, in Oftringen geboren, studierte Theaterwissenschaft und Philosophie. Er arbeitete als Schauspieler, Kinder-Animateur, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kulturjournalist und unterrichtet Deutsch. Einladung an die Schreibwerkstatt „Luaga & Losna“ in Nenzing (A), Beiträge für Anthologien und Lesungen. 2010 Uraufführung des Bühnenerstlings “agents provocateurs: Ein Agentenstück”, Einladung ans Festival „megaFon“ in Bochum. Gründung des Performancekollektivs 5 drunken monkeys. 2011 in Koproduktion mit Theater Tuchlaube Zweitling “Unbeaufsichtigtes Gepäck (wird vernichtet)”. Mit-Initiator der Veranstaltungsreihe Toxic Relief im Unternehmen Mitte Im Juli 2013 dreimonatiger Atelieraufenthalt in London, ermöglicht vom Aargauer Kuratorium.
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Die armen Märkte! Zuerst müssen sie ihr Leben lang ungeheure Performances hinlegen, und zum Dank hacken sie in den einschlägigen Kanälen auf den armen Säuen rum. Also wirklich, ich muss schon sehr bitten! Das schiesst den Vogel ab.
Aber nein, im Ernst. Ich finde schon auch, dass die Märkte Bärenhäuter sind, faule Säcke, die sich dauernd selber abfeiern, sonst aber nix können.
Ein toller Text, danke dafür!
dufte Text!
besonders:
„Der Markt kann sich bei dieser Methode glücklicherweise blind auf die Dummheit und den Leichtsinn seiner Nahrung verlassen.“
dem ist Nüscht hinzuzufügen! gerne bald mehr dazu …
Grossartig! Es würde mich freuen, auch in Zukunft Texte von Michael E. Graber auf Zeitnah lesen zu können. Der letzte Beitrag dieses Autors («Mein Leben als Schimmelpilz: Gammeln als zeitgenössische Existenzgrundlage») war ebenfalls sehr lesenswert.
Stimmt, das würde mich auch freuen, mehr von Michael zu lesen. Beim „Schimmelpilz“ ist es spitze, was alles in einen einfachen Pilz reingelesen wird. Super.
Ob man den Markt dereinst auch mal ausgestopft im Naturhistorischen Museum betrachten kann? Hab mich bei der Lektüre jedenfalls köstlich amüsiert. Weiter so!