Der Herr der Träume – eine Retrospektive zu Neil Gaimans The Sandman

Vor bald 25 Jahren erschien bei DC Comics die erste Issue von Neil Gaimans The Sandman. 2013 soll zum Jubiläum der zehnbändigen Graphic-Novel-Serie ein elfter Band erscheinen, der die Vorgeschichte des ersten Bands erzählen wird. Zeit für eine Retrospektive.

The Sandman ist eine Comic-Figur, die seit 1939 existiert. Ursprünglich ein Verbrechensbekämpfer, mit Trenchcoat und Schlafgas bewaffnet, entwickelte er sich in den 1940er Jahren zu einem bunten Superhelden in der Manier von Superman und Batman. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es still um den Sandman, bis er in den 1970ern neu aufgelegt wurde. Der Sandman war nun eine mythischere Figur, die in Träume eindringen und sie manipulieren konnte, um Leute vor Alpträumen zu schützen oder ihnen Informationen zu entlocken. Aber auch diese Serie lief nicht besonders lange oder erfolgreich.

Frühere Darstellungen des Sandman waren eher noch an Superhelden orientiert. zVg

Frühere Darstellungen des Sandman waren eher noch an Superhelden orientiert. zVg

Erst der englische Autor Neil Gaiman gab dem Sandman den finalen Schliff. In den späten 1980ern griff Gaiman die Figur auf und verwandelte sie in ein übernatürliches, endgültig mythisches Wesen. Der Sandman war von nun an auch „Dream“, einer der sieben sogenannten „Endless“, die die Verkörperungen von Mächten im Universum darstellen. Gaiman erschuf ein ganzes Pantheon: Neben Dream gab es Destiny, Death, Destruction, Despair, Desire und Delirium – allesamt personalisierte Kräfte, die das Universum mitgestalten und beeinflussen. Doch im Mittelpunkt der Serie stand nach wie vor der Sandman: Eine bleiche, hagere Gestalt mit schwarzem Haar und zwei funkelnden Sternen als Augen. Kein Superheld mit Cape und Strumpfhosen, sondern eine nachdenkliche Figur mit Schwächen, die nichtsdestotrotz über ungeheure Kräfte verfügte. Und The Sandman entwickelte sich in der Folge zu einem Hit.

Dieser Erfolg lag unter anderem daran, dass sich die Comic-Kultur seit den späten 1960ern stark veränderte. Die strahlenden Superhelden der Goldenen Ära um die Nachkriegszeit sahen sich einem zunehmend kritischeren Publikum ausgesetzt, das in der Zeit von Nixon und Vietnamkrieg nicht mehr einfach zwischen Gut und Böse unterschied. Die Figuren wurden komplexer und moralisch vielschichtiger, und auch der Inhalt von Comics erlangte mehr Tiefe und Ambiguität. Bald bürgerte sich der Begriff Graphic Novels für komplexere Stories im Comic-Format ein, doch noch mangelte es an Helden für diese neue Buchform.

Eine Figur mit zahllosen Facetten: Gaiman's Sandman führte die Serie zum Erfolg. zVg

Eine Figur mit zahllosen Facetten: Gaimans Sandman führte die Graphic Novels zum Erfolg. zVg

The Sandman war eine jener Serien, die der Graphic Novel zum Durchbruch verhalfen. Hier war ein Held, der nicht die Welt retten wollte oder musste, sondern ein Charakter mit Schattenseiten und Schwächen. Der Sandman scheiterte mit seinen Vorhaben auch immer wieder, und gerade das machte ihn für eine neue Generation von Comic-Lesern interessant. Gaiman scheute sich nicht, für die neu aufgelegte Figur darüber hinaus ein ganzes Universum zu erschaffen, das über zehn Bände hinweg ein Panorama der menschlichen Kultur ausbreitete. Tausendundeine Nacht, Marco Polo, Shakespeare, Orpheus, The Canterbury Tales… da die Menschen schon seit Urzeiten träumen, ist der Sandman auch nicht an eine fixe Zeit gebunden. So wechseln wir innerhalb eines Bands schon mal von der Antike zur Französischen Revolution oder begegnen Figuren in verschiedenen Zeitaltern – solche Referenz und Intertextualität zeichnen die Sandman-Reihe aus.

The Sandman erschien von 1988 bis 1996 in insgesamt 75 Issues, die anschliessend in zehn Sammelbänden von Vertigo Comics neu veröffentlicht wurden. 2006 erschien der erste Band von The Absolute Sandman, der nicht nur die Issues 1 – 20 beinhaltet, sondern auch noch fast komplett neu koloriert wurde. Der Unterschied ist beachtlich. Die Farben in der Neuausgabe sind ruhiger und gleichmässiger, Kontraste werden weniger stark hervorgehoben. Ein weiterer Vorteil ist das Format: In The Absolute Sandman kommen besonders kleinere Bilder stärker zur Geltung, da die Neuauflage um mehr als ein Viertel grösser ist.

Zum Vergleich: Die alte Kolorierung von 1988 und die neue Einfärbung von 2006. zVg

Zum Vergleich: Die alte Kolorierung von 1988 (links) und die neue Einfärbung von 2006 (rechts). zVg

Der neue Sandman, der vor dem allerersten Band angesiedelt sein soll, wird mit Spannung erwartet – nicht zuletzt, da sich Gaiman seit 1988 als einer der bekanntesten Fantasy-Autoren etabliert hat. Eine Rezension auf Zeitnah folgt bei Erscheinen des neuen Bandes.

4 Gedanken zu “Der Herr der Träume – eine Retrospektive zu Neil Gaimans The Sandman

  1. Workaholic

    Issues? Graphic Novel? Intertextualität? Gibts da keine deutschen Worte dafür? Ansonsten macht die Lektüre sehr neugierig auf den Band, der aus den Ausgaben 1–20 besteht, wenn ich das Denglisch richtig gedeutet habe …

    Besonders spannend, wie die Entwicklung der Figur ins immer Mythischere nachgezeichnet wird.

  2. dl Artikel Autor

    Danke! Graphic Novel liesse sich zwar mit “Comicroman” übersetzen, aber im Deutschen hat sich der englische Begriff stärker etabliert. Ich hoffe, es hat nicht zu viele Anglikanizismismen im Artikel!

  3. Workaholic

    Also, wenn du dreimal hintereinander ohne Stottern und Stolpern “Anglikanizismismen” sagen und stuchbabieren kannst, ist meine “Denglischophobie” kuriert, Daniel!

  4. ViviNefeltari

    Ein wirklich interessanter und gut geschriebener Artikel den ich gern für meine Hausarbeit verwenden würde. Allerdings bräuchte ich dafür deine Quellen und deinen Namen als Autor, damit ich es zitieren kann.
    LG

Kommentar verfassen


%d Bloggern gefällt das: