Weltgeschichte, leicht gemacht

Es gibt Bücher, auf die man nur zufällig stösst. Solche, die man weder in der Schule noch auf Bestsellerlisten findet, sondern höchstens weit hinten im Bücherregal eines Antiquariats, versteckt inmitten trockener Fachliteratur.

Auf den ersten Blick erinnert Egon Friedells 1927 erstmals erschienene Kulturgeschichte der Neuzeit auch tatsächlich an ein verstaubtes Geschichtsbuch aus dem vorigen Jahrhundert: „Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum ersten Weltkrieg“, lautet der volle Untertitel des über tausend Seiten starken Werkes – doch bereits nach den ersten Zeilen wird klar, dass hier jemand nicht bloss schreibt, sondern vielmehr zu uns spricht.

Friedell war ein österreichischer Theaterkritiker, Schauspieler, Feuilletonist und Lebemann, der sich wenig um Klassifikationen und akademischen Stil scherte und stattdessen vollkommen subjektiv durch die Weltgeschichte lustwandelte. Er bezeichnete sich selbst als Dilettanten und Amateur, vertiefte sich jedoch mit dermassen viel Esprit und Leidenschaft in seine Lektüre der Weltereignisse der letzten fünfhundert Jahre, dass er im Gegensatz zu zahllosen anderen Geschichtswerken auch heute noch lesbar ist. Zwei Dinge zeichnen Friedell aus: Verständlichkeit und Humor – eine Kombination, die seine Kulturgeschichte der Neuzeit vielleicht nicht zu einem Bestseller, aber zu einem Evergreen gemacht hat.

 

Die Seele der Zeit

 

Es macht Spass, dem ausgeschmückten und extrovertierten, aber auch stets klaren und witzigen Schreibstil Friedells zu folgen. Der Dreissigjährige Krieg, die Französische Revolution, Aufklärung, Luther, Hegel, Napoleon – all das, was im Schulunterricht verwirrend oder trocken sein konnte, finden wir hier in einer lebendigen und bunten Sprache, spannend und anschaulich beschrieben. Friedell bündelt sämtliche Zeitströme der Epochen, behandelt Kunst über Politik bis hin zu Mode, Wissenschaft sowie Philosophie und lässt so (wie Alfred Polgar es auf den Punkt brachte) die Seele des jeweiligen Zeitalters vor uns erscheinen, vom grössten Bogen bis ins kleinste Detail. Egal, ob Elektrizität, die Oktoberrevolution oder die Essgewohnheiten des Spätmittelalters, alles bildet Teil eines durchdachten Riesenmosaiks, in dem die Weltgeschichte in all ihren Facetten vorgestellt wird. Nichts wird einfach hingenommen, sondern mit Witz und Hintersinn von mehreren Seiten beleuchtet und hinterfragt.

 

In seinem Hauptwerk schafft Friedell das Kunststück, uns ein halbes Jahrtausend Geschichte so nahe zu bringen, dass wir quasi im Vorbeigehen interessante Anekdoten und wissenswerte Fakten aufschnappen, die wir im Geschichtsunterricht in der Schule kaum freiwillig gelesen hätten. Die Kulturgeschichte der Neuzeit mag stellenweise geschichtswissenschaftlich überholt sein, ist aber immer noch ein perfektes Nachschlagewerk. Ihr ausgefeiltes Register ermöglicht gezielte Recherche, lädt aber auch zum Blättern ein, um Geschichte mal aus einer anderen Perspektive zu sehen. Tausend (je nach Format bis tausendfünfhundert oder mehr) Seiten sind eine lange Lektüre, doch während dem Lesen hat man das famose Gefühl, ein schillerndes Panorama der Weltgeschichte zu durchwandern – exzentrisch und riesenhaft aufgefächert, und kein bisschen langweilig.

 

Böser Rousseau, guter Goethe

 

Einziger Nachteil des Mammutwerks: Da es komplett subjektiv geschrieben ist, lesen sich gewisse Passagen etwas parteiisch. Friedell liebt es, seine persönliche Meinung bis zur Spitze zu treiben und zerreisst beispielsweise Spinoza und Rousseau in der Luft, während Goethe und Kant gar nicht hoch genug gelobt werden können. Auch liegt bereits der Schatten des heraufdämmernden Dritten Reichs über dem Werk. Doch Friedell entsprach darin wohl auch nur dem Trend der damaligen Zwischenkriegszeit, wo das Ende der Neuzeit angekündigt und der Beginn eines neuen, besseren Zeitalters heraufbeschworen wurde. Er betrachtete die politischen Entwicklungen in Deutschland mit wachsender Skepsis. Für ihn nahm dies später ein bitteres Ende: Beim Einmarsch der Nazis in Österreich 1938 stürzte er sich aus dem Fenster in den Tod. Doch seine Kulturgeschichte der Neuzeit sowie die unvollendete Kulturgeschichte des Altertums blieben der Nachwelt glücklicherweise erhalten. Und die Lektüre lohnt sich immer noch.

 

zVg

 

Kulturgeschichte der Neuzeit
Von Egon Friedell
1580 Seiten
ca. CHF 35.-
ISBN: 978-3-406-56462-8
Erschienen 2007 im C.H.Beck Verlag
Auch antiquarisch gut findbar

Einige Gedanken zu “Weltgeschichte, leicht gemacht

  1. gsz

    toller artikel. wie wärs zeitnah mit einem bericht über friedells komische seite? sind witzige texte, besonders der über goethe.

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