Tod und Wiedergeburt

In «De engel van Doel», einem Dokumentarfilm über die letzten Tage eines kleinen Dorfes im Norden Belgiens, steht die über 70-jährige Emilienne im Zentrum, die sich mit dem Wandel schwertut und ausharren will – trotz allem.

Emilienne hat ihr ganzes Leben in Doel verbracht, einem kleinen Dorf im Norden Belgiens. Die Mittsiebzigerin will dort zusammen mit ihren Hühnern und Katzen ihre letzten Jahre verbringen – doch die Politik hat sich längst gegen Emilienne und ihre Tiere entschieden: Antwerpen beziehungsweise der Hafen brauchen das Land. Da bringt auch Emiliennes Protest nichts – er verpufft genauso wirkungslos wie der Aktivismus von linken Gruppierungen.

 

Fassaerts Film ist aber nicht nur eine Dokumentation über eine zum Sterben verurteilte Gemeinde, sondern vielmehr noch eine in noblem Schwarzweiss gehaltene Meditation über unsere eigene Vergänglichkeit.

 

Der 1979 in Naarden geborene und in den Niederlanden und Südafrika aufgewachsene Tom Fassaert zeichnet mit «De engel van Doel»  ein liebevolles Porträt einer sterbenden Gemeinde. Bereits in den Siebzigerjahren wurde für Doel ein Baustopp verfügt. Fassaerts Film ist aber nicht nur eine Dokumentation über eine zum Sterben verurteilte Gemeinde, sondern vielmehr noch eine in noblem Schwarzweiss gehaltene Meditation über unsere eigene Vergänglichkeit. Daran erinnern wohl auch die französischen Namen der Protagonistinnen, die an eine Zeit gemahnen, in der das Prestige des Französischen in Flandern unangefochten war. Der Wandel ist immer sowohl Tod als auch Wiedergeburt – je nach Standpunkt vor allem das eine oder das andere.

 

Hier zeigt sich auch, wie die Welt, die wir kennen, zuerst stirbt – erst dann sterben auch wir. Jeder Mensch stirbt also gewissermassen einen doppelten Tod – es liegt aber in der Natur der Sache, dass wir dagegen ankämpfen: gegen das Ende unserer ureigenen Kultur, und gegen das Verschwinden unserer selbst. Es erscheint also auch deshalb passend, dass sich Tom Fassaert für das heute doch nicht mehr so oft verwendete Schwarzweiss entschlossen hat – es ist für uns gar nicht mehr richtig vorstellbar, dass die Menschen vor noch nicht allzu langer Zeit in einer Welt lebten, in der vor allem die Farben der Natur das Erscheinungsbild der Welt vorgaben.


«De engel van Doel»

Niederlande/Belgien 2011.

Regie: Tom Fassaert. Dokumentarfilm.

Deutschschweizer Kinostart: 25.10.2012 (Basler Premiere im Stadtkino Basel)


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