gesichtet #4: Fundamentalistisches Fastfood

Von Michel Schultheiss

Weshalb wohl die gefürchteten afghanischen Islamisten nun Schweinefleisch am Spiess drehen? Diese Frage stellt sich beim Anblick dieses Imbisslokals in Mexiko-Stadt. Die Taquería unweit der Metrostation San Antonio fällt durch ihren ausgefallenen Namen auf, ist aber ansonsten bloss eine von unzähligen Verpflegungsstätten dieser Art. Die wohl beliebteste Strassenköstlichkeit der Millionen-Metropole gibt es in mehreren Varianten, eine der populärsten ist der «Taco al pastor», welcher auch in diesem Imbisslokal angeboten wird. Nach nicht bestätigten Theorien lehnt sich diese marinierte Köstlichkeit vom Spiess an den nahöstlichen Schawarma an. Dieses Gericht soll von libanesischen Einwanderern nach Mexiko gebracht worden sein. Eine weitere Grossstadtlegende besagt, dass in gewissen Taquerías unwissende Kunden mit dem Fleisch von Strassenhunden verköstigt werden. Dass aber gar die Taliban in den Handel mit Schweinefleisch involviert sind, übersteigt sämtliche Fantasien.

Tortas, Tacos und Talibane: Das Imbisslokal in Mexiko-Stadt fällt durch seinen ausgefallenen Namen auf.

Tortas, Tacos und Talibane: Das Imbisslokal in Mexiko-Stadt fällt durch seinen ausgefallenen Namen auf.

Ob die Tacos wie eine Bombe einschlagen werden, ist nicht bekannt. Ich war über Mittag einer der wenigen Kunden im Lokal. Warum aber dieser Name? Taliban – ein Begriff, der mittlerweile inflationär verwendet wird; insbesondere von Politikern oder Leserbriefschreibern, wenn es darum geht, bestimmte Parteien, Weltanschauungen oder Kirchen zu verunglimpfen. Plötzlich ist dann alles irgendwie Taliban, was nicht genehm ist. Im Gegensatz dazu nennen sich die Taquería-Leute freiwillig so. Der Hintergrund der Namensgebung ist eigentlich ziemlich banal und harmlos: Die beiden Söhne der Geschäftsführerin wurden aufgrund ihrer Bärte mit dem Spitznamen Taliban versehen. Diese Bezeichnung haben sie beibehalten und auch auf ihr Geschäft übertragen. «Éntrale sin miedo» besagt das Werbeplakat eines Anti-Gastritis-Medikaments, auf dem ein grimmiger Taquero mit einem Fleischmesser abgebildet ist, was besagen will, dass man ohne Angst eintreten und bei den Tacos reinhauen soll. Dasselbe soll auch für dieses Imbisslokal gelten: Die Besitzer sind trotz ihres Spitznamens überhaupt nicht gefährlich.

Einige Gedanken zu “gesichtet #4: Fundamentalistisches Fastfood

  1. luzius

    eine hervorragende kolumne, wie jeden freitag. freue mich immer sehr auf michel schultheiss‘ kolumne „gesichtet“.

    ein guter grund, http://www.zeitnah.ch im auge zu behalten.

    „Plötzlich ist dann alles irgendwie Taliban, was nicht genehm ist.“ ==> stimmt, viele leute, erschöpft vom vielen und langen suchen nach worten, behelfen sich mit solchen worthülsen, anstatt sich die mühe zu machen, die richtigen worte zu finden.


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