Kommentatort 49: „Tote Erde“

Tote Erde, tote Sendezeit

Der neue Stuttgarter Tatort „Tote Erde“ ist solide Hausmannskost, kommt aber nicht weit genug weg von der gloriosen, vorhergehenden Ausgabe.

 

Ein tollkühner Kletterer erklimmt mitten in der Nacht den Canstatter Pfeiler, Teil einer Eisenbahnbrücke, der für Kletterer freigegeben ist. Er kommt zügig voran, findet in den Ritzen zwischen den Steinen Halt, rutscht dann jedoch aus und stürzt in die Tiefe: Ohne äusseren Einfluss, wie es scheint. Der Kletterer war Student und Mitglied bei den „Ecopirates“, einer Umweltschutzgruppierung, die es sich auf die Fahnen geschrieben hat, die Umweltschweinereien grosser Firmen anzuprangern. Es stellt sich heraus, dass der Kletterer nicht einfach so abstürzte, sondern mit winzigen Geschossen beschossen wurde, die mehr schmerzhaft als tödlich sind, und deshalb Halt und Leben verlor. Mit Druckluftpistolen wurde im Tatort schon seit einiger Zeit nicht mehr gemordet – der Kommentatort entsinnt sich lediglich einer Episode, in der ein solches Wäffelchen als Mordwaffe herhalten musste.

Ökopiraten und IT-Inder

Mit dem Umweltschützermilieu in studentischen Kreisen wurde ein politisch mehr und weniger bewegtes Umfeld gewählt. An nicht allen Universitäten erschöpft sich politisches Engagement der Studierenden in Protesten pro oder kontra Fleisch in der Mensa. An der Uni Stuttgart, so werden wir belehrt, geht es in politischen Belangen ums Eingemachte. Allzu tief tappt „Tote Erde“ glücklicherweise nicht in die Klischeefalle: Vielmehr wirken die „Ecopirates“ glaubwürdiger und rätselhafter als beispielsweise die Räucherstäbchen-Blondine Saraswati (Katharina Heyer), die die Gruppe finanziell unterstützt. Natürlich hat, wer sich so süffisant hinter Seidenvorhängen auf Kissen fläzt und räkelt, mehr auf dem Kerbholz, als sie den Ermittlern weismachen will. Da passt es, dass Saraswati Millionenerbin ist, nicht weiss, wie sie ihr Geld ausgeben soll. Saraswati ist eine, die sich mehr zuschulden kommen lässt als Google-Präsenz für obskure Aktivistengruppen zu kaufen, eine, die sich unter ‚Entwicklungshilfe für Indien‘ die Anstellung eines indischen IT-Experten vorstellt.

 

Wer führt denn da wen an wessen Nase herum? Die Stuttgarter Kommissare Lannert und Bootz schnüffeln der obskuren Blondine Saraswati nach. (zVg)

Unnötiges déjà-vu

Mit der Wahl der Verbindung zwischen der Staatsanwältin Henrike Habermas (Natalia Wörner) und dem betroffenen Umweltsünder und Unternehmer Johannes Riether (Mark Waschke) hat man sich keinen Gefallen getan. Einerseits gefiel Staatsanwältin Emilia Álvarez (Carolina Vera) um Welten besser, und ausserdem wurde das Motiv des ehrenhaften Unternehmers, der mit den Folgen seines Unternehmertums hadert, nun wirklich schon in der letzten Stuttgarter Folge abgehakt. Bleibt zu hoffen, dass Carolina Vera bald wieder genesen und als angestammte Staatsanwältin zu sehen ist.

Private Turbulenzen en masse!

Nebst der Aufklärung des Falles müssen die Ermittler sich mit einer geballten Ladung privater Turbulenzen herumschlagen. So reist die junge Nachbarin von Kommissar Lannert (Richy Müller) ab, verlässt Stuttgart und damit ihren immer mal wieder wohl nicht nur auf ein Glas Wein vorbeigekommenen Nachbarn. In Kommissar Bootz‘ (Felix Klare) Privatleben tun sich zeitgleich Abgründe auf wegen seiner schwer kranken Frau. Glücklicherweise gewinnen diese Turbulenzen weder Überhand noch Fallrelevanz: So bleibt viel Zeit zum Pommes Chips oder Popcorn holen. Ist zwar latent tote Sendezeit, aber was solls, man muss ja nicht gleich jeden Sonntag den Tatort neu erfinden.

Solide Hausmannskost

Der neue Stuttgarter Tatort ist solide Hausmannskost, sicher nicht mehr, sicher nicht weniger. Fantasielos ist mit vertuschten Umweltschweinereien im Unternehmerbereich das Thema gewählt: Hatten wir doch den Fall eines ausser Rand und Band geratenen Unternehmertums bereits in der vergangenen Stuttgarter Folge – dort aber wesentlich grandioser und süffiger.

Note auf der «Wie-einst-Lily»-«Nie-wieder-frei-Sein»-Skala*: 4.

2 Gedanken zu “Kommentatort 49: „Tote Erde“

  1. ast

    Mein Highlight waren ja die Giftfässer, die ermittlungstechnisch ideal, gleich als Gift etikettiert waren. Bei all der Chemie wäre sonst ja schnell die Übersicht verloren gegangen.

  2. gsz

    stimmt, wenn schon dreckige geschäfte, dann schön sauber dokumentiert. eine freude für jedes bürokratenherz, nicht so toll für den tatortzuschauer!