gesichtet #3 – Basels gute Fee

Von Michel Schultheiss

Sie ist eine Bekanntheit in Basel – und doch weiss kaum jemand etwas über sie. Manchmal taucht sie einem Engel gleich aus dem Nichts auf, um stillschweigend und lächelnd eine Weile zu bleiben. Ihre stets ausgestreckten Arme, die an den Cristo Redentor in Rio de Janeiro erinnern, sowie ihr schwer einzustufendes Grinsen machen sie unverkennbar.

Wie eine Figur aus «Alice im Wunderland» gibt sie jedem Mensch, der ihr begegnet, Rätsel auf. Mit ihrer weissen Haarpracht geistert sie durch die Strassen, um Passanten in ihren Bann zu ziehen. Besonders Studierenden der Uni Basel dürfte die Dame vertraut sein, da ihre Rundgänge nicht selten durch die Uni-Bibliothek und das Kollegiengebäude führen. Manchen ist sie dort unter dem Übernamen «Lachfrau» oder «Grinsefrau», anderen als «Zahnfee» bekannt. Allgemein schätzt sie belebte Orte, daher ist sie auch auf dem Markt, in der Stadtbibliothek und an allen grossen Messen anzutreffen.

 

„Wie ein Wesen aus einer anderen Welt bricht sie plötzlich in die scheinbar rationale und geordnete Alltagsroutine ein und bringt die Leute aus dem Konzept.“

 

Die Gestik der rätselhaften Frau ist im berühmten Videoclip des Soundgarden-Songs «Black Hole Sun» zu sehen: Die amerikanischen Vorstadtmenschen, die grinsend in ein Schwarzes Loch starren, um letztlich von ihm aufgesogen zu werden, sind mir immer etwas unheimlich vorgekommen. So ähnlich geht es denjenigen Leuten, deren Weg sich zum ersten Mal mit denen der weissen Frau kreuzen: Die verwirrten und perplexen Gesichter der Passanten zeigen schön auf, wie überfordert sie mit der Situation sind. Im Gegensatz zum besagten Videoclip sind es hier nicht die Normalbürgerinnen und -bürger, welche ihre Umgebung mit einem Lächeln verzücken. Hier wird deren Welt der sogenannten Normalität auch nicht von einem Black Hole, sondern von dieser charmanten Frau untergraben. Wie ein Wesen aus einer anderen Welt bricht sie plötzlich in die scheinbar rationale und geordnete Alltagsroutine ein und bringt die Leute aus dem Konzept. In Sachen Kontaktfreudigkeit macht sie dabei keine Unterschiede: Egal ob elegante Baselworld-Besucher auf dem Messeplatz oder Prostituierte in der Webergasse: Vor dem Lächeln der weissen Fee sind alle gleich.

6 Gedanken zu “gesichtet #3 – Basels gute Fee

  1. stefan

    Super, dass ihr dieser Persönlichkeit einen Beitrag widmet. Sie gehört zu Basel und man muss sie einfach gernhaben. Kann gar nicht verstehen, dass es tatsächlich Leute geben soll, die sich über sie aufregen. E liebe Gruess. Stefan.

  2. Marco

    Sie verunsichert schon manchmal. aber, was heisst das schon. viel mehr beunruhigen sollten die 99,9% der Leute, die man kaum voneinander unterscheiden kann!

  3. stefan

    @marco: Ja, ich war auch etwas verunsichert, als ich ihr zum ersten Mal begegnete. Doch mit der Zeit nicht mehr. Schade aber, dass man sich nicht mit ihr unterhalten kann und somit kein ausführliches Porträt über sie möglich ist.

  4. phippo

    Man sagt, sie sei aus gutem, akademischem Hause und wurde, nachdem sie auf ihren trip hängen geblieben ist, von den Eltern quasi „verstossen“. Auch soll sie wohl versuchen, mit ihrer Haltung/Geste das Lachen der anderen leute aufzufangen…

  5. Vania

    Super Artikel! Die „weisse Fee“ hat ihn soeben gelesen, sie scheint Freude daran zu haben. Naja dies hat sie uns natürlich wie immer mittels non verbale Kommunikation mitgeteilt :)!

  6. smi

    @Vania: Super, dass sich also die Gelegenheit ergeben hat, der beschriebenen Person die Fotokolumne zu zeigen. Es freut mich, dass ihr der Text anscheinend gefallen hat. Gruss smi

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