Afrika in Basel: Das Andere mitten unter uns

Von Yvonne Siemann

 

Elefanten am Basler Münster, Völkerschauen im Zolli, Handelsbeziehungen – nicht erst im Zeitalter der Globalisierung, sondern schon in der frühen Neuzeit haben Afrika und seine Menschen ihre Spuren in Basel hinterlassen.

Immer wieder wird dabei deutlich, wie sehr die Begegnung mit diesem „Anderen“ mitten unter uns auch die Selbstwahrnehmung europäischer Gesellschaften beeinflusste. Seit dem Zeitalter der „Entdeckungen“ kamen immer mehr faszinierende Berichte und Objekte anderer Kontinente und Kulturen nach Europa. Das Fremde wurde idealisiert – man denke nur an Rousseaus „edlen Wilden“, ein unverdorbener Naturmensch ohne Kultur, der in einem fernen Paradies zuhause ist.

 

Schilderungen exotischer Tiere aus Afrika beflügelten die Fantasie der mittelalterlichen Steinmetze: Diese lustigen «Ylpen» (eine lokale Wortschöpfung für die Dickhäuter) zieren das Basler Münster. (Foto: Michel Schultheiss)

 

Oftmals wurden Objekte aus anderen Kontinenten zur Schau gestellt – ohne dass man hierzulande wirklich immer verstand, was sie bedeuteten. Das Basler Brüderpaar Paul und Kurt Seiler schlug aus dieser Faszination für das Fremde Kapital, indem sie von ihren Reisen nach Afrika allerlei Objekte ebenso wie lebendige Tiere mitbrachten und damit unter anderem das 1947 von ihnen gegründete alte Atlantis dekorierten. Solche Orte wurden schnell zu Publikumsmagneten (vielleicht auch wegen des Alligators Hector, der angeblich unter der Theke dieses legendären Jazzclubs wohnte, gerne an Zehen knabberte und ab und zu mal ausbüxte – das Restaurant Atlantis hat übrigens heute noch ein solches Reptil im Signet). Die Faszination für die Tierwelt Afrikas hat in Form zweier Elefanten auch am Basler Münster ihre Spuren hinterlassen.

 

Gleichzeitig distanzierte man sich aber vom Anderen, indem man es als negatives Gegenbild zur eigenen, ‚zivilisierten’ Kultur benutzte. Deutlich wird dies etwa in Kinderbüchern und Comics, in der Schweiz etwa den Globi- und den Käschperli-Geschichten, die ein aus heutiger Sicht eher fragwürdiges Bild von Afrika und seinen Bewohner zeichnen. Grundsätzlich werden die Geschichten aus einem eurozentrischen Blickwinkel beschrieben und rechtfertigen die kolonialen Machtstrukturen. Die Menschen in Afrika werden als naiv, passiv und kindlich dargestellt, die Besucher aus Europa dagegen sind ihre kompetenten Retter. Das Europa der Nationalstaaten ist geordnet, urban und zivilisiert, Afrika voller unberührter Natur, wilder Tiere und ein paar Dörfern aus Lehmhütten.

So wurden im 19. Jahrhundert nicht nur Tiere und Objekte, sondern im Rahmen der sogenannten Völkerschauen auch Menschen mitgebracht und ausgestellt, um den Baslern deren ‚traditionelle’ Lebensweise zu zeigen. Zwischen 1879 und 1935 gastierten im Basler Zoo insgesamt 21 Völkerschauen. Sie waren beim Publikum äusserst beliebt: 1885 machten die Besucher der „Singhalesen Schau“ fast die Hälfte der Zolli-Jahresbesucher aus, und zwar innerhalb von nur 12 Tagen! Diese Völkerschauen wurden vom neuen Medium Film nach und nach verdrängt, doch Fragmente von einem früheren Afrikabild sind nach wie vor vorhanden. Zwar mag offener Rassismus selten geworden sein, doch auch heute noch gilt Afrika vor allem ein homogener, undifferenzierter und geschichtsloser Ort voller Natur und wilder Tiere. Wenn es um Menschen geht, wird meist nur einseitig über Probleme berichtet: Afrika erscheint in den auf Sensationen ausgerichteten Medien oft als abschreckendes Beispiel geprägt von Krankheit, Hunger und Kriegen, kommentiert aus der Sicht nicht afrikanischer Experten. Die Bewohner Afrikas scheinen hier hilflos, rückständig und abhängig von den Rettern aus dem Norden. Freundlichere, aber nicht weniger klischeebehaftete Bilder sind solche von tanzenden und trommelnden Afrikanern oder etwa einem Massai als Symbol der Wildheit und Unverdorbenheit.

Das Bild des hilflosen, rückständigen Afrikaners wird eine Rolle bei der Gründung der Basler Mission 1815 gespielt haben, die vor allem im heutigen Ghana tätig war. Für die Missionierung der Einheimischen wurden einerseits vor allem junge, ledige Missionare aus Schwaben nach Afrika entsandte. Andererseits wurden auch afrikanische Schüler nach Basel geholt, damit diese ihre christliche Ausbildung vollendeten oder halfen, die Bibel in die lokalen Sprachen zu übersetzen.

Die Mission war aber auch mit wirtschaftlichen Tätigkeiten verbunden: In Christiansborg in der heutigen Stadt Accra liess sich Mitte des 19. Jahrhunderts die Basler Missions-Handels-Gesellschaft nieder, die aus der Basler Mission hervorgegangen war. Basel war in der frühen Neuzeit ebenfalls beim so genannten Dreieckshandel zwischen Amerika, Afrika und Europa involviert. Ein wichtiger Teil davon war der Sklavenhandel, an dem auch Basler Handelshäuser beteiligt waren. In diesem Rahmen kamen Kolonialwaren aus Übersee in die Stadt, wie etwa Tee, Kaffee und Zucker. Nicht zuletzt beeinflussten als exotisch geltende Motive die hiesige Kleidermode, und Basler Textilproduzenten fertigten Stoffe eigens für den westafrikanischen Markt an. Diese Handelsbeziehungen fanden ihre traurige Fortsetzung nicht zuletzt im Gold- und Diamantenhandel und anderen Geschäften zwischen der Schweiz und dem Südafrika der Apartheid. Dieses Kapitel der Schweizer Geschichte konnte bis heute nicht vollständig aufgearbeitet werden.

Eine der Basler Institutionen, die sich heute mit Afrika beschäftigen, ist die aus der Basler Mission hervorgegangene Mission 21, die sich in der Entwicklungszusammenarbeit engagiert und neben dem mit ihr verbundenen Hotel Bildungszentrum 21 auch für ihr historisches Archiv bekannt ist. Daneben gibt das Zentrum für Afrikastudien Basel der Universität Basel, welches den interdisziplinären Masterstudiengang African Studies anbietet. Andere bekannte Institutionen sind etwa die Basler Afrika-Bibliographien, das Museum der Kulturen Basel und das Swiss Tropical and Public Health Institute (das ehemalige Schweizer Tropeninstitut). Und natürlich sind nicht zuletzt auch in Basel lebende Afrikaner und Besucher aus Afrika ein wichtiger Teil dieser Beziehungen.

 


 

Mit der Präsenz dieses „Anderen“ in Basel beschäftigt sich auch die „Stadtsafari“. Diese geführte Tour, die Studierende in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Afrikastudien Basel und dem Verein Frauenstadtrundgang im Jahr 2007 ausgearbeitet haben, führt in etwa eineinhalb Stunden an verschiedene Schauplätze der Basler Innerstadt, die in irgendeiner Weise mit Afrika verbunden sind.

Auf der Webseite des Zentrums für Afrikastudien finden sich neben einem Veranstaltungskalender auch weitere interessante Links zum Thema.

Zentrum für Afrikastudien Basel
Steinengraben 5
4051 Basel
Tel. 061 267 34 82
zasb(at)unibas.ch

http://zasb.unibas.ch/

 

 

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