Der zwanzigste Tag

von Ralph Tharayil

 

Lassen Sie sich von Ralph Tharayils Text „Der zwanzigste Tag“ auf eine besondere Radfahrt entführen. Diese ist weit mehr als nur eine Fahrt im zwölften Gang einen flachen Hügel hinauf.

 

 

„Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012“ schätzt sich glücklich, Ihnen am heutigen Texttag Ralph Tharayils Text „Der zwanzigste Tag“ präsentieren zu dürfen.

 

An einem Tag im Jahr ist alles anders.

 

Die Sonne schien am Morgen schon auf sein Gesicht durch die Fenster, die höher lagen, weil sein Bett am Boden. Er blinzelte und nochmals und ass eine Pizza, weil Mittag war und trank Tee, weil es im Sommer auch kalt sein konnte und zwischen dem Mittagessen und dem Abendbrot sollte man schon etwas zu sich nehmen, pflegte seine Mutter zu sagen. Und nach der Dusche, wo er fast den Föhn hatte fallen lassen, im falschen Moment, stieg er aufs Fahrrad und begann zu schwitzen wie ein Tier, wie er es fast immer tat. Mein Gott, dachte er, diese flachen Hügel machen mich noch fertig. Und trat weiter. Er liess seine Eltern nicht gerne warten. Er wusste, dass sie warten würden. Sie hatten es sich zur Lebensaufgabe gemacht geduldig zu warten und er wusste, dass er nur schnell trampeln musste, um schnell genug da zu sein.

 

***

 

Klarsicht im blauen Wind.

 

Und das Blütenrauschen machte ihn taub und ohne etwas zu hören fuhr er in die nächste Kurve. Hier gibt’s sonst nichts, dachte er sich. Und dann kamen der Wald und die Wiese und das Meer und die Nixen und die Ostien und die Quallen und die Sänften und die Kreuze und die Sänften und die Toren und die Unsterblichen und die Wehrlosen, die Versteinerten. An all dem fuhr er vorbei. Was sollte er schon sagen. Es war schon alles gesagt worden: Im zwölften Gang fuhr es sich schlecht den Hügel hoch. Scheisse, Tank voll, ich muss mich entleeren. Und während das Meer an der Klippe nun seinen Saft angesprenkelt bekam, flüsterte ihm ein Radio, das grad in Rot vorbeifuhr wüste Dinge ins Ohr. Er wurde steif, aber liess es bleiben, obwohl die Sicht atemberaubend war. Ja, die Fahrt, die Mühe, das Keuchen, die Phantasien hatten sich gelohnt. Er war noch ein guter Junge. Ein guter Mensch, dachte er. Seine Eltern würden es ihm danken.

 

***

 

Heute ist dein Tag. Lass dich feiern.

 


 

Ralph Tharayil (*1986) studierte Germanistik, Geschichte und Medienwissenschaft. Er unterrichtet Deutsch und spielt Popmusik in verschiedenen Formationen. Er gewann 2011 den ersten Preis beim Schreibwettwerb des Literaturhauses Basel. Seine Gedichte, Szenen und Kurzgeschichten werden regelmässig in verschiedenen Magazinen veröffentlicht, unter anderem im Lasso, der Perspektive und Entwürfe.


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