Der dunkle Wald – Eine Hommage an Ernest Hemingways «A Farewell to Arms»

Er bekam einen Nobelpreis, zog in zwei Weltkriege und in einen Bürgerkrieg, zeugte drei Kinder, heiratete vier Frauen und schrieb fünf bedeutetende Romane. 1899 in der Nähe von Chicago geboren schuf Ernest Hemingway schon zu Lebzeiten den eigenen Mythos. Sein zweiter Roman «A Farewell to Arms» wird oft unterschätzt.

Von Andy Strässle

Sie war sich sicher gewesen. Um sechs würde sie niemand beim Schwimmen stören, fröstelnd kam sie in der aufgehenden Sonne aus dem Comersee, die Arme um die Brust geschlungen, selbstvergessen in den Himmel schauend, so wie es vor allem jüngere Leute tun, die noch daran glauben, dass jeder Tag ein Versprechen und jede Nacht ein Geheimnis ist.  Sie lächelt dem für Como überraschend verlotterten Hotel zu und einen Augenblick lang macht sie ihre Nacktheit verlegen, sie ist nicht mehr sicher, ob wirklich niemand wach ist. Im Morgentau erscheinen die Blumen am Ufer lebendig als trügen sie noch alle Träume der vergangenen Nacht in sich. Irgendwo im dritten Stock fällt der Vorhang zurück und obwohl die Trennung nur kurz war, schien das Zimmer jetzt leerer und einsamer, als es gewesen wäre, wenn es keine Liebe gekannt hätte.

Der Wendepunkt in Hemingways Karriere.

Der Wendepunkt in Hemingways Karriere.

Einige Cappucinos später, immer noch in Gedanken: Seit über einem Jahrzehnt hatte ich zum ersten Mal wieder Ernest Hemingways «A Farewell to Arms» (dt. «In einem anderen Land») als Ferienlektüre gelesen und meine Überzeugung wuchs, dass der Roman der 1926 erschienen war, mittlerweile fast mehr Gültigkeit bekommen hatte, als damals als er erschienen war. Vielleicht sprach das Buch auch nur direkt zur Midlife-Crisis, aber die Sprachlosigkeit in der Beziehung zwischen Catherine Barkley und Frederic Henry, der Widerspruch zwischen dem Bedürfnis zu verschmelzen, ineinander aufzugehen und doch nichts aussprechen zu können, gemischt mit den Schlagzeilen in den Zeitungen zum Ersten Weltkrieg, aus denen der amerikanische Soldat nie etwas erfährt, trotz allen Nachrichten von der Front bleibt alles in der Schwebe.

Je mehr geredet wird, umso weniger gibt es zu sagen, scheint «A Farewell to Arms» auszudrücken, je mehr Liebe und Sex für den Verkauf von Waschmittel, Eiscrème und nicht zuletzt für das Bezahlen der Fernsehgebühren zuständig sind, umso moderner, zeitgemässer wirkt die dramatische Liebesgeschichte zwischen der schottischen Krankenschwester und dem amerikanischen Soldaten, die in Italien in einen Krieg verstrickt sind, der sie seltsam teilnahmslos lässt. Autor Hemingway reduziert alles auf Fakten, Erzähler Frederic Henry dirigiert seine Sanitätsfahrzeuge emotionslos durch einen Krieg, in dem nur eines klar ist: Er wird immer weitergehen. Henry kämpft zwar für die Alliierten, gegen Österreich und später Deutschland, doch ergreift er keine Partei. Er hat keine Überzeugungen an die Front mitgebracht, sicher ist für Frederic Henry nur:

«Wenn Menschen soviel Mut auf die Welt mitbringen, muss  die Welt sie töten, um sie zu zerbrechen. Darum tötet sie sie natürlich. Die Welt zerbricht jeden, und nachher sind viele an den zerbrochenen Stellen stark. Aber die, die nicht zerbrechen wollen, die tötet sie. Sie tötet die sehr Guten und die sehr Feinen und die sehr Mutigen; ohne Unterschied. Wenn du nicht zu diesen gehörst, kannst du sicher sein, dass sie auch dich töten wird, aber sie wird keine besondere Eile haben.»

Während die Desorientierung, die Apathie gegenüber den Neuigkeiten von der Front, die nie neu genug sind, das moderne Dasein des westlichen Menschen vorwegnehmen, der sich zunehmend immer mehr zwischen unsichtbaren Fronten in einem Niemandsland befindet, in denen er sich weniger und weniger verorten kann. Als Kind seiner Zeit wäre es dem in Oak Park aufgewachsenen Ernest Hemingway kaum so gegangen: Die Vorfahren hatten als «Gentlemen» im amerikanischen Bürgerkrieg gekämpft. Der Vorort von Chicago war dermassen protestantisch und puritanisch, dass Tanzen und Trinken als Dinge galten, die höchstens Katholiken billigen konnten. Wäre es nach Ernests Mutter, der Arztfrau und Musiklehrerin Grace Hemingway, gegangen, so hätte sie dafür gesorgt, dass Ernest ein respektables, frommes und nach ihren Instruktionen vorgezeichnetes bürgerliches Leben gelebt hätte.

Es sollte anders kommen: Hemingways Krieg sollte früh beginnen, einerseits rang er ein Leben lang um die Anerkennung seiner Mutter, gleichzeitig schaffte er es aber nie sie zu respektieren oder sie nicht zu hassen. Auf der anderen Seite behauptete er früh eine gewisse Unabhängigkeit und Risikobereitschaft. Wenn Ernest Hemingway auch nie eine solche Sportskanone war, wie er ein Leben lang behaupten sollte, so war er dennoch vielseitig aktiv, fing aber gleichzeitig schon in der High School mit dem Schreiben an. Lesen und Schreiben mögen für den Heranwachsenden eine Flucht gewesen sein. Flucht vor den Ideen der dominierenden Mutter, Flucht vor dem übersittenstrengen, aber seiner Frau unterlegenen Doktor Hemingway.

Es ist Doktor Hemingway, der Ernests literarisches Debüt die erste Short Story-Sammlung «In Our Time» als «widerlichen Dreck» betitelt an den Verlag zurückschickt, und es wird Ed Hemingway sein, der die literarische Gestalt von «A Farewell to Arms» massgeblich beeinflussen wird. In Oak Park dominieren englische Schriftsteller die Szene. So wird Ernest in der High School von Hugh Walpole inspiriert, nicht zuletzt von dessen Roman «Fortitude», der auf schwülstige und überladene Weise von Peter Westcott erzählt, der von seinem Vater dauernd übel schikaniert wird: Er wird gezüchtigt, zur Arbeit verdonnert und am Ende in einer absonderlichen psychologischen Wendung von ihm für den Tod seiner Mutter verantwortlich gemacht. Als Peter ans Sterbebett der Mutter gerufen wird, gesteht er ihr, er wolle Schriftsteller werden, küsst sie zum Abschied und wird anschliessend beim Dinner von seinem Vater darüber informiert, dass seine Zuwendung der Mutter geschadet habe. Und naja, sie stirbt tatsächlich. Kein Wunder, dass Walpoles Roman in Regen und Sturm endet und sich der Held selbst ermahnt: «Mache einen Mann aus mir – der sich vor nichts fürchtet.»

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Der dunkle Wald von Hugh Walpole beschrieb ebenfalls die Sehnsucht der Männer nach einer Krankenschwester.

«Fortitude» hatte den sechzehnjährigen Hemingway schwer beeindruckt. Zwar hatte er sich als Kind mit seinem Vater verbunden gefühlt, war mit ihm Jagen und Angeln gegangen, doch entfremdete sich Ernest nach der Pubertät immer mehr von Ed. Zur Verachtung über die vermeintliche Schwäche der eigenen Frau gegenüber kam eine immer grössere Wut über das zuchtmeisterliche Verhalten des Vaters. Wut und Verachtung sollten das Verhältnis zu seinen Eltern ein Leben lang prägen. Der Unterschied in der Beziehung zu Mutter und Vater war einzig derjenige, dass Grace Hemingway immer zurückzuschlagen wusste, so dass der Kampf des Sohnes um Liebe und Anerkennung immer vergeblicher und verzweifelter wurde.

Seit seinem Selbstmord 1961 ist Ernest Hemingway nicht nur literarisch umstritten geblieben. Mag sein, das ist nicht weiter verwunderlich, schon zu Lebzeiten hat er – ähnlich wie seine Mutter – viel und gerne Streit angefangen, Ernest Hemingway hat seinen Zeitgenossen gegenüber Rechnungen beglichen, von denen die gar keine Ahnung hatten, dass sie offen waren. Die Abrechnung mit Vorbild und Mentor Sherwood Anderson in «Torrents of Spring» – als Persiflage auf Anderson gedacht, um aus dem Verlagsvertrag mit Boni & Liveriright zu kommen, oder die Erinnerungen in «A Moveable Feast» als Hemingway nach dessen Tod seinen Freund F. Scott Fitzgerald als impotente Memme hinstellt.

Schon zu Lebzeiten grosser Kritik ausgesetzt, wurde Hemingway die Geister, die er gerufen hatte nicht mehr los, denn er war es gewesen, der davon sprach einen «reineren Prosastil» zu schaffen, alles was man zu tun brauchte, sei: «Einen wahren Satz schreiben.» Gerade, wenn man sich an Hugh Walpole erinnert, so erscheint die Notwendigkeit eines neuen Stils dringlich, doch Hemingway benahm sich als Schriftsteller wie ein Boxer. Und wie es zum Leben im Ring gehört, bekam er mehr als einmal Prügel. Mit den Jahren sind zu jeder Lebensphase Hemingways Biografien erschienen und während die Fakten meist gut dokumentiert sind, so haben sich einige Räuberpistolen, die er über sich verbreitete hartnäckig gehalten. Auch diese haben in der Rezeption bis heute ihren Preis. Er gilt als Macho oder als Kriegsschriftsteller, was weder ihm noch seinem Werk gerecht wird. Es ist allerdings wahr, dass ihn vor allem Kritik traf, die seinen unbedingten Machismo, seine Potenz, in Frage stellte, geschah dies, so konnte es durchaus sein, dass er sich im Büro seines Lektors, Maxwell Perkins, auch einmal mit einem Kritiker prügelte.

Prügel gab es in den Achtzigern vor allem auch aus dem feministischen Lager, Hemingways Sprache sei männlich, er sei ein Macker und ein Macho-Schriftsteller. Während Hemingway durchaus wirre Ansichten über die «Natur der Frau» hegte, die zur Zeit gehörten, etwa diejenige, dass Frauen keine grossen Werke schaffen könnten, da sie von Natur aus zu «chaotisch» seien, so nimmt er in vielen seiner Werke die Perspektive von Frauen ein und so schafft es, beiden Polen gerecht zu werden.

Der Stoff von «A Farewell to Arms» stammt von Romancier Hugh Walpole, der auf seine unnachahmliche Art die Geschichte eines ungeschickten Lieutenants erzählt, der sich mit Frauen nicht auskennt, sich in eine Krankenschwester verliebt, die seine Liebe nicht erwidert und die folgerichtig bald einmal in die Luft gesprengt wird. Es ist schwer zu sagen, ob sich der achtzehnjährige Hemingway von «The Dark Forest» beim Kriegseintritt Deutschlands 1917 beeinflussen liess, oder ob seine Kriegsbegeisterung daher rührte, aus dem Elternhaus ausbrechen zu können. Auf jeden Fall war der junge Mann, der zum Leidwesen seiner Eltern nicht aufs College gehen wollte, bereit in den Krieg zu ziehen.

Die Uniform war auf jeden Fall cool.

Die Uniform war auf jeden Fall cool.

Als Sanitätsfahrer beim roten Kreuz brachte Ernest Hemingway mit dem Fahrrad Schokolade und Zigaretten zu den Soldaten an die Front, dabei wurde er bei einem Granateneinschlag am Bein verletzt. Mit der Verletzung schaffte er es zunächst, bei Mutter Grace endlich Anerkennung und Mitgefühl zu wecken, gleichzeitig schmückte er die Erzählung gnadenlos aus. Einmal behauptete er, er habe mit einem Bein voller Granatsplitter und Maschinengewehrkugeln noch einen italienischen Soldaten zu einem Unterstand geschleppt, ein anderes Mal behauptete er, er sei ein Soldat der Arditi gewesen und mehrmals an der Front verletzt worden. Die Legendenbildung geht so weit dass er 1926 in einer Chicagoer Zeitung «als meist zerschossener Autor Amerikas» aufgeführt wird. Dies im Zusammenhang mit einer Stierkampfgeschichte, bei der er den Autorenkollegen John Dos Passos in der Stierkampfarena vor dem Aufspiessen durch einen Bullen gerettet haben soll, was ebenfalls – so könnte man sagen – Bullshit war.

Wichtiger für die Entstehung von «A Farewell to Arms», wichtiger als die Aufschneidereien des jungen Hemingway ist die Affäre, die er im Krankenhaus mit der Krankenschwester Agnes Kudowsky beginnt. Die Parallelen zwischen Hemingways Erlebnissen und Walpoles «In the Dark Forest» sind verblüffend. Mit neunzehn ist Hemingway sexuell unerfahren und vielleicht gar unbeholfen wie Walpoles Held und wie dieser wird er Agnes trotz ihren Treueschwüren an seinem Krankenbett an einen Arzt verlieren, der wie Agnes selbst älter und erfahrener ist als Hemingway.

In «A Farewell to Arms» beschreibt Frederic Henry die Beziehung zu Catherine Barkley zuerst so:

«Ich wusste, ich liebte Catherine Barkley nicht und hatte keine Absicht sie zu lieben. Es war wie ein Bridge-Spiel, in dem man Dinge ansagte, anstatt Karten zu spielen. Wie beim Bridge musste man so tun als spiele man um Geld oder um irgendeinen Einsatz. Niemand hatte  gesagt, was der Einsatz wäre. Für mich ging das in Ordnung.»

Als amerikanischer Freiwilliger sorgt Henry dafür, dass der Ambulanz-Service, der die Verwundeten von der Front zurücktransportiert und an die Spitäler verteilt, funktioniert. Um die neuangekommene Krankenschwester Catherine kümmert er sich vor allem, weil er es müde ist, die Abende mit den Prostituierten im Offiziersclub zu verbringen.

Im weiteren Verlauf der Geschichte erleidet Henry eine ähnliche Verletzung wie Hemingway, er wird bei einem Granatenangriff verwundet und von Catherine in Mailand schliesslich wieder aufgepäppelt. Hier kommen sich das Paar näher, schicksalhaft ist der Abschied als der genesene Frederic erneut an die Front geschickt wird, doch diesmal verspricht er ihr, sie abzuholen und will es auch einhalten. Catherine ist schwanger und die Szene in einem Café vor seiner Abreise spricht für sich:

«Ich kenne dieses Gedicht», sagte Catherine, «Es ist von Marvell. Aber es ist über ein Mädchen, dass nicht mit einem Mann leben würde.»

Mein Kopf fühlte sich sehr klar und kalt und ich wollte über Tatsachen reden.

«Wo wirst du das Baby bekommen?»

«Ich weiss es nicht. Am besten Ort, den ich finden kann.»

«Wie wirst du das organisieren?»

«Auf die bestmögliche Art, die ich kenne, mach dir keine Sorgen, Liebling. Wir können mehrere Babies bekommen, bevor der Krieg vorbei ist.»

«Es ist fast Zeit zu gehen.»

«Ich weiss. Du kannst die Zeit bestimmen, wenn Du willst»

«Nein.»

«Dann mach dir keine Sorgen, Liebling. Dir gings gut bis jetzt und jetzt machst du dir Sorgen.»

Die LIebe als Sehnsucht nach einer Krankenschwester.

Die LIebe als Sehnsucht nach einer Krankenschwester.

Zur Erinnerung: Hemingway erzählt uns hier eine Liebesgeschichte. Aber nicht nur zu diesem Zeitpunkt redet Henry an Catherine vorbei. Ebenso hat er zur Geburt seines Kindes zwar Fragen, bleibt aber eigenartig passiv, so dass ihn Catherine dauernd beruhigen muss. Und obwohl sie meint, mit ihm noch «viele Babies» bekommen zu können bevor der Krieg vorbei ist, wird beinahe schmerzhaft offensichtlich, dass sie mit ihrem Geliebten, den sie schon gesund pflegte, bereits ein erstes Kind hat.

In der Abenddämmerung bekommt der Comersee eine Schönheit, die der Postkarte entspricht, eine Ruhe legt sich über das Seebecken, die nur vom zufriedenen Summen der Bienen in den üppigen Blumenbeeten unterbrochen und vielleicht manchmal, wenn sich ein Windhauch in den Kronen der Bäumen verfängt.

«Denkst du ich gebe dir genug?»

«Ja.»

«Vielleicht müsste ich mehr erklären können.»

«Es ist nicht nötig, alles auszusprechen, meinst du nicht?»

«Aber…»

«Es ist ein schöner Abend.»

«Ja, aber…»

 Sie dreht sich um, klettert auf eine Mauer, so dass ihr weisser Rock einen Moment lang fliegt. Ihre Unterschenkel scheinen gerötet, sie hat einen leichten Sonnenbrand.

Als Ernest Hemingway an «A Farewell to Arms» arbeitete, hatte er mit «The Sun also rises» (dt. Fiesta) nicht nur endlich einen Roman veröffentlicht, sondern damit einen Überraschungserfolg gelandet. Nachdem er jahrelang als literarisches Versprechen in Paris gegolten hatte, war es ihm trotz bester Verankerung in der literarischen Szene nur selten gelungen Geschichten zu veröffentlichen oder seinem Traum näherzukommen. «The sun also rises» hatte dies geändert und «A Farewell to Arms» wird sich trotz des wirtschaftlichen Zusammenbruchs in den USA ebenfalls wie warme Semmeln verkaufen.

Als der Autor aber mit der Arbeit am dritten Teil von «Farewell» beginnt, führt er ein zerrissenes Leben:  Er ist dabei, seine erste Frau Hadley Richardson, die ihm einen Sohn geschenkt hat und ihm den Werdegang als Schriftsteller mit ihrem Treuhandvermögen finanziert hat, zu verlassen. Eine Weile lang versucht er gar eine Dreiecksbeziehung aufrechtzuerhalten, einzig, dass er es nicht verträgt, dass Hadley sich auch gewisse Freiheiten nimmt.

Während Hemingway sein erstes Kind Bumby immer als Störfaktor und als Einschnitt in seine Freiheit (auch in die kreative) empfunden hatte, wird seine zweite Frau, Pauline Pfeiffer, ziemlich schnell schwanger. Die energische Pauline, mit dem Selbstbewusstsein einer wohlhabenden Frau gesegnet, versucht ab diesem Zeitpunkt das Heft in die Hand zu nehmen. Ihr Kind soll aus Misstrauen gegenüber der französischen Hygiene in Amerika geboren werden und die «neue» Familie Hemingway sesshaft werden.

Abschied von den Pferderennen in den Pariser Vororten, den Ski-Trips nach Schruns und von den Stierkämpfen in Pamplona, aber Hemingway – nun selbst einigermassen wohlhabend – trauerte nur kurz: Marlin-Fischen vor Kuba und die Aussicht auf Grosswildjagen in Afrika erleichterten ihm den Abschied von Europa. Die Arbeit an «Farewell» ging zügig voran und Hemingway begann mit dem gründlichen Aufpolieren des Manuskripts, als ihm, wie er an Schriftstellerkollegen John Dos Passos schrieb, das Leben «praktisch unterm Stattel weggeschossen» wurde.

Zwischen Abenteuer und Todessehnsucht.

Zwischen Abenteuer und Todessehnsucht.

Dass der Meister des neuen Prosa-Stils seine Manuskripte häufig überarbeiten musste, lag nicht zuletzt daran, dass er provozierte. Während er selbst noch  über Toronto den verbotenen «Ulysses» von James Joyce in die Staaten einschmuggelte, liess er es sich doch nie nehmen, seinen Verlegern Manuskripte voller Obszönitäten abzuliefern. Lassen einen heute « shit, fuck, cocksucker, motherfucker, whorehound und son of a bitch» nur noch milde lächeln, kämpfte Hemingway vehement für die Verwendung von Gossensprache und gegen die Reinigungsaktionen von Lektor Maxwell Perkins. Diverse Stellen mussten gekürzt werden, oder etwa eine «intime Passage» oder wie man heute sagen würde, Sexszene, musste so gekürzt werden, dass nur noch das «Pochen ihrer Herzen» übrigblieb. Nichtsdestotrotz wurde der Verkauf des Scribner’s Magazine, dass als Serie einen Vorabdruck von «Farewell» enthielt, in Boston verboten.

Obszönität hin oder her, einen weitaus grösseren Einfluss, vor allem auf den Schluss des Buches, hatte der Selbstmord von Ernest Hemingways Vater. Am Morgen sei Doktor Hemingway beim Frühstück zwar niedergedrückt gewesen, er habe Beschwerden an den Beinen gehabt und versprochen, zum Arzt zu gehen. Stattdessen verbrannte er einige Papiere im Keller des Hauses in Oak Park und ging schliesslich nach oben in sein Zimmer und erschoss sich. Während Hemingway sich zwar um die Beerdigung seines Vaters kümmerte, erschien er innerhalb der Familie wie gelähmt. In einem Brief schrieb er zurück in seiner neuen Operationsbasis Key West über die Arbeit an «Farewell»: «Als ich es schrieb, fühlte ich mich schon wie die Hölle, und noch schlimmer, als ich es überarbeitete.»

Während Henry nach der Schlacht von Caporetto beim Rückzug der italienischen Armee zwischen die Fronten gerät, seine Sanitätsfahrzeuge verliert und als Deserteur verdächtigt vor der eigenen Armee mit Catherine in die Schweiz flüchten muss, ist es der Schluss von «Farewell» mit dem Hemingway am meisten Schwierigkeiten hatte. 32 Mal sagte er, habe er ihn umgeschrieben. Manchmal überlebt Catherines Baby, manchmal sie, nie beide, und so wie schliesslich das Buch gedruckt wurde, sind am Ende beide tot.

Die Parallele zwischen Autor und Held werden schmerzhaft offensichtlich. Hemingway hatte Catherines Tod beschlossen, war aber als Schriftsteller genauso wie als Mensch, der eben seinen Vater verloren hatte, unfähig, diese Trauer auszdrücken. Frederic Henry scheucht die Krankenschwestern nach Catherines Tod aus dem Zimmer. Allein macht er die Türe zu, löscht das Licht aus. «Aber es war sinnlos. Es war als ob man einer Statue Lebewohl sagt. Nach einer Weile ging ich hinaus und verliess das Krankenhaus und ging im Regen ins Hotel zurück.»

Diese Kälte, Passivität oder Gleichgültigkeit überrascht auf den ersten Blick umso mehr, als es zwischen Frederic und Catherine auch solche Dialoge gibt:

«Das bist du. Wir sind ein- und dasselbe.»

«Ich weiss es. Nachts sind wir’s.»

«Die Nächte sind herrlich.»

An ein häusliches Leben hatte er sich nie wirklich gewöhnt.

An ein häusliches Leben hatte er sich nie wirklich gewöhnt.

Während sich «A Farewell to Arms» sehr gut verkaufte und Hemingway als «Kriegsschriftsteller» etablierte, kämpfte er von nun an gegen die Annahme, er sei Frederic Henry und habe etwa am Rückzug von Caporetto teilgenommen. Wie bei «The Sun also rises» wurde das Buch vorwiegend gelobt, doch umstritten war es trotzdem. Hier liegt die Bruchstelle zur heutigen Zeit. Dem ausgelaugten Frederic Henry scheint jeder innere Kompass abhanden gekommen zu sein und kritische Stimmen wiesen schon 1929 in Rezensionen daraufhin, dass sich der liebende Frederic vielleicht etwas arg von Catherine bemuttern lässt.

Ernest Hemingways Leben war in Trümmern gelegen, als er die Arbeit an «Farewell» beendete, er wurde gequält von Schuldgefühlen, da er seine Ex-Frau Hadley und seine zukünftige Frau Pauline hingehalten hatte, er hatte es nicht geschafft, den Selbstmord seines Vaters zu verdrängen und ein grosser Teil dieser emotionalen Zerissenheit prägen «A Farewell to Arms».

Mit dem Erfolg wird schleichend ein Wandel eintreten. Aus der Biografie Hemingway von Kenneth S. Lynn: «An Tod am Nachmittag lässt sich auch erkennen, wie sehr der Hemingway-Mythos bereits sein schriftstellerisches Wirken beeinflusste. Der Held des Buches ist kein ruheloser Nick Adams, kein verstümmelter Jake Barnes, kein ausgebrannter Frederic Henry, sondern ein anmassender Besserwisser Ernest Hemingway. Gewiss sind seine Randbemerkungen über die Kunst des Schreibens ein Muss für jeden, der sich mit moderner Literatur beschäftigt; aber seine gelehrten Ausführungen über Stierkampf sind langweilig, sein Posieren als harter Bursche wirkt peinlich und seine beissenden Kommentare über Schriftstellerkollegen sind meist alles andere als amüsant.»

An Lektor Maxwell Perkins schreibt der Autor mit untrügerischem Instinkt:

«Wenn das Ganze so schlecht wäre wie manche seiner Teile, wäre es ganz schön beschissen, aber wenn das Ganze o.k. wäre wie manche seiner Teile, wäre es ganz schön gut. Versuche jetzt die grösseren Scheissklumpen rauszuholen.»

Künstlerisch hatte Hemingway mit «A Farewell to Arms» und den Stories aus Paris, Schruns und Spanien wohl einen Höhepunkt erreicht. Fast prophetisch erscheint nun, wie ihn sein Status als Grossschriftsteller und seine innere Zerrissenheit immer mehr Energie kosten werden. Bis er am Ende den Kampf mit sich selbst verliert.

Nach Elektroschocks in Sanatorien, einem mehr und mehr zunehmenden Verfolgungswahn und einer Todessehnsucht, mit der er seine Frau Mary Welsh erschreckte, weil er jeweils seine «Lieblingsschrotflinten» aus dem Keller ins Wohnzimmer holte und sie versonnen betrachtete, reichte die Betrachtung dem gesundheitlich angeschlagenen Schriftsteller endlich nicht mehr. Die Furcht hatte am Ende ihn, den Furchtlosen, eingeholt. Zu dunkel, zu verschlungen war es im Wald geworden, so dass die Durchhalteparolen von Walpole nicht mehr ausreichen konnten.

62-jährig fand der Schriftsteller trotz aller Medikamente nur noch selten Schlaf, er konnte nicht mehr lesen und sein Schreiben war unkonzentriert und ausufernd. Zwei Flugzeugabstürze auf Safari in Afrika hatten vor einigen Jahren zum schlechten gesundheitlichen Zustand beigetragen: Bei einem Absturz schlägt er mit seinem Kopf die Scheibe ein, um aus der brennenden Maschine ausbrechen zu können und verletzte sich 1953 gefährlich. Nicht nur waren Leber-, Milz- und Nieren verletzt, Hemingway sah doppelt, hörte auf den Ohren nur noch abwechselnd. Dennoch verabredete er sich nach dem Absturz zunächst einmal mit Reportern um eine Pressekonferenz zu geben. Erst dann geht er zum Arzt.

Überhaupt war diese letzte Safari eine Reihe von Debakeln gewesen, Hemingway war manchmal so betrunken, dass er aus der Landrover fiel, er versuchte ein Buschfeuer zu bekämfen und erlitt Verbrennungen zweiten Grades. Zurück auf seiner Finca in Key West beklagt der Pulitzer- und Nobelpreisträger 1954 sich erstmals darüber, nur noch Briefe schreiben zu können.

Am Ende Depressionen, Paranoia und die Lieblingsschrottflinte.

Am Ende Depressionen, Paranoia und die Lieblingsschrottflinte.

Neben gesundheitlichen Schwierigkeiten, wachsenden Depressionen und Paranoia quälten Hemingway gegen Ende seines Lebens auch Schuldgefühlte wegen seinen gescheiterten Ehen. Er verfiel in eine beinahe unüberwindbare Trauer. Nochmals Kenneth S. Lynn: «Als ihn dann Alter und Krankheit seiner Schreibfähigkeit beraubten als er von demoralisierenden Ängsten, seinem selbstgeschaffenen Image nicht mehr gerecht werden zu können, überwältigt wurde, war das von ihm so oft beschworene Ende wahrscheinlich unabwendbar.»

Was «Farewell» und seinen Autor zeitgemäss macht, ist dass er konstant um Orientierung ringt und sich immer wieder verliert. Es scheint fast, als scheinen Wünsche und Sehnsüchte, die sich erfüllen gefährlicher als die unerfüllten, unreifen Träume der Nacht. In der westlichen Gesellschaft verschiebt sich die Front konstant, irgendwo ist immer Krieg und es gilt unsere Körper, unsere Partner und selbst unsere Kinder zu optimieren, um im wirtschaftlichen Kleinkrieg bestehen zu können. Unsentimental hat es Hemingway in Farewell, so gesagt:

«Mich verwirrten immer Worte wie heilig, ruhmreich und Opfer und der Ausdruck umsonst. Wir hatten sie manchmal im Regen stehend und beinahe ausser Hörweite vernommen, so dass nur die lautesten Worte durchdrangen und hatten sie auf Proklamationen gelesen, die von Zettelanklebern über andere Proklamationen geklebt wurden, noch und noch, und ich habe nichts Heiliges gesehen und die ruhmreichen Dinge waren ohne Ruhm und die Blutopfer waren wie die Schlachthöfe in Chicago, wenn das Fleisch zu nichts benutzt, sondern nur begraben wurde. Es gab viele Worte, die man nicht anhören konnte, und schliesslich hatten nur noch Ortsnamen Würde. Mit gewissen Zahlen war es dasselbe, und mit gewissen Daten, und diese mit den Ortsnamen zusammen war alles, was man sagen konnte, so dass es etwas bedeutete.»

«An den zerbrochenen Stellen stark», das gilt für Hemingway als Schöpfer eines der bedeutendsten Prosawerke – und zu zerbrechen, um leidenschaftlich und ernsthaft auszudrücken, was er zu sagen hatte, das hat er riskiert. Und auch wenn Papa Hemingway ein Mythos war und ein kindischer und oft unwahrer noch dazu, im Angesicht von Reality Shows und Plastikpop-Geschöpfen fehlt er einen doch, irgendwie.

Um Elf wird es still sehr still. Und die Nacht in Como scheint in ihrer Schönheit und Erhabenheit nie mehr vergehen zu wollen. Es ist der Himmel, die Grösse der Zeit, die die Blüten sich schliessen und die Gräser nur leicht zittern lässt. Es ist als lächle der Mond über die Vergeblichkeit allen tuns. Und es bleibt nur dieser Hauch, dieses Innehalten. Vielleicht halte ich dich damit fest.

Bücher:

-Ernest Hemingway, «A Farewell to Arms», Triad Grafton, London, 1987

-Ernest Hemingway: A Moveable Feast, Arrow Books 2009

-Kenneth S. Lynn, Hemingway-Eine Biografie, 1989 Rowohlt, Hamburg

-Paula McLain, The Paris Wife, Virago 2011

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