«Eiszeit» – Romanausschnitt von Andy Strässle

Eigentlich wusste Kristina Mirren gar nicht so genau, was sie nach ihrem Studium machen sollte. In ihrem neuen Job als politische Beraterin des umstrittenen Bundesrates Ernst Rächer kämpft sie gegen politische Machtspiele. Gleichzeitig verliert sie im Umfeld des machtbesessenen Ministers immer mehr die eigene Orientierung. Als sie merkt, bei was sie mitgespielt hat, steckt das Land in einer Regierungskrise und ihr innerer Kompass ist verloren.

Von Andy Strässle

Die Sommernachtsfrage: Wichtig oder unwichtig?

Die Sommernachtsfrage: Wichtig oder unwichtig?

Leseprobe:

Der Auszug ist das siebte Kapitel von «Eiszeit». Die politische Beraterin Kristina Mirren hat Bundesrat Rächer zu einem Truppenbesuch geschickt, ihn aus dem Weg geschafft um weitere Skandale zu verhindern. Bei Rächers Ankunft in der Schweiz eskaliert die Situation dennoch, da Mirrens Chef sich noch auf der Landebahn in Bern-Belp entschliesst Feuer mit Feuer zu bekämpfen …

«Eiszeit», 7. Kapitel

«Pass auf! Boner wird glauben, es sei alles wegen ihm. Zuerst wird er sich über den Aufmarsch freuen. Lachend wird er aus dem Flugzeug kommen und staatsmännisch oben auf der Gangway stehenbleiben und winken. Dann hört er, dass sie ihm Fragen nach der Dons-Chemie zuschreien, Fragen, auf die er keine Antwort weiss. Dann wird er ahnen, wir haben ihn in eine Sache reingezogen mit der er lieber nichts zu tun hätte», lächelte Julia Martin übermüdet. «Inzwischen wird Rächer dieses kleine Bisschen zu nahe hinter ihm stehen und wie ein kleiner Junge in die Kameras grinsen, weil er merkt, dass Kollege Boner wieder mal voll reintritt.»

Sie wartete mit Kristina vor dem Gebäudekomplex des kleinen Flughafens Bern-Belp, der vor allem von Regierungsflugzeugen und Sportfliegern benutzt wurde. Obwohl erst Neun an einem Samstagmorgen verteilte sich schon die Presse des ganzen Landes auf der Landebahn, während zwei Dutzend Polizisten emsig Absperrungen um die wachsende Gruppe aufstellten.

Julia sagte: «Es ist doch alles nur Theater, oder?»

Die Versuche der Pressesprecherin der Geschichte in den letzten Tagen eine andere Richtung zu geben, waren gescheitert, da Antonia und die Dons-Chemie weiter mauerten. Die Presse bekam keine Informationen aus dem Rheintal und hatte sich deswegen in den Ausgaben am Freitag und auch heute weiter auf Antonias Vater konzentriert. Es wirkte, als trüge Rächer die gesamte Verantwortung für den Schlamassel.

Kristina lächelte schwach, schwieg und dachte an die Hundepatrouillle, die sie gesehen hatte, als sie aus ihrem Taxi gestiegen war.

Das Fernsehen testete die Scheinwerfer, die Techniker bereiteten sich auf eine Live-Schaltung vor.

«Wie ist es bei Dir gelaufen?» fragte Julia.

«Ich habe versucht, gestern und heute früh mit dem Bundesrat zu reden: Er lobte die französische Küche, er fand die Militäraufmärsche da unten toll. Die Uniformen der französischen Polizei gefallen ihm. Er weiss aber nicht, ob er mit Antonia sprechen will. Er meinte, die Verantwortung für die Firma läge jetzt bei ihr. Ich konnte nichts ausrichten …», gab Kristina zu.

Noch bevor sie ihr Gepäck am Donnerstagmorgen im Ochsen gepackt hatte, hörte sie wie Antonia am Radio «Kein Kommentar» sagte und damit klarmachte, sie würde nichts tun, um die Situation zu entschärfen. Selbst dann nicht, wenn Kristina ihre Drohung wahrmachen würde. Die beiden Frauen blickten in den Himmel. Am Horizont erschien klein und grau die Maschine der Bundesräte.

Bis am Freitag hatten die einen Reporter das Verwaltungsgebäude der Dons-Chemie eingekesselt gehabt, während andere Journalisten vor den Fabrikoren warteten, um einen unzufriedenen Arbeiter zu entdecken. Das Schweizer Fernsehen filmte die Villa der Rächers, im Versuch mit Anna zu sprechen.

«Die Geschichte ist uns entglitten. Antonia hat zu lange gewartet. Die Erklärungen haben nicht mehr gereicht. Wie immer wenn es zu lange dauert, machen sich die Journalisten selbstständig. Sie fangen an zu graben und sie finden immer etwas», sagte Kristina und wusste, ihre Pressesprecherin konnte auch nichts daran ändern.

Sie konnten hören wie der Pilot die Maschinen drosselte und sahen wie der Privatjet in einem weiten Bogen zum Landeanflug ansetzte.

«Es ist ein Selbstläufer: Es hat nicht nur einen Bundesrat drin, sondern auch noch einen Widerspruch zu seiner Politik. Es geht um Geld, die Rächers haben viel davon, sie sind eine Dynastie.» Julia schüttelte den Kopf: «Wenn wir Glück haben, bekommen wir am Ende gar noch Jean Rächer zu sehen, der die Werbetrommel für seine Bilder rührt. Das alles kommt besser als Betrug bei der Kehrrichtverbrennung oder der Privatgebrauch von Dienstfahrzeugen. Weißt du, es ist gut für die Sonntagspresse, es ist tolles Fernsehen, gut für die Demokratie, es ist einfach sexy…»

Die Embraer fuhr einen langgezogenen Bogen auf der Rollbahn.

«Warum hat Antonia nicht reagiert…» blieb sie dran. «Ich habe gehört, du hast doch ziemlichen Druck gemacht. Soviel, wie wir über die Firma wissen, könnten wir sie morgen übernehmen…»

«Falsche Strategie. Ich habe versucht, Antonia zu zwingen, zu machen, was wir wollen. Das war ein Fehler, weil sie wollte, dass der Vater sie darum bittet. Ich hätte das sehen müssen.» Das Eingeständnis fiel Kristina nicht leicht. Wie eine Anfängerin stolperte sie mitten in einen uralten Familienkonflikt hinein, begab sich auf ein Schlachtfeld, auf dem sich Antonia viel besser auskannte.

Sie zog auf dem Flughafen Belp ihr Jacket enger um sich, sagte: «Ich stehe wie der letzte Idiot da. Offenbar wollen die Rächers die Sache nicht aus der Welt schaffen. Und die Presse schnallt natürlich auch, dass sie allmählich eine einmalige Gelegenheit bekommen um Rächer abzuschiessen.»

Boner trat aus Kabine, schien sich zu freuen, wollte – wie die Pressesprecherin vorausgesehen hatte – schon winken. Dann hörte er das Geschrei, verstand einige der Fragen: «Zerbricht jetzt die Regierung? Werfen Sie das Volksbündnis raus? Wie wird der Skandal um die Dons-Chemie im Ausland aufgenommen?»

Boner stand ratlos oben an der Treppe, die Arme hingen hinunter, sein Gesicht blieb regungslos. Vor nationalen Fernsehkameras war er wieder einmal kalt erwischt worden. Tapfer winkte der Bundesrat ab, wies den Skandal von sich. Er habe eine Erklärung vorbereitet, wolle etwas zu dem Truppenaustausch mit den Franzosen sagen. Die Reporter schrien ihn weiter nieder.

Julia sagte: «Er tut mir leid. Ich meine, Boner, der gehört zur alten Garde. Macht keine grossen Sprüche, versuchts noch mit dem Sozialstaat und arbeitet in aller Ruhe, aber sie kriegen ihn jedesmal dran. Er sieht einfach immer doof aus.»

Ein Assistent Boners drängte sich durch die Pressemeute, kletterte über die Gitter und ging die Treppe hoch, um seinen Mann abzuholen. Der Militärminister stand einfach schon zu lange dort oben. Er wirkte gelähmt. Heute würde ihm diese Unentschlossenheit aber kaum schaden, denn die Geschichte, der Skandal, der trat ungeduldig hinter ihm von einem Fuss auf den anderen.

«Auch wenn sie ihm Scheisse anwerfen, er mag es einfach. Er liebt es wirklich», sagte Julia. Der Assistent führte Boner die Gangway herunter. Rächer, der sich nun auf sein Publikum eingestellt hatte, liess dem Ministerkollegen einen Vorsprung, um nicht einen wirksamen Auftritt zu verschenken. Die Journalisten warteten in gespannter Stille.

«Er wird sich nicht dran halten. Natürlich wird er sich nicht dran halten», fluchte die Pressesprecherin.

«Du hast recht, er wird es gleich da draussen auf der Rollbahn tun», sagte Kristina Mirren. Julia Martin hatte mit Rächer vereinbart, sie würden eine Pressekonferenz im Ministerium abhalten. Dort würde der Bundesrat eine offizielle Erklärung verlesen, die mit der Dons-Chemie und seiner Tochter abgestimmt war. Ein weiterer Versuch, Vater und Tochter in Einklang zu bringen.

Kristina beobachtete, wie Boner begleitet von seinem Stab schnell in einen schwarzen Mercedes stieg. Sie hatten ihm die Show gestohlen. Niemand würde vom Truppenbesuch des Verteidigungsministers reden, niemand würde sich darum kümmern, was bei der Frankreich-Reise herausgekommen war. Rächers Truppe schuldete dem Regierungskollegen nun mehr als einen Gefallen.

«Beruhigen Sie sich, beruhigen sie sich. Ich werde mit Ihnen sprechen, alle Ihre Fragen beantworten. Kein Problem», rief Rächer den unter ihm schreienden Journalisten zu. Er wolle zuerst dem Verteidigunsministerium und dem Bundesratskollegen Boner für die freundliche Einladung nach Frankreich danken. Es habe viel zu seiner persönlichen Beruhigung beigetragen – und auch zu seiner Beruhigung als Landesvater – zu sehen, dass internationale Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich produktive und effiziente Früchte tragen könne.

Julia reichte es noch Luft zu holen, zu scherzen: «Die haben geschlemmt, die französische Küche genossen, der Rest? Vergiss es – typischer Staatsbesuch…»

Auf der Landebahn berührte Rächer einige sicherheitspolitische Aspekte im nicht ganz vereinten Europa, er sprach von polizeilicher, lobenswerter Zusammenarbeit und die ersten Journalisten gähnten. Rächer genoss jede Sekunde. Rampenlicht, Aufmerksamkeit, grosse Sprüche. Zu gut, um wahr zu sein.

Kristina Mirren wusste aber, Versöhnung, Lob gehörten nicht zur Strategie ihres Bundesrates. Jedem anderen hätte es gereicht, Terrain zu gewinnen, die Meute mit viel Autorität zum Schweigen gebracht zu haben, aber nicht Rächer. Ernst Rächer würde bald zubeissen.

«Es hat viel Gerede gegeben um die Firma, die ich gegründet habe. Eines der erfolgreichsten und grössten Unternehmen im Lande. Es zeigt sich erneut, dass die Linken und die Schwachen es nicht mögen, wenn unser Land erfolgreich ist. Umso konsternierter bin ich darüber, wenn meine Ministerkollegen…»

Der Hinweis auf Grösse, auf Erfolg, ohne diese beiden Schlüsselelemente ginge es in keiner Rede.

Dreissig Sekunden später herrschte auf der Landebahn Chaos. Die Stimmen überschlugen sich, die Journalisten schrien noch lauter Fragen, die Sicherheitstrupps des Flughafens wurden von Fotografen und Kameraleuten weggeschoben und fünf Polizisten mit Helmen und Schlagstöcken mussten den Bundesrat aus der Meute rausholen. Es ging blitzschnell und würde später am Fernsehen noch viel gewalttätiger und chaotischer aussehen. Kristina und Julia wurden weggedrückt, gleichzeitig eingeklemmt in einer warmen Masse von verschiedenen Stabsleuten und Funktionären.

«Hast du das gehört? Ich glaube es nicht», keuchte Julia: «Er hat Juli angegriffen, wie kann er das verdammt noch mal machen.»

Kristina bekam einen Augenblick lang keine Luft in die Lungen und hielt sich an einer blauen Uniform fest. Die Körper drängten sie weg, und sie fühlte sich bodenlos wie auf der Kunsteisbahn. Julia wurde weggerissen, stolperte, fluchte ausser sich: «Ich kanns nicht glauben, es ist doch verdammt noch mal nicht möglich.»

Den genauen Wortlaut zu rekonstruieren, würde trotz aller Kameras und Mikrofone unmöglich sein. Es schien, als habe Rächer zunächst noch einmal die Arbeit des Bundesratskollegen der freisinnigdemokratischen Partei, Boner, gelobt. Weitergefahren war der Justizminister damit, dass die Dinge noch weit besser liegen könnten, wenn Bundesrätin Taucher, seine Lieblingszielscheibe, die Problematik endlich ebenfalls verstehen würde.

Umso konsternierter sei er, Rächer, wenn ausgerechnet von der freisinnigen Partei die Wirtschaft gelähmt werde, wenn ein geschätzter Ministerkollege wie Bundesrat Juli, der ja im Wirtschaftsdepartement eigentlich über das notwendige Know-How verfügen müsste, zu einem Hemmnis des Aufschwungs werde.

«Es ist Zeit, es anzupacken, Zeit, etwas für unser Land zu tun und nicht mittels kleinlichen Regeln jene aufzuhalten, die arbeiten wollen und die dies erfolgreich in einer erfolgreichen Firma tun. Es tut mir sehr leid, wenn dies mein geschätzter Bundesratskollege nicht verstehen kann…»

Das alles hatte Kristina nicht mitbekommen, zwei Sicherheitsleute schleppten sie aus jener Zone, in der wildgewordene Medienleute, Schaulustige und administrative Angestellte noch immer für ein beispielloses Gewühl sorgten. Die Polizei, die mit aller Kraft dazwischenging, vergrösserte das Durcheinander weiter. Schliesslich stand sie auf der Strasse, starrte auf ihr Telefon, beide Linien leuchteten auf und ein dritter Anruf wurde abgewiesen. Die Sicherheitstypen hatten sie einfach auf einem Parkplatz abgestellt, um sich erneut ins Gewühl zu stürzen.

Sie nahm einen Anruf entgegen. «Hör mal, wir haben hier ein Zimmer. Sie bringen Rächer ins Bundeshaus, aber wir bleiben noch hier. Ich schick dir einen Polizisten raus, der holt dich rein. Ich will, dass du kurz mit uns sprichst, in Ordnung?» Julia Martin hängte auf.

Die zweite Linie: «Ich habe Ihnen vertraut, Kristina, ich glaubte, Sie können das in Ordnung bringen. Aber so geht es nicht. Wir erwarten Sie so schnell wie möglich im Ministerium. Wir müssen reden.» Rächer hängte ebenfalls auf, bevor sie etwas sagen konnte.

«Sind Sie Frau Mirren, gehören Sie zum Bundesrat?» Sie nickte dem sympathischen Polizisten hilflos zu.

Die Beamten trugen alle Helme und Visier, da waren Schäferhunde und gepanzerte Kastenwagen. Kristina Mirren kannte wie alle Ministerialangestellten die Sicherheitsstufen. Die Ankunft von zwei Ministern gleichzeitig wurde zwar ziemlich hoch eingestuft. Normalerweise wurde eine Bereitschaft erstellt, es wären genügend Beamte vor Ort. Ein halbes Dutzend Männer der Spezialeinheit in Zivil sorgte für die grundsätzliche Sicherheit, neben den Bodyguards der Minister.

Der Polizist berührte sie sanft an der Schulter und führte sie in ein Hinterzimmer des Flughafenpavillions. «Es ist das Büro des Direktors, wir können solange bleiben, wie wir wollen», sagte Julia Martin, die stark aus der Nase blutete. «Ach, das ist nichts, schau dir Phil an!»

Phil hockte zusammengesunken hinter dem Pult des Direktors und drückte sich ein nasses Taschentuch aufs linke Auge.

«Ich stand neben ihm, habe eine Kamera aufs Auge gekriegt», sagte er und betupfte vorsichtig die Schwellung.

Julia sagte: «Phil und ich haben besprochen, dass wir keine Anrufe annehmen.»

«Ich habe schon mit ihm geredet. Ach Mist, jemand sollte zu deiner Nase schauen. Das blutet ja wie wahnsinnig.»

Phil Frei sagte: «Wir müssen mit dir reden.»

Er schien bleicher als sonst. Er sagte bedrückt: «Du kennst die Strategien ja, Kristina.»

Sie kannte die Strategien. Das Büro des Flughafendirektors wirkte verschlafen, auf den Ordnern schien Staub zu lagern. An den Wänden hingen die Bilder von alten Flugzeugmodellen. Der Mann hatte seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Kristina setzte sich auf die Schreibtischkante und sah aus dem Fenster. Der Jet stand verlassen draussen, das Rollfeld war leer. Es klopfte. Der sympathische Polizist streckte seinen Kopf hinein und sagte: «Das Gebäude ist geräumt. Es sind nur noch überprüfte Mitarbeiter des Flughafens hier. Wir ziehen uns zurück. Aber wir lassen ihnen einen Streifenwagen draussen. Wenn meine Kollegen sie irgendwo hinfahren sollen, sagen sie es, wenn Sie einen eigenen Transport benutzen, teilen Sie es bitte unseren Leuten mit, damit sie sich zum Dienst zurückmelden können. Wir danken Ihnen für Ihre Mitarbeit.»

Die Spitze von Rächers Führungsstab sah sich ratlos an. «Er dankt uns», sagte Julia: «Wir danken ihm!»

Kristina fing an, nach dem Fernseher zu suchen, fand aber nicht einmal ein Radio.

«Könnt ihr euch die Schlagzeilen vorstellen?» fragte sie. «Könnt ihr euch vorstellen, was die mit uns machen.»

Phil Frei seufzte, er kam einige Schritte auf sie zu, getraute sich aber nicht, sie in die Arme zu nehmen, wofür sie ihm dankbar war. Er sagte: «Rächer wird einen Sündenbock brauchen. Er wird einen Ausrutscher beklagen wollen. Sie werden ihn unter Beschuss nehmen und schliesslich wird er sagen, jemand aus seinem Stab habe ihn schlecht beraten.»

Kristina hatte ein SMS auf ihrem Display: «Erwarte Sie im Ministerium. ER.»

Phil drehte eine weitere Runde um den Schreibtisch. Kristina musste etwas sagen, Julias Nase blutete etwas weniger. Sie hatte ihren Kopf nach hinten gebeugt, starrte an die Decke.

«Wir sind so oder so erledigt», sagte Kristina: «Er hat der Geschichte nochmals Schub verliehen. Dazu kommt der Tumult von vorhin. Um das Ganze noch schön abzurunden, gibt sogar der Verwaltungsrat zu, dass die Arbeitsbedingungen im Rheintal nicht die Besten sind. Das Sahnehäubchen ist aber Antonia Rächer, die diese Dinge auf keinen Fall korrigieren will, da sie es als Behinderung des wirtschaftlichen Aufschwungs betrachtet.»

Julia Martin sagte reglos: «Das hier ist eine Zirkusnummer. Ich habe kein gutes Gefühl. Meinen Kopf könnt ihr haben. Meine Nase habt ihr ja schon.»

Phil Frei antwortete: «So habe ich es nicht gemeint, ich glaube, wir sollten vorsichtig sein. Versteht ihr, ich habe für diese Sache gearbeitet, ich glaube an die Arbeit, die wir machen. Es ist das Justizministerium. Ich bin Jurist und ich, mit dem Gesetz, wir könnten Gesetze… Ach, vergesst es, rufen wir ein Taxi.»

«Erwarte Sie im Ministerium. ER.» Zwei SMS, sieben verpasste Nachrichten.

Kristina sagte: «Wir müssen uns zusammenreissen. Julia, wenn es deiner Nase besser geht, rufst du deine Leute zusammen. Wir machen vor den Abendnachrichten eine Pressekonferenz. Alle Anfragen bis dahin werden beantwortet, so gut wir das können.»

Julia unterbrach: «Aber was sollen wir denn denen sagen? Rächer hat vorhin einen Bundesratskollegen angegriffen, verstehst Du? Einen bürgerlichen Bundesratskollegen!»

«Ihr gebt Auskunft, haltet sie hin, erzählt ihnen, unser Typ packt es an. Trotzdem gibt es noch eine Konferenz, zu der sie kommen werden, weil sie noch auf eine Überraschung hoffen… Phil, du klärst mit deinen Leuten, wie es im Rheintal steht, ich will alles wissen. Nichts darf verborgen bleiben. Dann rufst du Juli an und hetzt Antonia das Gewerbeinspektorat von St. Gallen auf den Hals. Wir lassen keinen Stein auf dem anderen. Keinen. Nach dem Auftritt von vorhin, interessiert sich im Moment wahrscheinlich niemand für die Arbeiter aus dem Rheintal, wir müssen jemanden dran setzen, der rausfindet, was die Medien über die Dons-Chemie haben, vielleicht können wir, wenn wir alles auf den Tisch legen, verhindern, dass noch mehr Leute plaudern. Vielleicht können wirs abschwächen, weil sie jetzt die richtige Geschichte aus den Augen verlieren und uns endgültig eine Regierungskrise anhängen wollen.»

Sie schwieg. Sie spürte nicht viel.

«Sie meint das ernst», sagte Julia zu Phil. Der Sekretär nickte.

In einem anderen Leben hatte Adrian Sieber gesagt: «Verdammt, Kristina, das Volksbündnis! was hast du erwartet? Verdammt.»

Jetzt hörte sich Kristina sagen: «In zwei Stunden trifft sich der Krisenstab das erste Mal. Ich spreche mit Rächer und versuche ihn davon abzuhalten, uns ein nächstes Mal in den Rücken zu fallen. Wir müssen die Presse füttern. Sie werden aber die Geschichte nicht verheizen wollen, das müssen wir nutzen.»

Kristina Mirren organisierte drei Taxis. Als sie die Türe zuschlug, dachte sie, wie Antonia Rächer sagte: «Wir müssen meine Mutter beschützen, um jeden Preis.»

Der Preis erschien Kristina Mirren hoch, als sie beim Bundeshaus ihr Taxi bezahlte.

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