«Bilder sollten Gefühle vermitteln. Auch wenn sie absolut dunkel sind» – Interview mit Mano Khalil

Von Tanja Hammel

Der kurdische Kameramann, Regisseur und Produzent Mano Khalil (*1964 in Qamishli, Syrien) ist der zurzeit wohl bekannteste Dokumentarfilmer der Schweiz. Nach der Verleihung des Prix de Soleure und der Wahl seines Films «Der Imker» zum «Dok.fest»-Winner haben sich die Medien auf ihn gestürzt. Für Zeitnah hat sich der vielbeschäftigte Filmschaffende aber Zeit genommen, um einen persönlichen Einblick in sein Leben und Schaffen zu gewähren.

Mano Khalil

«Die Schweizer Zuschauer sind sehr tolerant und auch selbstkritisch und können gut über solche Übertreibungen lachen, wenn ich sie in meinen Filmen zeigen»: Mano Khalil (Foto zVg).

 

Tanja Hammel: Sie haben von 1981 bis 1986 in Damaskus Jurisprudenz und Geschichte studiert. Wie hat Sie Ihr Studium in Ihrem Filmschaffen beeinflusst?

Mano Khalil: Nach der Matura studierte ich vier Jahren Jura und anschliessend habe ich mit dem Geschichtestudium angefangen. Mir fiel damals auf, dass unter der Herrschaft des damaligen Diktators Hafez Al-Assad beide Studienrichtungen nach den Wünschen des Regimes manipuliert und interpretiert wurden. Diese Tatsache hat mich angewidert und deshalb hörte ich mit dem Studium auf. Später, als ich in der ehemaligen Tschechoslowakei die Filmuniversität besuchte, wurde ich vom Geschichte-Student zu einem Geschichte-Erzähler und vom Jurist wurde ich jemand, der auf seine Art und Weise für die Menschenrechte und gegen Ungerechtigkeiten kämpft.

Wie unterscheidet sich Ihre Interviewtechnik von denjenigen eines Historikers bei einem Oral History Interview?

Bevor ich mit den jeweiligen Dreharbeiten beginne, recherchiere ich wie auch ein Historiker die Umstände. Dabei geht es mir aber nicht nur um die Tatsachen und die Fakten. Natürlich muss ich sie auch wissen, damit ich die Geschichte erzähle. Es geht mir um meine Protagonisten. Ich möchte sie nicht nur als historische Figuren kennenlernen, sondern mir ist sehr wichtig den Mensch, der sie sind, in den Vordergrund zu bringen. Während der Recherchen entsteht meistens eine freundschaftliche Beziehung, basierend auf gegenseitigem Respekt und Vertrauen und das verhilft uns dann dazu, dass die Charaktere der Geschichte echt sind und dass dadurch auch die Geschichte eine persönliche Note erhält.

Möchten Sie mit Ihren Filmen einen Beitrag zur Zeitgeschichte des Alltagslebens von Migrantinnen und Migranten in der Schweiz leisten?

In meinen letzten Filmen waren es vor allem Migrantinnen und Migranten, die darin vorgekommen sind. Aber für mich stehen die einzelnen Geschichten, etwa Krankheit, Entwurzelung oder verlorene Träume, symbolisch für die Geschichten von vielen Menschen, die lebenslang unscheinbar bleiben, jedoch aber viel Interessantes zu erzählen haben; die viel gelitten haben und sie trotzdem auf ihre Schicksalsschläge auf eine bemerkenswerte Weise reagieren. Ibrahim zum Beispiel, der Protagonist bei Der Imker verlor nach all den Widrigkeiten, die er erlebt hat, nicht seine Menschlichkeit und seinen Glauben an das Gute in den Menschen. Und das kann genauso der Fall sein bei jemandem, der andersartig Schwieriges erlebt hat und trotzdem keine Hassgefühle gegen die Verursacher seines Leides hat.

Wie wichtig ist Ihnen die Sprache in Ihren Filmen?

Die Sprache ist nicht nur eine Art, sich miteinander zu verständigen, sie ist auch ein Mittel, um eine Geschichte zu erzählen. Viele Male aber sind die Gefühle und die Emotionen so stark, dass ein Dialog oder ein Kommentar gerade an dieser Stelle viel vom Zauber der Szene wegnehmen würde. Deswegen schaue ich in meinen Filmen, dass es eine Balance zwischen den Sprachpassagen und den Szenen gibt, in denen die Kommentare unnötig sind. Es hat so viele Sprachelemente, wie nötig sind, damit die Zuschauerinnen und Zuschauer die Geschichte verfolgen können, ohne dass dabei die Gefühle zu kurz kommen.

Wie arbeiten Sie mit Übersetzern zusammen? Können Sie uns einen Einblick in Ihre Arbeit geben?

Je nach Film spielen Übersetzer eine sehr wichtige Rolle, sowohl bei den Dreharbeiten als auch bei den Schnittarbeiten. Vor allem bei den Dreharbeiten ist es sehr wichtig, dass die Bedeutung des Gesagten erhalten bleibt und dass die Person auch in der Hektik des Drehs trotz der Müdigkeit und der oft stark beladenen Atmosphäre ihre Ruhe und ihre geistige Klarheit behält und sachlich an die Arbeit geht. Dabei ist es nicht wichtig, dass die Grammatik stimmt, sondern dass der Redefluss gewährleistet wird und dass sich die Beteiligten nicht in ihren Gedanken von der übersetzenden Person abgelenkt werden, was ein ziemliches Fingerspitzengefühl braucht. Vor sieben Jahren habe ich einen Film gedreht und der Protagonist sprach Französisch. Da ich kein Französisch kann, musste ich jede Frage an ihn und auch seine Antworte übersetzen lassen. Die Dreharbeiten sind dadurch länger geworden und ich musste manchmal mehrmals nachfragen, wie eine Aussage genau gemeint war, damit ich im Nachhinein kein ungutes Gefühl hatte oder damit ich sicher war, dass ich nichts Wichtiges verpasst habe.

Worin sehen Sie die Schwierigkeiten und Probleme von Übersetzungen? Haben Sie schon erlebt, dass es Passagen gab, die sich nicht übersetzen liessen oder sich ein Protagonist in einem Film aufgrund der Übersetzung falsch verstanden fühlte?

Es ist tatsächlich so, dass manche Sätze, wenn sie in eine andere Sprache übersetzt werden, viel von ihrer Poesie und Melodie verlieren. Deswegen bleibt uns häufig nur die Möglichkeit, das Gesagte nicht wörtlich sondern sinngemäss zu übersetzen. Die Tatsache, dass ich sieben Sprachen spreche, (Kurdisch, Slowakisch, Tschechisch, Englisch, Deutsch, Arabisch, und etwas Italienisch) half mir bis jetzt viel, um die Bedeutung eines Satzes sinnesgemäss in eine andere Sprache weiterzugeben.

Wie wichtig ist Ihnen Musik in Ihren Filmen?

Die Musik untermalt meine Bilder. Für mich bringt die Musik szenografisch und dramaturgisch die richtigen Gefühle in ihrem gedachten Ausmass in einem Film hervor. Ich persönlich mag laute, dramatische Musik, die das «Geschehen» im Bild übersteigert nicht. Man sollte den Film sehen und nicht nur hören. Im Radiosendungen mag die Musik dramatisch und kräftig sein, da die Augen keine Rolle spielen. .

Mario Batkovic ist mit seinen Eltern in die Schweiz eingewandert und teilt damit Erfahrungen mit Ihnen und den porträtierten Menschen in Unser Garten Eden und Der Imker. Hat er sich deshalb so gut für die Filmmusik Ihres letzten Films geeignet?

Das spielt sicher eine Rolle. Ausserdem aber kenne ich Mario schon seit langem. Wir sind Freunde. Unsere Ateliers sind im gleichen Gebäude und wir verstehen uns gut bei der Arbeit. Schon bevor der Film fertig ist, hören wir viele Musikstücke zusammen, tauschen wir unsere Ideen und so entstehen unkompliziert die Motive, die wir dann im Film brauchen.

Wie schaffen Sie es Emotionen von Menschen so einzufangen?

Mit Respekt, Liebe und echtes Interesse für meine Protagonisten. Damit ich einen Film über jemanden drehe, muss ich selber von dieser Person fasziniert sein. Und das spüren die Menschen. Wenn ein Protagonist merkt, dass der Regisseur nicht nur der Fachmann ist, sondern ein Freund, der seine Erzählungen nicht ausnutzen wird und ihn nachher nicht blossstellen wird, dann fallen die Hemmungen und zwischen uns gibt es keine Mauer mehr, denn sie sprechen zu Mano, dem Freund, dem Kollegen und nicht zu Mano dem Filmemacher. Man muss seine Protagonisten mögen. Dann ist man mit vollen Herzen dabei. Sonst macht man keinen guten Film.

Haben Sie noch Kontakt mit den Protagonisten von Unser Garten Eden?

Im Familiengarten-Areal Bottigenmoos haben wir immer noch unsere Parzelle. Zurzeit habe ich wegen der grossen Arbeitsbelastung nicht so viel Zeit wie ich gerne hätte, um im Garten zu sein. Aber ich gehe so oft wie möglich dort und wir sehen uns dort, oder rufen wir uns an. Alle sind wie immer meine Freunde.

Ihre Filme leben von Nahaufnahmen der porträtierten Menschen, die die Zuschauer berühren. Sie zeigen aber auch wunderschöne Landschaften und poetische Naturbilder in Ihren Filmen. Wie schaffen Sie die Balance zwischen beiden?

Oftmals führe ich bei meinen Filmen die Kamera selbst. Sie ist mein Auge, sie zeigt, das was ich jeweils sehe und mich fasziniert. Sie reflektiert meine Sichtweise. Manchmal sind das Bilder von Menschen, andere Male Bilder von der Natur. Beim Drehen verfolge ich meine Gefühle und meinen Instinkt.

Wie wichtig ist Ihnen die Interkation von Menschen mit der Sie umgebenden Natur?

Die Natur hat eine Heilwirkung auf die Menschen. Leider vergessen viele von uns das und machen sie unbedacht kaputt. Naturverbundene Menschen lernen viel von der Natur und lassen sich in ihrer Lebensweise von ihr inspirieren. Sie erkennen, was wichtig ist und was nicht und sind lieb, unkompliziert, freundlich und optimistisch. Man sagt, dass ein Mensch glücklich ist, wenn er ein Kind in die Welt bringt, wenn er ein Haus gebaut hat und wenn er einen Baum gepflanzt hat. Natur ist für mich der einzige Paradies, das Hier, das Jetzt und das Heute. Ich glaube an Jenseits nicht.

Was ist Ihnen wichtig in Ihren Filmbildern? Wie würden Sie Ihre Bildsprache beschreiben?

Bilder sollten Gefühle vermitteln. Auch wenn sie absolut dunkel sind…

Welche Rolle spielt der zweite Kameramann in Ihren Filmen?

Ich habe mit Steff Bossert an verschiedenen Filmprojekten zusammengearbeitet. Er ist ein Freund von mir und ich schätze ihn als Kameramann sehr. In meinen beiden letzten Dokumentarfilmen habe ich den grössten Teil selber gedreht. Dies machte die Art der Filme notwendig. In beiden Filmen erzählen meine Protagonisten sehr persönliche Sachen. Um das zu ermöglichen, war es wichtig eine kleine Crew zu haben, damit sie durch die vielen Leuten nicht gestört und gehemmt werden. Deswegen drehe ich selber und nur bei grösseren Szenen, fragte ich Steff um seine Unterstützung.

Wie haben Sie Ihr Einleben in der Schweiz erlebt?

Mittlerweile esse ich ein paar Mal auch Fondue im Winter. Mit Kirsch natürlich. Ich habe noch nicht Wodka statt Kirsch benutzt. Ja, das sollte nur ein Witz sein. Natürlich war am Anfang nicht alles rosig für mich. Ich musste viel kämpfen, um meinen Weg hier zu gehen. Aber das ist normal. Ich glaube, wenn man sich an den normalen zwischenmenschlichen Regeln hält, braucht man keine Integrationskurse…

Spiegeln sich Ihre Erfahrungen in Ihren Filmen wider?

Auf jeden Fall. Viele sagen, dass ich in meinen Filmen die Schweiz in einem sehr positiven Licht darstelle. Es mag sein. Das Leben in der Schweiz hat viele positive Aspekte, aber für viele Menschen sind diese Selbstverständlichkeiten geworden. Mit meinen Filmen möchte ich zeigen, dass es nicht selbstverständlich ist. Dabei bin ich auch genug kritisch. Denn auf der anderen Seite entdecke ich übertriebene Selbstverständlichkeiten und die probiere ich mit Witz zu zeigen. Und die Schweizer Zuschauer sind sehr tolerant und auch selbstkritisch und können gut über solche Übertreibungen lachen, wenn ich sie in meinen Filmen zeigen.

Sie zeigen für viele Schweizerinnen und Schweizer einen sehr anderen Blickwinkel auf. Viele haben sich noch nie so intensiv mit den Lebensgeschichten von Einwanderern beschäftigt. Hoffen Sie auf besseres Verständnis und Zusammenleben?

Die Schweiz ist für mich ein Topf, aus dem verschiedene Menschen gemeinsam essen. Die Schweiz ist wie das Fondue; man soll essen, trinken, rühren und dabei sich darauf achten, dass man sein Brot im Topf nicht verliert…

Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihren Filmen?

In Syrien studierte ich einige Jahre nach dem Gymnasium Jura und Geschichte. Während des Studiums sah ich enttäuscht, wie das Recht und die Geschichte manipuliert worden ist, um die Interesse des damaligen Regimes zu dienen. Aus diesem Grund hörte ich mit beiden Studien auf und entschloss mich Filmemacher zu werden, damit ich mit meinen Filmen gegen Ungerechtigkeiten kämpfen kann, Schwächeren dadurch eine Stimme geben kann aber auch damit ich die Menschen in verschiedenen Aspekten ihres Lebens zeigen kann und die Zuschauerinnen zum Nachdenken über das jeweilige Thema bewegen kann.

Ihre beiden Filme erinnerten mich an den Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry, besonders an die Stelle wo der Fuchs zum Prinzen sagt: «Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar». Besonders die Szene, in der Ibrahim Gezer erzählt, dass es für ihn eine Gefühlssprache gibt und er sich mit den Menschen in der Schweiz anfreunden kann, ohne sich mit ihnen unterhalten zu können. Gibt es Ihres Erachtens eine Art der Kommunikation zwischen Menschen unterschiedlicher Sprache, die ohne Augen und Sprache möglich ist?

Ja. Man verliebt sich meistens ohne Worte. Mit einem Blick und einer Geste kann man häufig mehr vermitteln, erzählen und bewirken als mit Seiten von Wörtern. Gefühle sind international. Wir Menschen verstehen unsere Mitmenschen, wenn sie traurig sind, oder wenn sie Freude haben. Wir brauchen keine Wörterbücher dazu, nur offene Augen und ein noch offeneres Verstand ohne Vorurteile. Und auch die Tiere verstehen unsere Sprache nicht, aber unsere Blicke und Gefühle doch… Eine Katze oder ein Hund versteht genau was bedeutet unser Blick…

Herzlichen Dank für Ihre Zeit und die Mühe, die Sie sich gemacht haben. Alles Gute für Ihre weiteren Projekte.

Gern geschehen.

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