Ode an die Freundschaft – «Der Imker»

Von Tanja Hammel

Eine Odyssee von der Türkei in die Schweiz: Mano Khalils «Der Imker» ist ein packendes Porträt des kurdischen Imkers Ibrahim Gezers, der auch in der Schweiz mit Fleiss und Menschlichkeit seinen eigenen Weg geht.

Basel, 6. Juni 2013, der bisher wärmste Sonnentag des Jahres. Viel zu schön, um sich in einen dunklen Kinosaal zu begeben. Dennoch zieht es mehrere hundert Menschen an diesem Abend an die Basler Premiere des Films «Der Imker». Drei Kinosäle des kult.kino Ateliers stehen bereit. Gestärkt durch ein liebevoll zubereitetes Apéro der Familie Gezer, der hundertvierzig regionalen Imker und der Kultkinos begibt sich die sich zu einem Volksfest zusammengefundene Menschenmenge etappenweise auf ihre Plätze. Auto-/Biopics zogen in den letzten Jahren scharenweise Zuschauende magisch an. Roman Weiss vom kult.kino erklärt sich das grosse Interesse aber mit der Aktualität der Thematik – Kurden in der Türkei, Bienen und Imkerei. Aufmerksam machte der Dokumentarfilm auf sich durch den Prix de Soleur, den Viktor.Dok und das durchs Band weg wohlwollende Medienecho.

Wer einen Dokumentarfilm à la «More Than Honey» (2012) erwartet hat, wird enttäuscht, denn «Der Imker» ist kein Film über Bienen, sondern ein Porträt über einen beeindruckenden Mann und dessen Menschlichkeit. In den kurdischen Bergen wohnte er mit seiner Frau, ihren elf gemeinsamen Kindern und fünfhundert Bienenvölkern glücklich und wohlhabend. Doch die Konflikte zwischen Türken und Kurden führten dazu, dass die Familie vom Militär bedroht wurde. Sieben Jahre dauerte Ibrahim Gezers Flucht durch die Berge bis er schliesslich seinen Kindern in die Schweiz folgte. In der Zwischenzeit waren zwei seiner Kinder getötet worden und seine Frau, für die die Situation unerträglich wurde, nahm sich das Leben. Imkerei sei nur ein Hobby in der Schweiz und kein Beruf, so die Behörden. Daher hiess es für Gezer Sozialhilfe in Anspruch nehmen und dafür in der Behindertenwerkstatt VEBO in Breitenbach (SO) Ricola-Bonbons abpacken. In Zeitlupentempo ging Gezer pflichtbewusst der Arbeit nach, die ihn von der Imkerei abhielt und Probleme wie das Ausreissen eines Bienenschwarms verursachte. Aber eigentlich hätte Gezer nicht arbeiten müssen. Er war bereits 65, auf seinem türkischen Ausweis hatte die Mutter ihn vor langer Zeit aber fünf Jahre jünger eintragen lassen. Dies war damals Praxis, da man sich erhoffte erst ins Militär einziehen zu müssen, wenn man bereits Kinder gezeugt hatte. Nach langem erreicht Gezer beim Bundesamt für Migration eine Anerkennung des Geburtsjahres 1946 statt 1951. Eine Erleichterung, denn nun kann Gezer seine Zeit ganz den Bienen widmen.

Der kurdische Regisseur Mano Khalil (49), der in Damaskus Geschichte, Jurisprudenz und in der Tschechoslowakei Regie studiert hat, machte 2010 mit «Unser Garten Eden. Geschichten aus dem Schrebergarten» von sich reden. Eindrückliche Lebensgeschichten hat er auch dort erzählt, aber mit diesem Film gelingt es ihm sich in der mit Fanny Bräuning und Markus Imhoof starken Schweizerischen Dokumentarfilmszene zu etablieren. Vier Jahre lang begleitete er den in Laufen (BL) wohnhaften Kurden Ibrahim Gezer (67). Die dadurch erwachsene enge Freundschaft ermöglichte es Khalil Gezer als Onkel und den entstandenen Film als Therapie für sie beide zu sehen. So berichtet Khalil gestern Abend dem Premierenpublikum. Die Schwangerschaft, wie Khalil die Filmproduktion bezeichnet, hätten sie beide gut überstanden, nun seien sie sehr nervös, ihr «Baby» der Öffentlichkeit vorzustellen. Liebevoller hätte es vom Basler Publikum gestern Abend aber nicht empfangen werden können.

Stimmungsvoll fängt Khalil die schweizerische und kurdische Bergwelt mit seinem zweiten Kameramann Steff Bossert ein. Dank einem gefakten Filmskript des Schweizer Fernsehens zu einem Dokumentarfilm über Bienen in der Schweiz, Österreich, Frankreich und der Türkei, gelang es den beiden, touristische Aufnahmen in Gezers Heimat zu drehen, ohne vom Militär gestoppt zu werden. Langsam ist das Erzähltempo, das dem stoischen Wesen Gezers entspricht und von einer poetischen Filmsprache Khalils zeugt. Passend dazu trägt die atmosphärische Filmmusik, meist Streicher, von Mario Batkovic die Zuschauenden auf der Reise durch Gezers Lebensabschnitt in der Schweiz. Einzig die Übersetzungsproblematik erschwert dem nicht kurdisch sprechenden Zuschauer den Zugang zu Gezer, was besonders in längeren Gesprächen mit seinem Enkel Robin und Verwandten auffällt.

«Mit Hass schafft man sich keine Freunde», so Gezer. Dank Ausdauer, Geduld und Menschlichkeit, die er trotz allem nicht verloren hat, gelingt es ihm in der Schweiz mit seiner «Gefühlssprache» – ohne sich auf Deutsch verständigen zu können – ein Netzwerk von engen Freunden aufzubauen. Eindrücklich zeigt dies besonders die Freundschaft zur jungen Bergbauerfamilie Wyrsch aus dem Kanton Uri. Gezer hat Bienenvölker in Realp und Andermatt, verbringt viel Zeit im Zug und träumt von einem kleinen Häuschen in den Bergen. Das liebevolle und sozialkritische Porträt über die Liebe zum Leben strotzt vor Humanität. Zum kritischen Reflektieren kommt man spätestens dann, wenn Gezer eingehend beschreibt, wie viel wir Menschen vom harmonischen Zusammenleben der Bienen lernen können. Die meisten zwischenmenschlichen Konflikte entstehen, weil Menschen sich gegenseitig nur tolerieren, nicht aber respektieren und lieben, scheint mir die Kernaussage des Films zu sein.

Ibrahim Gezer mit einem seiner Enkel bei Freund Viktor Krummenacher und Gabriele Schneider Krummenacher in der Region Baselland. zVg

Roman Weiss vom kult.kino ist überzeugt, dass der Film einige Zeit erfolgreich laufen und im Programm bleiben wird. Genügend Zeit, sich Khalils Meisterwerk, die herzzerreissende Lebenserfolgsgeschichte des Imkers mit feel-good vibes, zu Gemüte zu führen. Auf keinen Fall verpassen! Gespannt dürfen wir Khalils nächstes Projekt und Berichte über den Imker, der auf ein harmonisches Zusammenleben der Menschen in der Türkei hofft, erwarten.

«Der Imker». Schweiz 2013. Regie: Mano Khalil. Mit Ibrahim Gezer u.a., Frame Film, SRF Schweizer Radio & Fernsehen, Arte. Deutschschweizer Kinostart: 6.6.2013.

 

2 Gedanken zu “Ode an die Freundschaft – «Der Imker»

  1. kari

    liebe tanja, danke für diese hervorragende besprechung. ich werde den film in altdorf besuchen


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