gesichtet #36: Armlose Gestalten

Von Michel Schultheiss

Adrett gekleidet, doch oft verstümmelt: In diesem Zustand warten sie bedrohlich am Strassenrand, um auf ihre Beute – oder besser gesagt auf die Kunden – zu lauern. Kürzlich war auf «Zeitnah» schon einmal vom Leben mit Untoten die Rede. Ein Hauch von Zombie-Apokalypse ist auch an diesem Abschnitt der Feldbergstrasse zu spüren. Wie der Retro-Computerladen, das nun sanierte alte Tramhäuschen und die Friends Bar sind mittlerweile auch diese schillernden Schaufensterpuppen nicht mehr aus der geschäftigen Verkehrsachse wegzudenken.

Noch immer bleiben ihre Artgenossen hinter den Vitrinen von «Oskar’s Uniformes» in Mexiko-Stadt unübertroffen. Schon in diesem Zusammenhang war von der gruseligen Ausstrahlung dieser starren Figuren die Rede. Diesbezüglich hat Basel auch etwas zu bieten. Die Mannequins, welche zu Ladenöffnungszeiten jeweils am Strassenrand posieren, verfügen ebenfalls über eine etwas gespenstische Aura. Bisweilen fehlen ihnen ganze Gliedmassen, was sie durch schicke Outfits wettzumachen versuchen.

Schaufensterpuppen in der Feldbergstrasse

Bereits vor dem Hochzeitsfest reichlich abgeknabbert: Brautmode-Schaufensterpuppen an der Feldbergstrasse (Foto: smi).

Der besagte Strassenzug bildet eine Hochburg des Hochzeitsbusiness: Die Achse Feldberg-, Klybeck- und Hammerstrasse lädt zum Einkaufsbummel für künftige Brautpaare ein. In dieser Gegend können sowohl opulent verzierte Hochzeitskleider wie auch die passenden Fotografien besorgt werden. Wie nahe Prächtiges und Unheimliches beieinander sein können, zeigen die Schaufensterpuppen bestens auf.

Andere herausragende Läden wie etwa der Tattooshop mit den Gebeinen oder das schein- und mittlerweile ganz tote «Kaffi zem Waijebläch» sind unterdessen aus der Feldbergstrasse verschwunden. Die bereits vor dem Hochzeitsfest reichlich abgeknabberten Zombies zieren aber weiterhin das Trottoir. Immerhin werden die Puppen von noch lebloseren Social Media für vollwertige Menschen gehalten. Eine interessante Beobachtung für jeden, der Schaufensterpuppen fotografiert und die Bilder danach bei Facebook veröffentlicht, ist nämlich folgende: Die Gesichtserkennung hält diese leblosen Gestalten nach wie vor für Menschen. Von daher ist es für alle Datenschützer irgendwie beruhigend, dass dieses Werkzeug diesbezüglich noch in den Kinderschuhen steckt.


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