Leben mit Untoten – eine Rezension zu The Walking Dead

Von Daniel Lüthi

Die amerikanische Comic-Reihe «The Walking Dead» von Robert Kirkman hat sich zu einem Überraschungserfolg entwickelt: Nebst dem Comic existieren mittlerweile eine preisgekrönte Fernsehserie auf AMC und zahlreiche Computerspiele. «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» widmet dem Phänomen Zombies eine ausführliche Besprechung. Den Anfang macht eine Kritik zu den ersten acht Bänden des Comics «The Walking Dead».

Die Grundfrage von The Walking Dead: Was tun, wenn sich die Toten plötzlich gegen die Lebenden erheben? zVg

Die Grundfrage von «The Walking Dead»: Was tun, wenn sich die Toten plötzlich gegen die Lebenden erheben? zVg

 

Die Apokalypse hinter der Apokalypse

Auf einmal muss man wieder lernen, wie man ein Feuer macht. Die Kleider an einem Fluss wäscht. Gemüse anpflanzt. Die Welt aus Kaufhäusern, Restaurants und Waschmaschinen ist fort. Was jetzt noch zählt, sind die eigenen Hände und was man damit anstellt. Alles andere ist nebensächlich, denn der Tod lauert überall. Wörtlich.

Das wirklich Interessante an einem Weltuntergang ist nicht der Untergang selbst, sondern das, was danach kommt. Das grosse Drama mag beeindruckend sein, aber was uns mehr fasziniert, sind die kleinen Dramen, die sich im Schatten der Apokalypse abspielen. Das Grundszenario von «The Walking Dead» sind Zombies. Überall erheben sich die lebenden Toten, getrieben von unersättlichem Hunger nach Fleisch. Regierungen und Militär versuchen zu intervenieren, doch unsere Zivilisation stürzt immer mehr ins Chaos. Am Ende ist der Planet von Zombies bevölkert, und nur kleine Grüppchen von Lebenden sind noch übrig.

Das Szenario ist nicht neu: Filme von «The Night of the Living Dead» bis zu «28 Days Later» haben es in allen möglichen Varianten durchgespielt – mit dem Ergebnis, dass das Genre der Zombiefilme und -literatur voller Klischees ist. Schnell läuft man Gefahr, das Publikum mit denselben abgedroschenen Ideen von fünf Vorgängern zu langweilen. Doch das eigentliche Problem vieler Umsetzungen liegt nicht an der schlechten oder klischeehaften Inszenierung, sondern an schwachen Figuren. Und genau hier setzt «The Walking Dead» von Robert Kirkman die Schraubzwinge an.

Everyman im Zombieland

Rick Grimes ist Polizist. Bei einem Einsatz wird er angeschossen und schwer verletzt. Wochen später wacht er im Krankenhaus auf und stolpert in eine völlig veränderte Welt hinaus. Die Zombieapokalypse hat während seiner Zeit im Heilkoma stattgefunden, zu Hunderttausenden schlurfen die lebenden Toten nun über die Erde. Bald stösst er auf weitere Überlebende, doch Rick bleibt Band für Band unser Bezugspunkt. Wie wir Leser muss er sich erst an die schockierende Tatsache der Untoten gewöhnen, welche in dumpfen Massen die Städte bevölkern und hinter jeder Ecke, hinter jedem Baum lauern können.

Rick Grimes

Rick Grimes durchlebt nach seinem Aufwachen unzählige Horrorszenarien, in denen er sich nicht bloss gegen Untote behaupten muss. zVg

Die Figuren, die wir antreffen, sind ungeschönt und realistisch – selbst Rick bleibt nicht der gutherzige Polizist, der er anfangs noch ist. In «The Walking Dead» existieren weder Schwarz noch Weiss, sondern nur zunehmend dunklere Abstufungen von Grau. In dieser ungewohnt lebensgetreuen Charakterisierung der Figuren liegt die eigentliche Anziehungskraft des Comics. Sämtliche Grenzen sind verwischt oder verschwunden: Leben und Tod, Polizist und Krimineller, Liebe und Hass…

Das Raubtier Mensch

Die anfängliche Unsicherheit Ricks setzt den Grundton der Reihe und bleibt als Leitmotiv erhalten. Die Welt der lebenden Toten ist fast völlig unberechenbar, trotzdem schockiert uns jeder Angriff, jeder Verlust von Neuem. Wie in einer guten Seifenoper leben und leiden wir mit den Figuren mit – nur ändern sich die Konstellationen viel schneller. Lieblinge fallen ohne Vorwarnung den Zombies zum Opfer, scheinbar Totgeglaubte tauchen wieder auf. «The Walking Dead» vollbringt immer wieder das Kunststück, dass wir nie wissen, was auf der nächsten Seite geschieht.

Fast noch schlimmer als die Untoten ist jedoch der Horror, den die Lebenden einander zufügen. Kaum ein Abgrund der menschlichen Psyche bleibt unausgeleuchtet; Kirkman holt das Raubtier Mensch an die Oberfläche, dem nacktes Überleben wichtiger ist als ethische Grundsätze oder Mitgefühl. Dennoch kreist die Handlung im Prinzip um einen verschwindend kleinen Kern von Menschlichkeit, den es mit aller Kraft – und den nötigen Opfern – zu verteidigen gilt.

Einer der ruhigeren Momente im Comic.

Einer der ruhigeren Momente im Comic. Doch auch hier können sich Abgründe auftun. zVg

Nach den ersten acht Bänden stellt sich die Frage, wie weit Kirkman seine Hauptfigur Rick Grimes noch treiben kann. Wir sehen seinem Überleben mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid zu. Die parallel zur Buchreihe laufende Fernsehserie ist weitaus weniger brutal – im Medium Comic ist mehr möglich. Für manche Leser vielleicht stellenweise fast zu viel. Trotzdem ist «The Walking Dead» empfehlenswert: Gnadenlos spannend, voller überraschender Wendungen und mit einem Figurenensemble, das man so schnell nicht vergisst.

Band 1 – 8 der Reihe in einem Sammelband:

«The Walking Dead: Compendium One» von Robert Kirkman
1088 Seiten
ca. CHF 76.20
ISBN: 978-1-60706-076-5
Erschienen am 29. Mai 2009 bei Image Comics

 

Band 1 der Reihe:

«The Walking Dead, Vol. 1: Days Gone Bye» von Robert Kirkman
144 Seiten
ca. CHF 14.30
ISBN: 978-1-58240-358-8
Erschienen am 7. September 2006 bei Image Comics

2 Gedanken zu “Leben mit Untoten – eine Rezension zu The Walking Dead

  1. Willi Wunder

    Tolle Rezension, der Comic ist sehr empfehlenswert. Ich muss aber noch etwas Pedanterie zum Besten geben: Die preisgekrönte Fernsehserie jedoch wird von AMC (auch bekannt für Mad Men oder Breaking Bad) produziert. HBOs Flaggschiff ist zur Zeit Game of Thrones. Zu Beginn wollte man The Walking Dead bei HBO oder NBC unterbringen, als diese jedoch Bedenken wegen der Brutalität äusserten und die Produzenten von TWD diesbezüglich nicht kompromissbereit waren, brachte man die Serie bei AMC unter.
    Offizielle Seite bei AMC (http://www.amctv.com/shows/the-walking-dead)
    Über TWD und die Produzenten (http://www.huffingtonpost.com/jim-hill/walking-dead-amc_b_1968726.html)

  2. dl Artikel Autor

    Vielen Dank für den Hinweis! Vermutlich habe ich mich so sehr an das HBO-Logo von Game of Thrones gewöhnt, dass ich es automatisch für The Walking Dead übernommen habe. Bei zwei solchen Qualitätsserien geht man halt schnell davon aus, dass beide vom selben Sender produziert werden.

Kommentar verfassen


%d Bloggern gefällt das: