gesichtet #49: Das Schlachtfeld zu Rosenau

Von Michel Schultheiss

Der Fleck gehört zu den tristen Gegenden Basels: Die Fassaden des Schlachthofs und der Tiefkühllager sowie der mächtige Kamin der Kehrichtverwertungsanlage prägen hier das Bild. Im Hintergrund ist die Flughafenstrasse mit dem Grand Casino Basel und dem Airport Hotel auszumachen. Die Gegend an Grenze zu Frankreich ist eine Art Niemandsland: Abgesehen von den Lastwagenfahrern kommt hier kaum jemand vorbei, um längere Zeit zu verweilen.

Frigo Kühltransporte

Als hätte die Villa Rosenau nie existiert: Lastwagen drehen hier ihre Runden. Im Hintergrund raucht es dem Kamin der KVA (Foto: smi).

Von der Villa Rosenau, welche hier vor rund neun Monaten noch stand, ist so gut wie nichts mehr zu sehen. Auf Google Street View ist das einstige besetzte Haus, das nach einem Brand abgerissen wurde, noch immer konserviert. Doch betritt man ihren einstigen Standort an der Neudorfstrasse, so scheint es, als habe es die wilde Behausung, das allein in der weiten Schlachthoflandschaft stand, niemals gegeben: Ein öder Parkplatz empfängt den Besucher. Wo einst Bands die menschenleere Gegend beschallten, parken nun Lastwagen für den Kühltransport.

Einzig ein paar Graffitis an Wänden zeugen noch davon, dass es hier einst Leute gab, die über die direkten «Nachbarn» der Villa Rosenau nicht gerade erfreut waren. «Schlachter schlachten» heisst es etwa beim Eingang zum Betrieb von Bell. Daneben ist – passend zum im St. Johann weit verbreiteten Fassaden-Verbalradikalismus – ein Konterfei von Che Guevara zu sehn. Nicht weit davon entfernt keine Schlachtbank, sondern eine Strassenschlacht zu sehen – ein Werk des Streetart-Künstlers Bustart. Bei den Frigo-Kühlhallen, wo im Jahr 2010 ein verheerender Brand tobte, befinden weitere Wandmalereien. Dort, wo damals unzählige Tonnen Fleisch verbrannten, sind Schlachtrufe wie «Vermehre dich» und «Konsumiere» zu sehen.

Bustart

Eine Strassenschlacht beim Schlachthof: Streetart von Bustart (Foto: smi).

Der anfangs erwähnte Parkplatz wird nicht für immer bestehen: Wie der Basler Regierungsrat und der Gewerbeverband vor ein paar Monaten mitteilten, soll das Areal, wo die Villa Rosenau einst stand, dem regionalen Gewerbe zur Verfügung stehen. Auch wenn sich das Gesicht des Areals bald ändern wird: Das selbstverwaltete Zentrum mit Konzertlokal ist nicht vergessen. Ende September wurde die Besetzung vor neun Jahren unter dem Motto «Wir feiern trotz Abriss. Es brennt weiter!» mit einem Umzug gefeiert. Auch wenn das «Schlachtfeld» längst geräumt ist und die Spuren von den Geschehnissen im Februar verwischt sind und einer Gewerbezone Platz machen werden, geben einige ihre Anliegen nicht verloren.

Wenn hier der Schreibende in ein paar wenigen Sätzen ein martialisches Vokabular, wie man es aus hetzerischen Zeitungen kennt, benutzt hat, so soll dies bloss als Stimmungsbild der Gegend an der Schlachthofstrasse verstanden werden – schliesslich haben sich in der ansonsten wenig beachteten Zone bemerkenswerte Szenen abgespielt: Zum einen der verheerende Frigo-Brand, zum anderen das folgenreiche Feuer in der Villa Rosenau – zwei Geschehnisse, die für die Auseinandersetzungen und Entwicklungen an diesem Ecken der Stadt stehen. Somit handelt es sich vielleicht um einen der geschichtsträchtigsten Lastwagen-Parkplätze der Stadt.

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