Ulrich Becher-Briefe – Chronik der Rastlosigkeit

Er gehört zu den Grossen der Deutschen Literatur, wenn auch nicht zu den ganz Grossen. Dazu hatte der 1990 in Basel gestorbene Ulrich Becher nie gut genug in eine Schublade gepasst. Die eben erschienenen Briefe an die Eltern zeichnen das Bild eines Getriebenen und Vertriebenen. 

Versuch eines Selbstporträts eines Rastlosen.

Versuch eines Selbstporträts eines Rastlosen.

Von Andy Strässle

«Oh wievieleviele – einander wild Befehlende – schreien heute: Heil, die Neue Zeit, heut ist sie da, morgen wird sie kommen! nur vorwärtsschaun, der grossartigsten Wiedergeburt aller Zeiten entgegen, nur nicht zurückblicken auf das lumpige, uns in jedem Betracht nicht vergleichliche! Ich aber muss zurück- und vorwärtsschauen, verwirrt, sehnsüchtig, verzagt, zweifelnd und glaubend, weil ich ein Mensch bin und kein Streitwagenlenker.»

Der Mensch ist der Schriftsteller Ulrich Becher, der 1939 aus dem Wallis im Juni 1939 an seine Mutter schreibt. Einen Tag vor dem Anschluss war Ulrich Becher noch von Wien in die Schweiz eingereist. Für Österreich, wo er sich eigentlich wohlfühlt, hat er schon lange kein Verständnis mehr: «Das Land ist erledigt. Heilrufe, Hakenkreuze, Massenwahnsinn überall …»

Es ist ein Wahnsinn, der ihn auch persönlich etwas kostet, sein 1932 erschienenes Debüt: «Männer machen Fehler» wurde 1933 als entartet verboten und damit schlägt seine «Karriereoption» Schriftsteller gleich zu Beginn fehl, nachdem er ein Jura-Studium in Berlin abgebrochen hatte. Der Briefband «Ich lebe in der Apokalypse – Briefe an die Eltern» kann eine Biografie Ulrich Bechers nur schlecht ersetzen, dennoch bewegt nicht nur der literarische Gehalt der Briefe, sondern immer wieder auch das Ringen um Akzeptanz – wenigstens um dasjenige der Eltern – wenn doch in der Welt der «Massenwahnsinn» herrscht.

In den Briefen lernt man früh einen Jungen, später einen jungen Mann kennen, der die Enge nicht mag, so schreibt Deutschlehrer Peter Suhrkamp an den Vater über den Siebzehnjährigen:

«Es ist Ihnen sicher bekannt, dass Uly hier immer ein Aussenseiter war. Bei seiner ganzen Art wird Uly in jeder Gemeinschaft den Extravaganten spielen. Dabei ergibt sich von selbst, dass er auffällt, und dass er kritisch angesehen wird.»

Andere hätte so eine Einschätzung vielleicht angefochten, doch Ulrich Becher blieb unbeugsam, wenn er Lust hatte zu tanzen und es als nichts Schlimmes einschätzte, so sollte doch getanzt werden, wie er in einem Brief seinen Eltern schilderte.

Dazu schien er früh seine Intelligenz auf keinen Fall zu unterschätzen: «[…] wird es manchen (Lehrern) sogar schwerfallen, etwas zu verstehen, weil das Material ziemlich konzentriert angelegt ist.» – Eine Biografie Bechers würde untersuchen, welche Auswirkung es auf den empfindsamen Jungen hatte, dass er mit dreizehn nach Wickersdorf in Thüringen ins Internat kam. Denn im Grunde beginnt schon da ein Leben das von der Emigration, vom Verlassen und Hintersichlassen des Vertrauten geprägt wird, so dass es später als Ulrich Becher mit seiner Frau Dana 1954, Mitte Vierzig endlich in Basel ankommt und sesshaft wird, es doch keine Sesshaftigkeit wird, bei der die Familie je Wurzeln schlagen würde.

Die Briefe an die Eltern spiegeln ein Wanderleben: Sie werden in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Brasilien und in New York geschrieben,  kommen aber auch aus Paris und London. Zunächst aber macht Ulrich Becher in Wickersdorf ein Musikabitur, um schliesslich in Berlin ein Studium der Rechte zu beginnen. Ein Muster in den Briefen wird früh und schnell sichtbar. Es geht immer wieder darum, dass der Sohn mittels Abrechnungen gegenüber den Eltern Rechenschaft ablegen muss.

Trotz Anreden wie «meine allerliebsten Leute» oder «liebe, liebe liebe» folgt der Äusseren eine innere Heimatlosigkeit. Beinahe schmerzhaft sichtbar ringt Ulrich Becher um Eigenständigkeit, um Akzeptanz. So schreibt er, achtzehnjährig, nachdem er zwei Vorlesungen verpasst hat, woraufhin ihm offenbar die Mutter Vorwürfe machte («Es ist Dir ganz egal, ob Papa aus Ärger über Dich einen Schlaganfall bekommt.»):

«Allerdings widerspricht mir eine solche Assimilation meinem inneren Wesen vollständig […] Also bitte macht Euch gar keine Sorgen darüber, ob ein das Studium zu meinem Wesen passt oder nicht, Individualität wird in unserer Zeit so viel als möglich ausgeschaltet, so werde auch ich sie ausschalten […]»

Die Beziehungen zwischen dem Sohn und den Eltern sind anfangs der dreissiger Jahre zum Zerreissen gespannt, Ulrich Becher schreibt an seinen Vater:

«Aber ich will nicht abschweifen, das alles ist ein Kinderspiel gegen das widerwärtigste erbärmlichste Lotterfigur, die Du in Deinem Brief aus mir machst.»

Er sei ein «Frauenfritze» schreibt Ulrich Becher weiter und brauche deswegen nicht das Geld der Eltern um eine Frau zu bekommen und wirft gleichzeitig seinem Vater vor, ihn überhaupt nicht zu kennen. Unterdessen hat Ulrich einen ersten Erzählband «Männer machen Fehler» beendet und herausgebracht. Dennoch wird er bis 1933 weiter studieren, bis dahin hat Vater Richard Becher grosse Teile seines Vermögens in die Schweiz und in die USA transferiert und wird als halbjüdischer Anwalt in Pension gezwungen.

Für Ulrich Becher bedeutet die anbrechende Naziherrschaft den Abbruch seines Studiums und das Verbot seines Erstlingwerkes. Kaum hat seine literarische Karriere begonnen, so scheint sie schon wieder beendet, zumindest, was die finanziellen Möglichkeiten als Schriftsteller angeht. Obwohl Ulrich Bechers Kreativität ungebrochen ist, erhält er in der Schweiz in der er sich in diesen Jahren viel aufhält keine Arbeitsbewilligung. Zwar wird sein Mysteriendrama «Niemand» am Theater in Bern aufgeführt und erscheint 1936 ein zweiter Band mit Erzählungen in einem Zürcher Verlag, dennoch scheint in den Briefen immer wieder durch, dass es inmitten der Verwerfungen der Zeit nicht einfach ist künstlerisch zu arbeiten. Es ist für den jungen Autor ein dauerndes Kopfzerbrechen auf welcher «schwarzen» Liste er sich nun wieder finden könnte.

Ein Indiz für die Spannung, die zwischen Ulrich Becher und seinen Eltern geherrscht haben muss, ist seine Heirat. Deren Ankündigung ist ein scherzhaftes Post Skriptum und die Eltern sind dann an der Hochzeit in Wien nicht anwesend. Im betreffenden Brief nimmt gar eine Auseinandersetzung um Hund «Paulchen» mehr Raum als die Ankündigung der Hochzeit.

Während die Herausgeber die Briefe akribisch kommentiert und annotiert haben, bleibt es dennoch teilweise schwierig, Rückschlüsse auf den Autor und dessen Werk zu ziehen. In einem brillanten Vorwort liefert Martin Roda Becher zwar eine solide Verortung darüber, was die Briefe prägt und ordnet die wichtigsten Motive ein: Es geht immer wieder um den Unterhalt, den die Eltern für Ulrich Becher bezahlen, immer wieder werden Ortswechsel wegen Krankheiten nötig, oder scheinen nötig. Später als die Eltern schon in Brasilien eingewandert sind, sorgt sich plötzlich der Sohn um deren Gesundheit, so dass sich die Rollen vertauschen. Mahnten ihn einst die Eltern nicht viel zu rauchen oder zu trinken, ermahnt er nun sie ja auf die Gesundheit aufzupassen. Als der Briefwechsel nach Kriegsende 1945 endet, ist Ulrich Becher Vater von Martin Roda Becher und lebt in New York. Als die «Weltpest» endet, arbeitet er an einem Gedichtband, hat aber Schwierigkeiten, ihn zu veröffentlichen.

Als 1969 sein Roman grosser Roman «Murmeljagd» erscheint, erklärt Ulrich Becher in einem Porträt des Schweizer Fernsehens von Dieter Bachmann, er habe nie irgendwo hineingepasst. Die Deutschen hätten gesagt, er sei ein Österreicher, die Österreicher, er sei ein Schweizer und die Schweizer, er sei ein Deutscher. Unterdessen sind er und seine Familie schon seit zehn Jahren in Basel sesshaft. Nach einigen Romanen und Erzählungen wird «Murmeljagd» sein grösster Erfolg. Er sagt:

«Ich bin ein Moby Dick in der Literatur. Ich tauche auf und dann wieder unter. Wie ein weisser Wal.»

Die Briefe an die Eltern sind Momentaufnahmen dieser Odyssee, Schnappschüsse einer Reise ohne Ziel. Diese Briefe sind auch eine Mahnung an die Schweiz: Etwa dann wenn Ulrich Mysterienspiel «Niemand» eine Einbürgerung verhindert. In der in den dreissiger Jahren von Nazi-Deutschland eingeschlossenen Schweiz kann sich Ulrich Becher dank seiner Schweizer Mutter zwar relativ frei bewegen, doch werden die Lebensumstände bei einem wachsenden Anti-Semitismus auch für ihn immer schwieriger.

Mit den Briefen an die Eltern hat ein fast Vergessener der deutschen Literatur seine Stimme erneut erhoben. Ein Meister, der nirgendwo dazugehörte, vielleicht einer, der zu früh lernen musste, dass es für ihn kein sicheres Zuhause gibt, der aber gerade darum vielleicht in seinem Schlüsselwerk «Murmeljagd», das Leben als Ausnahmezustand so virtuos zu beschreiben vermochte wie kaum ein anderer.

Ulrich Becher
«Ich lebe in der Apokalypse». Briefe aus dem Exil.
Herausgegeben und eingeleitet von Martin Roda Becher (in Zusammenarbeit mit Dieter Häner und Marina Sommer).
Wien: Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft 2012.
303 S. ISBN 978-3-901602-39-9. Euro 30,-

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