Der Wald

Zum heutigen Texttag erscheint bei «Zeitnah» eine weitere Geschichte von Daniel Lüthi. In «Der Wald» befällt ein merkwürdiger Schimmel das Schlafzimmer einer Frau, und selbst Experten wissen nicht mehr weiter. Denn was da wächst, ist mehr als blosser Befall …

«Zeitnah» präsentiert eine weitere Geschichte von Daniel Lüthi. zVg

«Zeitnah» präsentiert eine weitere Geschichte von Daniel Lüthi. zVg

Von Daniel Lüthi

Als Kendra Storell nach einem langen Arbeitstag dabei war, ins Bett zu gehen, fiel ihr zum ersten Mal der Schimmel an der Decke ihres Schlafzimmers auf. Es war nicht viel mehr als ein schwarzgrauer Streifen, der sich wie eine winzige Galaxie quer über die weisse Farbe zog, und Kendra beschloss, dem Ganzen am Wochenende genauer auf den Grund zu gehen. Sonntags stand sie früh auf und holte die Trittleiter aus dem Keller. Der Schimmelbelag schien nicht gewachsen zu sein, doch bei näherer Betrachtung konnte man sehen, dass die schwarzen Pünktchen nach aussen gewölbt waren. Kendra fuhr mit behandschuhten Fingern über die Oberfläche und staunte über die kleinen Noppen, die sie spürte. Da lässt sich so nichts machen, dachte sie. Diese Nacht schlief sie auf dem Sofa im Wohnzimmer und rief am Montagmorgen vor der Arbeit den Hauswart an. Ein Experte wurde hinzugezogen, welcher abends nach kurzer Inspektion sagte, da wisse er auch nicht weiter. Er verwies auf einen Spezialisten für Schimmelbefall und gab Kendra dessen Nummer. Leider erreichte sie nur den Anrufbeantworter und erfuhr, dass vor einer Woche kein Termin möglich sei.

Kendra bemerkte, dass der Schimmel langsam weiter von der Decke hinunterwuchs, aber sie ignorierte dies vorerst. Zwei Tage später sah sie die Pilze. Sie hatte sich freigenommen und zügelte gerade ihre Kleider aus dem Schlafzimmer in Kartonkisten, da trat sie auf etwas unter dem Kleiderschrank. Es waren milchige Pilze, die aus den Ritzen im Fischgratboden ragten. Als Kendra den Kleiderschrank beiseite schob, kamen dünne Grashalme hinten in der Zimmerecke zum Vorschein. Sofort rief sie erneut den Spezialisten an und schrie ihm fast auf den Anrufbeantworter. Danach buchte sie ein Zimmer in einem Hotel. In dieser Nacht schlief sie zusammengerollt in der Mitte des Doppelbetts, so weit wie möglich vom Boden entfernt. Der Spezialist meldete sich gegen Ende der Woche, seine Stimme klang freundlich und interessiert. Kendra hatte mittlerweile ein Garagendepot gemietet und die Hälfte ihres Haushalts dorthin verfrachtet, die Wohnung und vor allem das Schlafzimmer ansonsten aber nicht betreten. Sie dachte kurz daran, dem Spezialisten einfach den Hausschlüssel zu geben, entschied sich dann aber doch dafür, mitzugehen.

Der Geruch war sinnesbetäubend. Beim Öffnen der Wohnungstüre wehte ihnen ein Duft von feuchtem Laub und Moos entgegen. Beide wussten, was sie erwartete. Dennoch starrten sie fassungslos ins Schlafzimmer – was davon übrig war. Sowohl von der Decke als auch vom Boden ragten Bäume in den Raum, Pilzkolonien und Flechten überwucherten das alte, plötzlich lebendig gewordene Holz. Durchs Fenster schien die Nachmittagssonne und hüllte den Wald in orangenes Licht, unter der Ruine des Betts war ein Sickern und Gluckern wie von einem Bach zu hören. Erst, als ein Frosch auf eine Wurzel beim Nachttisch hüpfte, rührte sich Kendra wieder. Sie drehte sich um. Der Spezialist klammerte sich an den Türrahmen. Er stammelte, dass dies jenseits seiner Kompetenzen sei und er nichts machen könnte. Sie solle die Wohnung verlassen und sich eine neue suchen, am besten heute noch. So ginge es nicht. So ginge es ganz und gar nicht. Dann war er fort. Kendra blieb lange inmitten des kleinen Waldes stehen. Die Sonne verschwand hinter den Dächern gegenüber. Schliesslich ging sie ins Wohnzimmer, rief das Hotel an und sagte, dass sie das Zimmer nicht mehr benötige. Das Depot würde sie behalten.

Fünf Wochen später hatte sie ihr erstes Reh im Wald.

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