Die Krause, eine Kopf-Körper-Kalamität

In Gregor Szyndlers Dialog «Die Krause» geht es um das Opfer einer säuischen ärztlichen Schlamperei.

Cryo_surgery

Sie hätten eine Organspendekarte ausfüllen sollen! «Keine einzelnen Organe oder Gewebe, sondern nur den Körper als Ganzes, bis auf den Kopf, gebe ich zur Entnahme frei!»

Von Gregor Szyndler

Ein Krankenzimmer mit Eckfenstern. Im Bett liegt Gut. Man sieht nur die Krause, die seinen Kopf verdeckt. Der Rest steckt unter Decken. Auftritt Dr. Holz. Tritt neben ihn.

HOLZ Wie fühlen sie sich, Herr Gut?

GUT Grossmehrheitlich gut.

HOLZ Gut. Wie viele Finger sehen sie?

GUT Drei.

HOLZ Korrekt. Und jetzt?

GUT Nichts. Mein Sichtfeld ist verdeckt.

HOLZ Es ist die Krause.

GUT Mein Hals brennt wie Sau.

HOLZ Das wird sich legen.

GUT Gefrorene Himbeeren.

HOLZ Sie haben schon wieder Appetit? Ausgezeichnet.

GUT Nein. Im Tiefkühler. Stromausfall. Taut alles auf. Die Himbeeren zerfliessen.

HOLZ Möglich, dass sie Fieber haben.

GUT Himbeeren ergiessen sich durchs Gefrierfach.

HOLZ Verstehe.

GUT Haben sie sich je an den Kopf gelangt und gefragt: Wie kommen die Bilder da herein?

HOLZ Sie vergessen die Augen.

GUT Man schläft. Wie kommen die Bilder da rein?

HOLZ Heraus eher.

GUT Mir ist kalt. Saukalt.

HOLZ Schwester! Der Patient fröstelt. Thermokompressen! Zack zack.

Holz ab. Nopp an.

NOPP An sie erinnere ich mich.

GUT Und warum sagen sie das erst jetzt?

NOPP Man will sicher sein.

GUT Wovor?

NOPP Vor sich selbst. Vor Gespenstern.

GUT Woher kennen sie mich?

NOPP Im Flur hängen Bilder von ihnen: vor, während, nach der OP.

GUT Während der OP?

NOPP Der Eingriff hatte Beispielcharakter.

GUT Wer hat das angeordnet?

NOPP Keine Ahnung, ich bin neu hier.

GUT Neu? Genau wie der hier.

Gut zeigt auf seinen Kopf.

NOPP Nein, Herr Gut. Das da ist neu!

Sie zeigt auf seinen Körper.

GUT Arme? Beine? Neu? Und was sagen sie dazu?

Er langt sich an den Kopf.

GUT Dieses Loch in meiner Schläfe!

NOPP Lassen sie mal sehen.

GUT Hier.

NOPP Ach das! Das hat nichts zu bedeuten. Ein Einschussloch. Klitzeklein. Kleinkalibrig. Überm Ohr.

GUT Ich bin erschossen worden?

NOPP Sie haben sich erschossen, ja.

GUT Und warum?

NOPP Sie haben keinen Ausweg gesehen.

GUT Ich fass es nicht!

NOPP Das kennen wir doch alle, keinen Ausweg sehen.

GUT Die hätten das nicht tun dürfen. Mit dem Kopf eines Selbstmörders!

Nopp schaut auf einen Piepser. Nopp ab. Bopp an.

GUT Ich bin ein Labyrinth ohne Grundriss und Ausweg.

BOPP Sind sie mal wieder philosophisch.

GUT Wissen sie wie das ist, nach seinem Selbstmord aufzuwachen?

BOPP Sie haben sich erschossen, na und? Anderen geht es dreckiger. Die werden erschossen!

GUT Ich habe mich umgebracht. Und trotzdem bin ich hier. Wie ein anderer, der sich nicht umgebracht hat. Ich muss ein anderer gewesen sein, als ich es tat. Wenn ich ein anderer war, als ich es tat, wurde ich auch von einem anderen erschossen: also ermordet!

BOPP Ach was! Der Körper musste nun einmal frisch sein. Zum Zeitpunkt der Entnahme!

GUT Den Körper wollte ich verpflanzen lassen. Nicht den Kopf. Die haben auf meinen letzten Willen geschissen.

BOPP Es wurde prozessiert.

GUT Prozessiert?

BOPP Sie hätten eine Organspendekarte ausfüllen sollen! «Keine einzelnen Organe oder Gewebe, sondern nur den Körper als Ganzes, bis auf den Kopf, gebe ich zur Entnahme frei!»

GUT Hauen sie ab.

Bopp ab. Kopp an.

KOPP Ich bin Kopp, «Deputy head of room enhancement as well as litter-, space- and neatness-management, B.A».

GUT Wie bitte?

KOPP Raumbewirtschaftung! Bettendisposition! Sie müssen ihr Bett verlassen. Wir brauchen es.

GUT Nein.

KOPP Ihre Fallkostenpauschale ist aufgebraucht.

GUT Ich möchte ihren Chef sprechen.

KOPP Wenn sie dann so frei wären, Formular 2.1/8, Abschnitte A-D, römisch drei und vier auszufüllen? Ich werde es weiterleiten.

GUT Ein Missverständnis! Ich kann nicht weg!

KOPP Aber warum denn!

GUT Da ist noch nichts abgeheilt. Unter der Krause.

KOPP Legen sie sie ab! Sie sind frei! Frei sind sie!

GUT Was ist mit der Gewebeabstossung?

KOPP Seit Monaten liegen sie hier und der Kopf ist noch immer an seinem Ort. Machen wir uns nichts vor. Man hat ihnen etwas vorgemacht. Sie im Koma gehalten. Die Ärzte haben einen Fehler gemacht. Die erste Kopftransplantation aller Zeiten war ein Flop.

GUT Mir ist kalt.

KOPP Nehmen sie die Krause ab. Gehen sie. Sie müssen sich trauen. Wir brauchen ihr Bett.

Kopp ab. Gut legt Krause weg. Setzt sich auf Bettkante. Zieht sich aus, stellt sich vor den Spiegel. Erschrickt.

GUT Das soll ich sein? Dieser Körper? Ich halts nicht aus! Während Jahren im Bett mit einer Krause, wie Hunde sie haben, wenn man ihnen die Klöten abtrennt. Ein Kirschblütentrieb, auf eine Eiche gepfropft. Die Ärzte haben Scheisse gebaut. Meiner Lebzeit hab ich keine Sonne vertragen! Und jetzt das! Da führen die Länder des Nordens alle Selbstmordstatistiken an, und doch muss ich mich auf diesem Körper wiederfinden? Bullshit, ich bin ein Widerspruch in sich. Ein Nichts ohne Wort dafür, ein Garnichts! Kalt ist mir. Eine Packung gefrorene Innereien an der Sonne! Himbeeren. Diese farbenblinden Idioten. Ein solcher Kunstfehler! Wie lange läuft das schon? Die Krause, der Medikamentencocktail. Die Vertröstungen. Der künstliche Tiefschlaf. Ein Trick. Ach, wenn Kopp früher gekommen wäre. Was dann? Ich sei frei! Frei. Man hat mich verarscht. Auf den erstbesten Spendenkörper hat man mich gepflanzt! Zusammengenäht, was nicht zusammengeht. Als hätte man mich an meinen Schatten genäht. Das wollte ich nicht. Nicht das. Niemals. Meinen Körper wollte ich verpflanzen lassen. Nicht den Kopf: der ist doch total amortisiert, nach einem Leben am Schreibtisch. Von den Stirnrunzeln bis in die Verwerfungen des Hirns. Zupacken ohne Verzärtelung, aktiv sein ohne Zergliederung, von der Möglichkeits- zur Wirklichkeitsform gelangen, danach stand mir der Kopf. Ich wollte endlich einen praktischen Kopf. Einen, der an die Hausschlüssel denkt, wenn er aus der Wohnung geht. Einen Kopf, auf den man gehen kann. Ich wollte ein guter Mensch sein. Das versteht sich. Ein guter Mensch sein wollte ich, ohne die Mühsal des Guter-Mensch-Werdens. Sein, nicht Werden. Eine Körper-, keine Kopftransplantation! Sie sagen, das wäre ohne OP gegangen. Zu Lebzeiten? Gleich beim ersten Mal? Ich stehe dieser Ansicht ablehnend gegenüber.

Gut ab. Keiner an. Ende.

Das Grauen der Kryonik (auf der grossen Ebene): Leute lassen sich, «as soon as possible after legal death», den Kopf abtrennen, sobawimö, weil, man muss ja «preserve the brain as well as possible». Der losgeschnittene Kopf wird eingefroren. Irgendwann mag die Medizin Verpflanzungen auf Spendekörper ermöglichen (wie  Nerven an den Körper löten? Wie  altes Hirn mit neuem Körper verschalten?). ¶ Abgetrennte Köpfe in zylindrischen Behältern, vager Gedanke an neues Leben irgendwann (kurz nach dem Brechreflex [von Gefrierbrand übersäte Köpfe, mit klirrenden Verfärbungen der Haut] der Brecht-Reflex: «Der gute Mensch von Irgendwann», so soll der Text  heissen [Wortspiel wie Anlage aufgegeben {da hinderliche Stilisierung}, in die Tonne gekloppt {nicht in die Rezyklingtonne <drauf gesprôchen>, öhm,} ja] … und dann …). ¶ Jahre vergehen; einiges geht den Bach runter, das Buchregal füllt sich (und vom «Guten Menschen von Irgendwann» bleibt nur das einsilbige Relikt). ¶ (Auf der kleinen Ebene:) Ausgeliefertsein an jene Demiurgen in Weiss, die ihre Kunstfehler stets nur zwischen den Zähnen (in den wenigen Stunden, in denen man [als  falsch aufgeschnippelter {und nur mangelhaft wieder zusammengesteppter} Patient] keinen Besuch hat), eher schraffierend andeuten als sie verdeutlichend einzugestehen, in diesen kleinsten Stunden, in denen man medikamentös zerbröselt im Bett liegt, in Wolken treibend; auf Wolken treibend; triefend; so. ¶ Eine Fassung dieses Textes erschien 2011 in der wunderschönen Kunst-Literaturzeitschrift «Lasso». Zuletzt öffentlich gelesen wurde «Die Krause» im Rahmen der «BuchBasel» an der «Lasso»-Best-of-Lesung am 27.10.2013.

2 Gedanken zu “Die Krause, eine Kopf-Körper-Kalamität

  1. dl

    Würde ich sehr gerne aufgeführt sehen. Der arme Herr Gut scheint auch medial ausgeschlachtet worden zu sein (vor, während und nach der OP) und erinnert mich daher an eine moderne Version von Frankenstein, wo das zusammengebastelte Monster nicht mehr versteckt, sondern als medizinische Sensation vorgeführt wird.

  2. gsz

    Danke! Es liegen ja noch irgendwo längere szenische Fassungen rum. Vielleicht wärs den Versuch wert – ggf. auch als Hörspiel. Oder szenische Lesung.

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