Betties Weg – Emmannuele Bercots «Elle s’en va»

Bettie ist Wirtin mit Leib und Seele. Doch als die Grossmutter von ihrem Freund in die Wüste geschickt wird, flüchtet sie vor allem. Auf ihrer Flucht trifft sie ihre alten Miss-Kolleginnen – Bettie (Catherine Deneuve) war in den 60er Jahren nämlich Miss Bretagne; sie trifft ihren Enkel Charly und schliesslich dessen Grossvater auf der Seite des Vaters. Bettie findet so langsam wieder zu sich selbst – und zu ihrer Familie… bzw. zum Rest ihrer Familie, denn sie lebt und arbeitet ja mit ihrer eigenen Mutter.

Bettie und Enkel Charlie verstehen sich meist sehr gut. (Bild: zVg)

Bettie und Enkel Charly verstehen sich meist sehr gut. (Bild: zVg)

Filme über Seniorinnen funktionieren meist nicht – vielleicht, weil die Menschen, die für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnen, meist eben nicht zu dieser Generation gehören. Ganz klar zu einer anderen Generation gehört etwa Sarah Polley, die mit «Away from Her» ein zwar rührendes, aber doch eher manipulatives Werk vorgelegt hat (und damit Alice Munros hervorragender Vorlage «The Bear Came Over the Mountain» in keiner Weise gerecht wird). «Les beaux jours» mit Fanny Ardant liess kein Klischee aus, von den drögen Computerkursen für Seniorinnen bis zur (gähn) Versöhnung mit ihrem langweiligen Ehemann. Auch Isabella Rossellini und William Hurt wurden in Julie Gavras «Late Bloomers» verheizt: hier der Ehemann Hurt, der nicht einsehen will, dass er zum alten Eisen gehört, dort Ehefrau Rossellini, die bereit ist für den neuen Lebensabschnitt.

«Elle s’en va» ist nun weniger eine Anhäufung von derartigen Klischees, schliesslich steht die Deneuve als Bettie noch mit beiden Beinen im Leben – hier ist nicht die Frage: aktiv oder nicht aktiv, bin ich bereit für das Seniorinnenleben im Zentrum, sondern vielmehr die Frage: wie versöhne ich mich mit dem Rest meiner Familie, vor allem natürlich meiner Tochter? Das Resultat lässt sich sehen – zumindest verglichen mit schwachen Streifen wie «Mr. Morgan’s Last Love» (Michael Caine als Rentner) oder «Satte Farben vor Schwarz» (mit Bruno Ganz und Senta Berger). Eine erstzunehmende Auseinandersetzung mit dem Thema ist der Film allerdings wohl dann doch nicht – und kann deshalb mit «About Schmidt» von Alexander Payne nicht mithalten. Dazu verschwinden die Konflikte in «Elle s’en va» dann doch etwas allzu sang- und klanglos. Vielleicht ist es aber auch falsch, Bercots Film mit «About Schmidt» (oder gar Michael Haneke «Amour») zu vergleichen. Regisseurinnen gibt es ja eher zu wenige (bzw. zu wenige, die es schaffen, ihre Filme ins Kino zu bringen), bei der kleinen Welle von Seniorinnenfilmen sind es aber nicht nur meist Frauen, die im Zentrum stehen, sondern es sind auch meist Frauen, die Regie geführt haben (eine bemerkenswerte Ausnahme ist Sebastián Lelios «Gloria»). Diese Filmemacherinnen – geboren in den 60er und 70er Jahren – finden mit ihren Seniorinnen einen Weg, Frauenthemen ins Kino zu schmuggeln, Themen, die wohl mit jüngeren Protagonistinnen nicht funktionieren würden. Emmannuelle Bercot ist es – trotz allen Mängeln – hoch anzurechnen, dass sie einen optimistischen Film gedreht hat, in dem niemand im Alter auf sein (bzw. ihr) Leben verzichten muss – anders als in anderen Seniorinnenfilmen, in denen sich die Protagonistinnen im Grunde genommen nur auf den Tod einstimmen (besonders deprimierend natürlich in «Satte Farben vor Schwarz»). Vielleicht ist es dabei bezeichnend, dass Regisseure wie Michael Haneke oder Alexander Payne sich ganz auf die negativen Aspekte des Alters konzentrieren, während bei den Regisseurinnen beides zum Zuge kommt. Wirklich gelungen sind aber doch nur die wenigsten dieser Filme.

«Elle s’en va» Frankreich 2013. Regie: Emmannuelle Bercot. Mit Catherine Deneuve, Nemo Schiffman, Gérard Garouche, Camille u.a. Deutschschweizer Kinostart: 24.10.2013.

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