gesichtet #95: «Ungebildetes Pack» versus «Spar dir deine Fremdwörter»

Von Michel Schultheiss

Einem manchen sind endlose Diskussionen auf Facebook-Pinnwänden, Twitterkriege oder Endlosdebatten in den Kommentarspalten bestens bekannt. Ist das mittlerweile zu langweilig geworden? Als Alternative gibt’s auch die Oldschool-Variante davon: Hier reicht die Tastatur nicht aus und es muss noch mit der Spraydose Hand angelegt werden. Dafür darf das Resultat aber an einer «echten» Wall stehen. Wie es in früheren Zeiten auf den Toilettenwänden der Uni-Bibliothek üblich war, will auch an dieser Fassade an der Lothringerstrasse im Basler St. Johann die Debatte nie enden.

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Wenn sich Sprayer über Begrifflichkeiten streiten: Das Prinzip der guten alten Wandtafel kommt auch beim Thema Gentrifizierung an der Lothringerstrasse zum Einsatz (Foto: smi).

Unweit von den beiden Orten, an denen Streetart als Protest gegen die Quartierentwicklung zu sehen ist, kann auch diese Diskussion mitverfolgt werden. Anti-Gentrifizierungsslogans gehören mittlerweile zum Inventar des St. Johann. «Basel blyybt dräggyg» – was unweit davon schon zu lesen war, wird auch immer wieder markiert –

eine Art Stinkefinger in Richtung Novartis-Campus. Auch beim Architekturbüro Herzog & de Meuron sind die Parolen zu sehen. Nach mehrmaligem Wegputzen wurde dem «Ihr verdient an Verdrängung» ein «immer noch» angehängt. Die teils lustigen, teils aber auch abgelutschten Parolen sind ein fester Bestandteil des Quartiers – eine Diskussion wie an der besagten Fassade an der Lothringerstrasse sieht man jedoch nicht überall.

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Die «Aufwertung» macht schon mal bei dieser Hausfassade den Anfang (Foto: smi).

Nochmals kurz der Ablauf der Diskussion: «Aufwertung heisst Verdrängung» war urprünglich mal der Slogan. Sogleich war jemand mit dem Rotstift zugegen: «Verdrängung?» Klingt doch viel zu vulgär. Eine Sublimierung musste her. Diese Belehrung konnte ein anderer nicht auf sich sitzen lassen: «Spar dir deine Fremdwörter» war dann sogleich in brauner Farbe zu lesen. Kürzlich hat sich die Farbpalette erweitert. Die «Aufwertung» wurde gentrifiziert und die «Verdrängung» durch eine «Verbesserung» und «Verfeinerung» verdrängt. Mit «ungebildetes illiterates Pack» wurde gleich nachgedoppelt.

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Schulmeisterliche Graffiti: Korrekturen an der Wand (Foto: smi).

Dass sich Sprayer (wohl auch mit einer Prise Ironie) gegenseitig belehren, lässt aufhorchen. Man darf gespannt sein, welchen Lauf die Debatte nun nehmen wird. Wer wird sich geschlagen geben, wer wird beharren? Der Gentrifizierungsgegner oder der Sublimierungsverfechter? Das «ungebildete Pack» oder der Fremdwörterverwender? Wie auch immer: Der Platz für weitere Kommentare ist beschränkt.

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