Zitat der Woche: Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte

Das neue Zitat der Woche weckt Wanderlust: Italo Calvinos Klassiker «Die unsichtbaren Städte» eröffnet uns eine Reise, bei der sich nicht nur die Landschaft und Metropolen, sondern zuletzt auch wir selbst uns ständig verändern.

Reisen ist Erinnerung: Italo Calvinos 55 Städte in «Die unsichtbaren Städte» sind Mahnmale der eigenen und fremden Vergangenheit. zVg

Von Daniel Lüthi

Marco Polo bleibt eines der Phänomene der frühen Reisegeschichte: Bis heute bestreiten manche Historiker, dass der berühmte Handelsreisende im späten 13. Jahrhundert tatsächlich bis nach China gekommen ist – gewisse Passagen seiner Berichte lasen sich wohl nicht nur für Zeitgenossen eher fantastisch als tatsachengetreu. Der Schriftsteller Italo Calvino machte aus der Ungewissheit einen Nutzen und veröffentliche 1972 «Die unsichtbaren Städte», ein vollends fiktiver Bericht Marco Polos am Hof des damaligen Herrschers über China Kublai Khan. Postmodern verspielt finden sich darin 55 Porträts von 55 Städten, die Marco Polo während seinen Reisen gesehen hat und die sich gegenseitig in ihrem Erfindungsreichtum sowohl überbieten als auch ergänzen.

Eine Passage aus «Die unsichtbaren Städte» fasst jedoch einen besonderen Aspekt des Reisens auf, der seit Langstreckenflügen oder Nachtzugfahrten eher sekundär geworden ist: Nicht nur wir bestimmen, wohin wir gehen, sondern wohin wir gehen bestimmt auch uns. Reisen ist nicht bloss eine Vorwärtsbewegung in die Zukunft, an den nächsten Aussichtspunkt oder zur nächsten Raststätte. Vielmehr ist es auch ein Blick zurück in die eigene Vergangenheit.

 …da sich ja die Vergangenheit eines Reisenden gemäss der Reiseroute ändert, und damit meinen wir nicht die nächste Vergangenheit, der jeder vorübergehende Tag einen Tag hinzufügt, sondern die weiter zurückliegende Vergangenheit. Bei seinem Eintreffen in jeder neuen Stadt findet der Reisende etwas von seiner Vergangenheit, das zu besitzen er nicht mehr gewusst hat: Die Fremdheit dessen, was du nicht mehr bist oder nicht mehr besitzt, erwartet dich auf der Schwelle fremder Orte, die du nicht besitzt. (S. 34f)

Jede Reise ist Erinnerung, ein Spiegel, der uns nicht nur das gegenwärtige Bild von uns selbst zeigt, sondern der weit in die Vergangenheit zurückreicht. Wir entscheiden uns für ein Abendessen in einem Restaurant und realisieren, dass wir noch vor fünf Jahren nie ein Gericht mit Fenchel bestellt hätten. Wir laufen durch ein Stück Wald und stossen auf einen Bach, der genauso aussieht wie jener, den wir als Kinder im Wald hinter dem Haus noch zum Stausee umbauten. Reisen bedeutet, Vergangenheit in der Gegenwart wieder zu entdecken, sich selbst neu und alt zu erfinden und zu realisieren, dass jeder Neuanfang darauf aufbaut, was wir bereits erlebt und vielleicht schon längst vergessen haben.

Quelle: Italo Calvino, «Die unsichtbaren Städte». München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH, 1985.

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