gesichtet #89: Die autonome Zone der Krähen

Von Michel Schultheiss

Vermoderte Tische und verschlammte Wiesen, die von einer Baustelle umgeben sind: Der St. Johanns-Platz ist vielleicht eine der trostlosesten Parkanlagen Basels. Gut, hier von einem Park zu sprechen ist vielleicht etwas übertrieben, doch immerhin wird dieser Fläche zugutegehalten, ein Platz zu sein.

Leerer St. Johanns-Platz

Triste Winterstimmung am St. Johanns-Platz (Foto: smi).

Selten trifft man dort auf Anzeichen von Leben. Vielleicht mag das damit zu tun haben, dass sich gleich gegenüber eine weit grössere Parkanlage befindet, die erst noch Zugang zum Rhein hat. Wie auch immer: Die Stimmung bei der Grünfläche, die umgeben ist vom St. Johanns-Tor, einer Primarschule, einem Mormonentempel und den Büros von Herzog & de Meuron mutet stets etwas triste an. Besonders im Winter macht dieser meist tote Park einen besonders deprimierenden Eindruck. Selbst die Bronzeskulptur «Fauler Schüler dem Hund predigend» von Franz Wilde steht hier ein wenig einsam in der Landschaft.

Krähe und Skulptur am St. Johanns-Platz

Zuerst das Fressen, dann die Kunst: Der «faule Schüler» predigt dem Hund, während sich die Krähe mit einem Happen aus dem Staub macht (Foto: smi).

Es lassen sich dort selten Menschen blicken, wohl aber andere Bewohner: Anscheinend hat sich eine gefiederte Bande den Platz mitsamt den Bäumen unter den Nagel gerissen: Krähen haben hier ihr Territorium abgesteckt. Sie teilen den Park einzig noch mit den Tauben. Die scheinen jedoch ihre Unterdogs zu sein, fällt schnell auf, dass die gewitzten Rabenvögel das Sagen haben.

Krähe auf dem Baum am St. Johanns-Platz

Gothic-Stimmung an einem wenig beachteten Platz: Brandon Lees Begleiter auf dem Baum (Foto: smi).

Bekanntlich sorgen die krächzenden Gesellen an manchen Orten für Ärger sorgen, ist es scheinbar kaum möglich, ihnen beizukommen. Zu sehr haben sie sich an das städtische Leben gewöhnt. Und wie auch die Störche im Schützenmattpark und die Eichelhäher an der Vogesenstrasse imponieren ihnen die Zweibeiner nicht mehr besonders. Billige Tricks wie Uhu-Attrappen durchschauen sie bald einmal. Zumindest am St. Johanns-Platz scheint die Schlacht eindeutig zugunsten der Vögel ausgegangen zu sein.

Normen brechen

Ein Bruch in der Norm wie auch in der Landschaft: Coladose und Wetterhäuschen als abrupte Farbkleckse auf dem öden Platz(Foto: smi).

Vielleicht sind die Krähen sogar so gerissen, dass auch die benachbarten Büros von Herzog & de Meuron ein Kriterium für die Wahl ihrer Spielwiese war. Vor ein paar Wochen ging gleich nebenan ein Umzug vorbei, der dort Spuren hinterliess. Parolen wie «Architekten im Dienste der Herrschaft» und «Ihr verdient an Verdrängung», die mittlerweile entfernt wurden, zierten während kurzer Zeit die Fassade. Womöglich haben die Krähen die Sachlage bereits erfasst: Mit dem St. Johanns-Platz haben sie sich ihren Freiraum gekapert. Mit der alten Stadtgärtnerei gleich gegenüber haben sie sich zudem einen symbolträchtigen Ort dafür ausgesucht. Ist die Aufschrift «Normen brechen» als Hinweis darauf zu deuten, dass die schwarzen Gefiederten in dieser Hinsicht wesentlich erfolgreicher vorgehen? Selbst mit Stararchitekten vor der Haustür lassen sie sich nicht so einfach verdrängen.

Tisch am St. Johanns-Platz

Tische, die jetzt selten Besucher haben (Foto: smi).

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