gesichtet #54: Meister Adebars Vorliebe für den Schützenmattpark

Von Michel Schultheiss

Afrika ist so was von gestern. Ein Park mitten in Basel ist nun das angesagte Ferienziel unter den Störchen. Zumindest für einen Teil von ihnen. Obschon spätestens seit den «Schlieremer Chind», welche die jährlichen Reisen des Weissstorchs besingen, einem manchen seit dem Kindergarten bekannt sein dürfte, dass der besagte Vogel kein Winterharter ist, trifft dies längst nicht für alle Vertreter seiner Art zu: Im Winter ist auch der eine oder andere Daheimgebliebene anzutreffen. Der Schützenmattpark scheint es den Klapperstörchen besonders angetan zu haben, auch wenn es diese Grünzone immer wieder in die negativen Schlagzeilen schafft – eine Zeit lang war etwa in den Medien von Messerstechern und vergifteten Pudeln zu lesen. In letzter Zeit machte er aber auch in kultureller Hinsicht von sich reden: Das etwas vergessen dastehende «Denkmal der Dankbarkeit» (welches zurzeit mit einem Protest-Transparent der Sans-Papiers ein wenig sichtbarer geworden ist) hat Gesellschaft bekommen: «Skultur II», Klaus Littmanns Kulturprojekt hat der Grünanlage einen neuen Schliff verpasst.

Störche und Keith Haring

Stammgäste im Park: Zwei Störche posieren vor Keith Harings Skulptur (Foto: smi).

Meister Adebar scheinen wohl weniger die Plastiken als viel mehr andere Gründe in den Park gelockt zu haben. Weshalb aber zieht es die Störche lieber zu den Littmann-Skulpturen als in den Süden? Dies ist eine längere Geschichte. Nicht immer war es nämlich so gut um die gefiederten Lebensbringer bestellt: Die Weissstörche galten anno 1950 in der Schweiz als ausgestorben. Der Rückgang der Feuchtgebiete (und somit auch ihrer Nahrungsquellen) machte ihnen das Leben schwer. Heute nisten wieder mehrere Hundert Brutpaare, was auf zahlreiche Wiederansiedlungsprojekte zurückgeht. 1982 konnte im Zoo Basel das erste brütende ausgewilderte Storchenpaar gesichtet werden. Die wieder neu angesiedelte Population wurde daran gehindert, nach Afrika zu fliegen. Man wollte die seltenen Brutvögel schliesslich nicht mit dieser riskanten Reise aufs Spiel zu setzen. Einige der Nachkommen dieser Sesshaften ziehen wieder in wärmere Gefilde, bei anderen wiederum ist diese Fähigkeit über die Generationen hinweg verloren gegangen. Diese überwintern stets in der Region Basel. Wenn alles zugefroren ist und sie nichts in den Schnabel kriegen, werden sie an den Storchen-Station Oberwil oder im Zoo gefüttert. Im eigentlichen Bestand des «Zolli» gibt es somit nur ganz wenige Störche. Die meisten sind Zugezogene, welche die hohen Bäume nutzen, um zu nisten. Sobald wieder alles auftaut, werden sie nicht mehr mit mehr mit Häppchen verwöhnt.

Storch und Luginbühl

Offene Mäuler vor Luginbühls Monstrosität (Foto: smi).

Manche dieser Nachwuchsstörche, welche den Wegzug in den Süden verlernt haben, entdeckten den Schützenmattpark als ideales Überwinterungsgebiet. Während ihre Kollegen manchmal schon Ende August ans Aufbrechen denken, mischen sich diese Daheimgebliebenen unter die Menschen. Sowohl im Sommer wie auch im Winter gibt es dort nämlich immer wieder spendierfreudige Parkbesucher. Die Klappergesellen werden dort ausgiebig verpflegt, was sich herumgesprochen haben muss. Wie das Denkmal der Dankbarkeit, die Skulpturen und das Pavillon gehören auch sie mittlerweile zum Inventar des Parks. Zwischen Bernhard Luginbühls mächtiger Eisenskulptur «Dickfigur Beteigeuze» und Keith Harings Stahlplatten-Figur «Head through the Belly» stolzieren sie über die Wiese. Dabei nutzen sie die Tatsache, dass es zur Winterzeit auf dieser matschigen Matte kaum spielende Kinder hat. Da sie wissen, dass sie ab und zu mal etwas für leibliches Wohl bekommen, sind sie auch relativ zutraulich und wagen sich nahe an die Spazierwege und ans Restaurant. Ein paar regelrechte Stadt-Störche, welche ein wenig anders ticken als manche ihrer Artgenossen, scheinen sich also in diesem Park etabliert zu haben.

Zwei Störche

Zutrauliche Genossen auf der Spielwiese (Foto: smi).

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