Rache und Roaring Twenties: «The Merchant of Venice» im Englischen Seminar

Die Theatergruppe «The Gay Beggars» inszeniert mit «The Merchant of Venice» eines der umstrittensten Stücke Shakespeares auf der Bühne des Englischen Seminars der Uni Basel. «Zeitnah» berichtet von der Premiere.

Rot und Schwarz sind nicht zufällig die Hauptfarben der Inszenierung. zVg

Das kräftige Rot des Flyers ist auch auf der Bühne ein farbliches Leitmotiv. zVg

Von Daniel Lüthi

Kaltes, blaues Licht. Zwei Personen betreten flüsternd die Bühne, oben auf dem Balkon erscheint ein weiteres Pärchen. Das Getuschel und Gewisper nimmt zu, immer mehr Leute versammeln sich, teils mit Champagnergläsern, teils wild gestikulierend und leise lachend. Die Nachtclubstimmung verstummt abrupt, als eine Frau in Begleitung die Bühne durchquert. Niemand spricht mehr, alle starren ihr feindselig nach. Die Kälte im Saal wird spürbar. Wer ist diese Frau? Man ahnt die Antwort bereits: Es ist Shylock, der Jude – oder hier die Jüdin.

Shylock

Shylock (Karolina Kowalska) als Frau verleiht der Inszenierung eine zusätzliche Tiefe. © Amadis Brugnoni

Roaring Twenties und unterschwellige Erotik

Diese Geschlechtsumwandlung ist die wohl radikalste Abkehr vom Original Shakespeares, doch die Besetzung funktioniert. Diese Shylock (Karolina Kowalska) ist nicht bloss jüdisch, sondern muss sich zusätzlich als Geschäftsfrau in einer männerdominierten Finanzwelt durchkämpfen. Der antisemitische Neid auf den reichen Juden wird ergänzt durch den Neid auf die selbständige Frau. Darüber hinaus verleiht die weibliche Besetzung der Rolle eine erotischere Dimension: Zwischen Antonio (Samuel Ammann) und Shylock knistert nicht nur der Hass, sondern auch die angedeutete Möglichkeit einer früheren und fatalen Affäre der beiden. Das hassersehnte Pfund Fleisch und Shylocks Appell «I would be friends with you and have your love» bekommen in dieser Aufführung dadurch eine neue, tiefere Bedeutung.

Shylock Antonio

Der Kampf um Gerechtigkeit und Rache wird zwischen Shylock und Antonio (Samuel Ammann) exzellent umgesetzt. © Amadis Brugnoni

Die Versetzung der Handlung ins Venedig der 1920er-Jahre dagegen hätte man noch eingehender umsetzen können. Den eindrucksvollen Kostümen steht ein minimalistisches Bühnenbild gegenüber, schlicht in Rot, Schwarz und Silber gehalten, das die Roaring Twenties nur ansatzweise wiedergibt. Natürlich sind Exzesse à la «The Great Gatsby» weder im Kontext des Stücks noch auf der eher kleinen Bühne des Englischen Seminars angebracht. Aber etwas mehr hätte nicht geschadet.

Energie und Weltwirtschaftskrise

Dafür sticht die Energie der «Gay Beggars» einmal mehr heraus. Obwohl mehr als zweieinhalb Stunden lang, fühlt sich «The Merchant of Venice» vor allem in der ersten Hälfte kurzweilig an. Kleine Nebenhandlungen, pantomimische Gespräche oder auch blosse Gesichtsausdrücke brechen die teils (zu) langen Monologe sinnvoll auf. Schade nur, dass die entscheidende Gerichtsszene des vierten Akts verhältnismässig statisch umgesetzt wurde. Der Höhepunkt des Dramas um Rache, Fleisch und Antisemitismus berührt und stösst gleichermassen ab, doch die Bühne tritt hier mehr als halbleere Bühne hervor und nicht als voller Gerichtssaal.

Bühne

Ein minimalistisches Bühnenbild steht in krassem Gegensatz zu den prächtigen Kostümen. © Amadis Brugnoni

Dennoch: Sobald Shylock ihr Messer wetzt und Antonio apathisch sein Hemd aufknöpft, um für das geforderte Pfund Fleisch zu sterben, stellt sich Gänsehaut ein. Dass Letzterer am Ende nicht nur unbeschadet überlebt, sondern zusätzlich seine verschollen geglaubten Handelsschiffe zurückbekommt, erinnert in diesem Kontext an die Stimmung vor der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929. Noch einmal haben sich die spekulativen Geschäfte und Risiken gelohnt, der Bankrott wurde knapp vermieden, der Nadelstreifenanzug sitzt. Ein Schelm, wer da an 1:12 und die heutige Finanzsituation denkt.

Es sind solche Bezüge zur Gegenwart und das gelungene Schauspiel, die «The Merchant of Venice» am Nadelberg nicht nur für Shakespeare-Kenner interessant machen. Gute Englischkenntnisse sind jedoch Voraussetzung zum Verständnis der tiefen Ambiguität des Stücks, die sich auf verschiedenste Weise in nahezu allen Figuren widerspiegelt – egal welchen Geschlechts oder welcher Konfession. Dieser Zwiespalt ist vielleicht die grösste Faszination der Inszenierung.

«The Merchant of Venice» im Englischen Seminar, Schönes Haus, Nadelberg 6.
Weitere Aufführungen am 6., 8., 9., 12. und 14. Dezember 2013.
Die Theaterkasse öffnet um 19:30 Uhr, Beginn des Stücks um 20 Uhr. Ausnahme: Die Aufführung am Sonntag, dem 8. Dezember beginnt bereits um 17 Uhr, Theaterkasse offen ab 16:30 Uhr.
Tickets am besten vorreservieren unter reservations@gaybeggars.ch
Preise: CHF 25.- regulär, 15.- für StudentInnen

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